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befriedigt fühlen durch die ungeheueren Opfer, die er ihr bringt. Hat sie aber keine Neigung für ihn und handelt sie nur aus Stolz und Ehrgeiz, so werden diese Disteln und Dornen das Wort von der Wahrheit in ihrer Brust ersticken."

"Signor Abbate, ein Frauenherz ist für unsereinen unergründlich! Sie wissen besser Bescheid in der menschlichen Seele, als ich, und werden leichter erkennen, wie es mit Judit beschaffen ist. Ich glaube, dass sie gerührt ist durch die anhänglichkeit, welche Graf Orest seit Jahren für sie hat; aber ich glaube auch, dass sie weniger davon gerührt sein würde, wenn er nicht reich und nicht Graf wäre. Der Flitter der Bühnenwelt ist ihr unerträglich, aber der Glanz im Privatleben scheint ihr unerlässlich. Ihr muss ein Licht aufgehen, in welchem Glanz und Flitter ersterben und, so Gott will! werden Sie es ihr bringen."

"In neun Tagen geb' ich Ihnen Antwort," sagte Hyazint. "Beten Sie einstweilen, dass das geschehe, wodurch Gott am meisten verherrlicht werde, und dass er sich ein passendes Werkzeug dazu erlese. Ich fühle mich dieser Aufgabe, an welcher für Zeit und Ewigkeit so ungeheuer viel hängt, nicht gewachsen."

Sie trennten sich. Lelio frohlockte bei sich selbst: Und er wird es doch sein! gerade er! die Demut ist ein David, welcher den Goliat des Stolzes besiegt. Als Judit ihn nach einigen Tagen fragte, ob er noch keinen Geistlichen gefunden habe, sagte er ernst:

"Signora, es ist nichts Geringes, was Sie wünschen und solche Wünsche sind nicht auf der Stelle zu erfüllen. Ich suche und bete."

"Lelio! Sie sind mein wahrer Freund!" rief sie. "Wäre nur erst alles vorüber! Graf Orest ist sehr verstimmt; er sagt nichts, allein ich fürchte, er kämpft mit grossen Schwierigkeiten. Fiorino ist von einer unerträglichen Bitterkeit. Ich möchte ihm täglich, ja stündlich den Laufpass geben und ich täte es, wenn ich nicht fürchtete, dass er sich dann bei Graf Orest einnisten würde, was mir nicht lieb wäre, und wenn ich nicht wüsste, dass sich ja in einigen Wochen oder Monaten seine Stellung bei mir von selbst auflöst. O wär' es so weit! wär' ich doch getauft, mit Graf Orest vermählt und fort von hierweit fort, damit 'die Judit' vergessen werde."

"Geduld! Geduld!" entgegnete Lelio; "es wird sich schon alles entwirren und lichten, wenn man sich nur den himmlischen Führungen überlässt. Suchen Sie nur Graf Orest recht sanft zu stimmen."

"Ach, Lelio!" erwiderte sie, "das geht über meine Kräfte. Er ist, wie die guten englischen Wettrenner, die, je näher dem Ziel, desto rascher laufen, bis sie ohne Atem und Besinnung anlangen und selbst von ihrem Reiter nicht mehr gezügelt werden können."

"Diese Eigenschaft ist besser für ein Rennpferd als für einen Menschen," bemerkte Lelio trocken.

"Freilich wohl! der arme Orest ist überreizt durch den Druck seiner Verhältnisse, für die er kein Gegengewicht hat."

"Und an der Seite eines solchen Mannes rechnen Sie auf Glück, Signora?"

"Warum nicht, Lelio? sobald der Druck aufhört, findet er von selbst sein Gleichgewicht."

"Teure Signora," sagte Lelio und schüttelte sanft den Kopf, "der Druck, der auf dem Menschenauf jedem Menschenlastet, hat die Bestimmung, ihn höher zu heben, als er ohne denselben steigen würde. Sehen Sie den Vogel an: auf der Erde sind ihm seine Flügel lästig und hindern ihn, seine Füsse zu brauchen. Aber seine Last gibt ihm Schwung und er fliegt hoch zum Himmel hinauf. Sehen Sie die Quelle an, wie sie sich bequemen muss, ihr natürliches Bett zu verlassen und in die Tiefe hinabgedrückt zu werden. Aber als ein schöner, kräftiger Wasserstrahl steigt sie im Springbrunnen auf, ein kristallner Baum mit perlenden Zweigen; der Druck erhebt und verschönert sie. Das soll auch seine Folge in den menschlichen Charakteren sein. Gerade der Druck soll unseren Willen im Gleichgewicht mit unserer Bestimmung erhalten. Spüren wir keine Last, so gleitet das Leben behaglich dahin und versumpft in den Niederungen der Irdischkeit, wo die edle geistige natur der Seele zu kurz kommt. Gönnen Sie dem Grafen Orest ein wenig Druck."

"Seit Ihrer Bekehrung, Lelio, haben Sie eine ganz idealische Auffassung des Lebens bekommen, die mir sehr gefällt, die ich sogar recht gut verstehe und die ich doch nicht zu der meinen machen möchte. Ist das nicht ein wunderlicher Widerspruch?"

"Er ist leider ein sehr gewöhnlicher, Signora! die sinnlich stolze natur hängt an ihrem egoistischen Wohlbehagen und bekämpft die höhere Erkenntnis des Geistes!"

"O wie wahr!" rief Judit; "o wie haben Sie Recht! Aber, Lelio, was ist es denn, das die sinnlich stolze natur in der Menschenbrust besiegt?"

"Signora! das ist das Geheimnis des Kreuzes."

"werde' ich es je erkennen, Lelio?" fragte sie mit ihrem schwermütigen Ausdruck.

"Ja!" sagte Lelio zuversichtlich; "durch das Auge der Welt."

Der Weg zu beiden Schicksalen

In der grossartigen wohnung, welche Judit in einem der prächtigsten Paläste auf dem Corso genommen, hatte sie sich ein Zimmer mit der freundlichen Behaglichkeit eingerichtet