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, welche den römischen Palästen nicht eigen ist. Sie machen den Eindruck von Wohnungen für ernste, edle, hochherzige Geschlechter, deren Leben in grossen Gedanken und wichtigen Taten verläuft, die zur Erholung wohl prächtige und feierliche Feste und einen Luxus im grossen Stil, Hallen mit Marmorsäulen, Säle voll Freskobilder, Sammlungen von Gemälden, Statuen und Vasen kennen, aber keine Ahnung haben von der luxuriösen Eleganz, welche so übertrieben und so kleinlich in der Mode der Gegenwart zum Vorschein kommt. Die meisten Menschen fühlen sich sehr unbehaglich in einem solchen Palast, wo ein Saal zuweilen grösser ist, als eine ganze modische wohnung in Paris oder als ein ganzes elegantes Haus im Westende Londons. Judit hatte sich, um diesem Unbehagen zu entfliehen, ein Zimmer nach elegantem Komfort einrichten lassen. Schwere Vorhänge verhüllten die Türen, ein weicher Teppich bedeckte den Fussboden; ein Marmorkamin erfüllte seinen Zweck und gab Feuerkeinen Rauch; ein Pianino und anderes modisches Mobiliar füllte den Raum. Dies Zimmer hatte Judit für ihre Einsiedelei erklärt. Niemand durfte es betreten ausser Madame Miranes, und diese tat es nicht, weil sie auf alle Launen ihrer Tochter bereitwillig eingingüberdas in ihrem eigenen Zimmer denselben Komfort hatte. Es war ein seltsamer Kontrast zu diesem Zimmer und zu Judit selbst, dass sie zuweilen arme Leute, die sich mit Bittschriften an sie gewendet hatten, gerade hier empfing. Sie war sehr wohltätig, ja mehr als das! sie war teilnehmend für fremde Not. Weil sie in Gold schwamm, beklagte sie die tausend Entbehrungen der Armen. Sie machte es nicht wie so viele, welche ihre Gedanken von den Dürftigen abwenden, um nur ja nicht im Vollgenuss des Wohlbehagens durch ein trübes Bild gestört zu werden.

Eines Morgens hatte Judit eine arme Witwe, die traurige Mutter von vier kleinen Kindern, erfreut und getröstet entlassen. Die Frau ging die Nebentreppe hinunter, welche zu diesem teil der Gemächer führte und stiess am Fuss derselben auf einen Geistlichen, der zu ihr sagte:

"Ich finde keinen Diener, um mich zu melden. Wie komme ich zu der Signora, die hier im ersten Stock wohnt? oder ist es noch zu früh?"

"Zu früh für Diener und Gesellschaft; aber nicht zu früh, wenn Sie ein Anliegen bei der Signora haben. Nur hier hinauf, Signor Abbate! da finden Sie eine Tür; da klopfen Sie anund die seligste Jungfrau Maria verhelfe Ihnen zu Ihrem Anliegen, wie sie mir zu dem meinen bei der edlen Seele verholfen hat," entgegnete die Frau und trocknete die Tränen ihrer kummervollen Augen.

Das ist eine gute Vorbedeutung! dachte Hyazint und folgte der Weisung. Judits Kammerfrau öffnete die Tür, an die er klopfte, nahm ohne weiteres an, dass jemand, der so früh und in so demütiger Haltung auf diesem Wege vorgelassen zu werden wünsche, ein Bittender sein müsse, führte ihn durch ihr Zimmer, machte eine zweite tür auf, teilte einen Vorhang von dunkelrotem Damast und hiess ihn eintreten. Judit sass am Kaminfeuer auf einer niedrigen Causeuse. Neben ihr auf einem Tisch von florentinischer Mosaik stand ein wunderschöner Kasten von Schildkrot mit Silberfäden eingelegt und mit weissem Atlas gefüttert, worin sich eine Menge Schmucksachen befanden, welche sie musterte. Sie trug eine weite Jacke von violettem Sammt mit Zobel besetzt, in die sie sich hüllte, denn es war ein kalter Wintertag. Ein starker Arom von allerlei Wohlgerüchen erfüllte dies Zimmer mit einem Duft, welchen die kaum bemerken, die an ihn gewöhnt sind, und welcher anderen oft unerträglich erscheint. War es der Arom, oder eine gewisse orientalische Pracht des ganzen Bildes, oder Judit selbst und das, was er von ihr wussteund hoffte: genug, Hyazint dachte unwillkürlich an Maria Magdalena vor ihrer Bekehrung. Er blieb ruhig an der tür stehen, als Judit sich von der Causeuse erhob und auch ganz ruhig sagte:

"Was wünschen Sie, Signor?"

"Für michnichts!" entgegnete er, "aber ...." –

"Ich verstehe!" unterbrach sie ihn freundlich; "für irgend ein Werk der Barmherzigkeit!" und sie schloss ein Schränkchen auf.

"Aber ich bitte für Gott um Ihre Seele, Signora," sagte Hyazint.

"Ah, Sie sind von Lelio zu mir gewiesen!" rief Judit und wendete sich rasch ihm zu. "Sein Sie willkommen! .... Sind wir uns schon irgendwo begegnet?" setzte sie hinzu, als sie ihn ins Auge fasste.

"Das kann wohl sein," entgegnete Hyazint gelassen. "Ich war neulich in der Kirche Maria della pace, als Sie dort mit Lelio die Sibyllen bewunderten."

"Aber Sie sind kein Römer?" fragte sie wieder, als müsse sie eine Erinnerung verfolgen.

"Das beweist meine Aussprache zur Genüge," sagte Hyazint lächelnd. "Indessen ist die Veranlassung, die mich hierher führt, zu wichtig, als dass sich die Signora bei meiner armseligen Persönlichkeit aufhalten dürftenvorausgesetzt immer, dass Lelio recht hatte."

"Was sagte Ihnen Lelio, Signor?"

"Sie wünschten die katolische Kirche kennen zu lernen und getauft zu werden."

"Hauptsächlich aber wünsche ich Gräfin ..." – Sie stockte, deutete Hyazint an, Platz zu nehmen, setzte sich wieder auf ihre Causeuse und nahm einen grossen grünen Tafftfächer mit Stäben von Sandelholz zur Hand, mit dem sie spielte und den sie zuweilen als