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Sollte er vielleicht das Werkzeug Gottes zu Judits Bekehrung, zu Orests Rettung sein? Lelio war so ergriffen durch Judits Entschluss, von einem katolischen Geistlichen sich unterrichten und taufen zu lassen, dass er fortan alles hoffte von der Barmherzigkeit Gottes, und als Hyazint aufstand, um die Kirche zu verlassen, ihm folgte und demütig sagte:

"Signor Abbate, ich möchte die Ehre haben mit Ihnen zu sprechen, weil Sie ein Bruder des Grafen Orest sind, der vor einer halben Stunde hier war. Ich spiele die Orgel hier an der Kirche und wohne ganz in der Nähe bei meinen Eltern."

"Können Sie nicht zu mir kommen?" fragte Hyazint befremdet.

"Sehr gern!" entgegnete Lelio unbefangen; "nur muss ich Sie allein und, wo möglich, ganz unbemerkt sprechen, denn es betrifft die Bekehrung der Dame, welche Graf Orest so eben begleitete."

"Ich folge Ihnen, Signor!" sagte Hyazint äusserst überrascht durch diese unerwartete Nachricht; und bald befanden sich beide in Lelio's stillem Zimmer, wo dieser Hyazint in Kenntnis von seinem Verhältnis zu Judit und von allem setzte, was er über sie und Orest als Augenzeuge wusste.

"Heute nun," so schloss er seinen Bericht, "hat sie mir erklärt, dass sie sich mit dem Geist des christentum bekannt machen wolle. Das ist ihre Art sich auszudrücken. In unserer Sprache heisst es: sie will sich in der Lehre der Kirche gründlich unterrichten lassenund das heisst so viel, als sich bekehren."

"Doch nicht ganz, Signor," entgegnete Hyazint; "Stolz und Ehrgeiz sind von je her ein paar gefährliche Feinde der christlichen Lehre von der Demut gewesen und das scheinen ja Grundzüge ihres Charakters zu sein. Sie verlangt mehr eine belehrende und anregende Unterhaltung für ihren Verstand, als dass sie sich nach der Offenbarung einer Wahrheit sehnte, von der sie im innersten Wesen zugleich erleuchtet und ergriffen genug würde, um sich mit all' ihren hochfliegenden Plänen ihr zu opfern."

"Man kann das nicht ersehen, was man nicht kennt, Signor Abbate, und sie steht ja ausserhalb der Gnaden des christentum, kennt also nur ein natürliches Licht, natürliche Gaben, natürliche Empfindungen. Wer kann sagen, welche Wünsche nach himmlischen Dingen in ihr erwachen werden, wenn sich die himmlische Licht- und Gnadenwelt vor ihr auftut. Ich meine, Signor Abbate, Sie sollten zu ihr gehen, und ihr sagen, Sie wären der Geistliche, den sie begehrt habe und Sie wären mit mir befreundet. Ich weiss wohl, dass ich dieser Ehre nicht wert bin, aber ich weiss auch, dass Sie um des bitteren Leidens willen, welches der göttliche Erlöser für mich geduldet hat, mir befreundet sind."

"Wird sie nicht misstrauisch werden, wenn sie meinen Namen erfährt."

"Den darf sie vor der Hand nicht wissen! Sie brauchen ja nur, wenn sie fragen sollte, Ihren Taufnamen zu nennen."

"Und wenn ich meinen Bruder dort träfe!"

"In den Morgenstunden treffen Sie ihn nie. Dann ist sie immer allein, mit musikalischen Studien und mit Lektüre beschäftigt."

"Was in aller Welt kann aber meines Bruders Absicht sein, da es unmöglich ist, seine Ehe für ungiltig zu erklären!"

"Judit selbst scheint es nicht zu wissen. Sie macht sich nur ihrerseits bereit, damit sie keine Verzögerung in die Angelegenheit bringt, sobald diese eine günstige Wendung nimmt."

"Entsetzlich!" rief Hyazint, "mit einer solchen Kaltblütigkeit ein heiliges Verhältnis zu zerreissen."

"Sie wähnt das Glück des Grafen Orestes zu begründen."

"Ja, sie! aber er! aber er! Ach, ich fürchte fast, er wird noch schwerer zu bekehren sein, als sie. Ihr ist die Gnadenwelt verschlossen gewesen; aber er gehörte derselben an und verlässt sie! und verachtet sie! sein Zustand ist viel gefährlicher."

"Allerdings!" entgegnete Lelio; "allein uns stehen augenblicklich keine Wege zu Gebot, auf denen wir an seine Seele heran kommen könnten, während sie bei Judit geebnet sind. Ist das nicht eine höhere Fügung, dass sie katolischen Unterricht begehrt?"

"Ich muss mich besinnen, was ich zu tun habe," sagte Hyazint. "Ich muss beten, um den Willen Gottes zu erkennen. Ich muss mich mit so vollkommener Hingebung als Werkzeug ihm anbieten, dass meine Armseligkeit seine grossen, liebevollen Absichten nicht vereitelt. Neun Tage muss ich Zeit haben, Signor, schliessen Sie sich meiner Novene an."

"Mit Freuden!" rief Lelio. "Neun Tage hindurch werde ich die seligste Jungfrau Maria mit dem Gebet der Verbannten im Tal der Tränen, mit dem Salve Regina anrufen, damit auf ihre Fürbitte Judit's Verbannung aufhöre. Glauben Sie mir, Signor Abbate, wenn sie zuweilen mit ihrem tief melancholischen Ausdruck in schweigendes Sinnen sich verliert, so fallen mir die Töchter Israels ein, die ihre Harfen an die Weidenzweige gehängt haben, trauernd an Babylons Flüssen sitzen und weinen, wenn sie Sions gedenken. Nur ist bei ihr der israelitische Typus gänzlich in der Frivolität moderner Allerweltsbildung untergegangen und das Sion, nach welchem sie weint, liegt nicht in ihrer Vergangenheit, wohl aber in ihrer Zukunft."

"Hat sie denn keine Zuneigung für meinen Bruder? Erwiderte sie seine leidenschaft nicht? Wäre das der Fall, so müsste sie sich ja beglückt und