auf ewig aus und vorbei mit der berühmten Sängerin Judit Miranes! Sie müssen mir dazu Glück wünschen, Lelio, denn ich freue mich darauf, wie auf eine Erlösung. Bringen die Verhältnisse des Grafen noch eine Zögerung mit sich, so muss man sich fügen; und in dem Fall will ich nach Neapel gehen – doch nur aus Liebhaberei. Jetzt aber wollen wir Rafaels berühmte Sibyllen bewundern, die ja Ihre Kirche Santa Maria della pace schmücken."
Orest stellte sich ein, Madame Miranes erschien, und sie fuhren nach jener Kirche, die ein so wunderschönes Kunstwerk umschliesst, wie die Gruppe von vier Sibyllen ist, welche Rafaels Pinsel mit der ganzen Fülle seines Seelenzaubers al fresco an den Bogen einer Kapelle gemalt hat. Da ruhen sie in stiller Sammlung und lassen den Strom des Lebens unbeachtet an sich vorüber rauschen und schauen über ihre Gegenwart und über die kleinen Geschicke der Menschen mit ihren wunderbaren, nicht bloss sehenden, sondern wissenden Augen, in den göttlichen Lebenskeim, den die Zukunft ihnen entschleiert hat, klar hinein. Nie ist das Heidentum edler, schöner, tiefsinniger aufgefasst und dargestellt worden, als durch diese Sibyllen. Die Ahnung von einem Erlöser, einem göttlichen Sühnopfer, einem Hineintreten des Göttlichen in das Menschliche, um dieses zu einer verlorenen Glückseligkeit, zu einer höheren Stufe des Seins zurückzuführen, durchzittert die ganze antike Welt, wie die Schwingung einer Seite, die nur klingt, aber keinen bestimmten Ton anschlägt. Und dies Ahnungsvolle in der antiken Welt, das in ihren grössten Menschen, in einigen ihrer Kunstschöpfungen, in manchen Myten, in einzelnen geheimnisvollen Lehren sich äussert, um dann wieder in einem Meer von wüsten Fabeln des Geistes, von wilden Orgien der Phantasie unterzugehen, gibt ihr einen eigentümlichen Reiz, etwas Tragisch-Anziehendes. Wie ein Gestirn aus einer anderen Hemisphäre, das nur am Horizont aufleuchtet, um sogleich wieder unter denselben zu verschwinden, steht diese Ahnung von der Offenbarung einer übernatürlichen Liebe tief am Horizont der heidnischen Welt, und deren Wolken und Nebel fluten über sie dahin – ohne sie zu vernichten. Sie bleibt unerschüttert in den höheren Naturen. Der Baalsdienst, das Molochopfer, die bacchischen Geheimnisse gleiten an ihren Augen vorüber, wirbeln die Wolken ihres Taumels, ihrer Berauschung, den Duft ihrer Blumenkränze, das Licht ihrer fackeln zu ihnen empor; aber sie bleiben unberauscht, unbetäubt, unbeirrt und halten fest an der Ahnung, dass sich die göttliche Wahrheit in anderer Weise offenbaren werde. Und zu diesen erhabenen Naturen in der heidnischen Welt gehören Rafaels Sibyllen. Er hat einen Schönheitscharakter für sie erfunden! Das sind nicht Musen, Grazien, Göttinnen der antiken Kunst; das sind aber auch nicht Fiesole's und Luini's selige Jungfrauen, nicht Perugino's und Francia's weltentfremdete Heilige; es sind Gestalten, in denen sich die Hoheit ausspricht, welche der gefallenen Menschheit vom Ebenbild Gottes aufgeprägt bleibt, wenn sie, um dies Bild zu bewahren, von den Scheingebilden der Erde sich abwendet. Es liegt eine überirdische Schönheit auf diesen Sibyllen; aber übernatürlich ist sie nicht; sie ist noch nicht von der Gnade verklärt.
"O, das ist aber etwas unvergleichlich Schönes!" rief Judit vor dem Gemälde; "man möchte dem blick dieser Augen nachgleiten, tief und immer tiefer, in die Zukunft hinein, um das zu schauen, was sie schauen; denn das muss etwas Grosses sein, weil es ihnen diesen erhabenen Ausdruck gibt."
"Ja," sagte Lelio, "sie schauen in das verschleierte Auge der Welt."
"Und warum entschleiert es sich nicht vor solchen Seelen?"
"Warum wandeln wir zwischen Wiege und Grab? warum wechseln Tag und Nacht mit einander ab? Es gibt fragen, Signora, welche nur durch andere fragen zu beantworten sind."
"Rafael ist unvergleichlich in der Gruppierung," sagte Madame Miranes. "Wie schwierig war sie hier! Vier Frauengestalten über den Bogen! aber sie treten so natürlich zusammen, als gäbe es gar keinen anderen Platz für sie auf der Welt."
"Ich finde, dass die Sibylla Samia Ihnen etwas ähnlich ist, Judit," sagte Orest.
"Ich wünschte die Ähnlichkeit läge im Ausdruck," erwiderte sie – und unwillkürlich trat das Gespräch über die Sibylla persica, das sie einst mit Ernest hatte, vor ihre Seele, als er ihr sagte: die Grossartigkeit der Sibyllen bestehe darin, dass sie das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes im Geist geschaut hätten.
So fand jeder vor dem Bilde das, was seine Seele beschäftigte, und lange verweilten sie dabei. Als sie endlich sich entfernten, bemerkte Lelio, dass Orest flüchtig einem jungen Geistlichen seinen Gruss zuwinke, der abseits sein Brevier betete. Lelio begleitete Judit zum Wagen und kehrte in die Kirche zurück, und kniete mit seinem Gebetbuch auf einem Platz nieder, von wo er den Geistlichen im Auge behielt. Die Kirche der Deutschen, Santa Maria dellé anime, mit ihrem Priesterhause, das nach altchristlicher Sitte eine Herberge für fremde deutsche Geistliche bietet – liegt unmittelbar neben der Kirche Maria della pace. Hyazint pflegte häufig die letztere zu besuchen und Lelio hatte schon öfter den jungen Abbate bemerkt, der mit der Andacht eines heiligen Aloysius betete; hatte ihn auch sogleich erkannt, als Florentin am Grabmal der Cäcilia Metella sagte, das sei Orests Bruder. Nun fand er diesen Bruder eben hier vor dem allerheiligsten Sakrament, wahrscheinlich in Gebeten für Orest begriffen und schmerzlich bewegt durch diese Begegnung.