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sinkende und aufsteigende Epochen, Perioden der Blüte und des Verfalles im Leben der Völker. Spürt man dem grund nach, weshalb die zeiten untergehen, so ist es immer, weil das feindliche Element des hochmütigen Individualismus bald auf dem Gebiet der Politik, oder der Religion, oder der Literaturaber immer da, wo eben ein schwacher Punkt sich zeigt, den Einfluss des religiösen Lebens hemmt, stört oder sogar ganz lähmt. Wie gefallene Engel, grosse Gaben elend verwüstend, bäumen sich dann manche Geister gegen die Kirche auf und nennen diesen AbfallBefreiung! und augenblicklich, als würden die Pforten des himmels hinter ihnen zugeschlagen, erlischt in ihnen das übernatürliche Licht des Glaubens und erstirbt in ihnen die übernatürliche Kraft der Liebe; denn sie haben sich freiwillig von dem Auge der Welt und dem Herzen der Welt losgesagt. Verworfene, wie Fiorino sagt, sind sie nicht; die Kirche verwirft niemand, der ihr anhangen will. Aber sie sind Fremdlinge und ausgeschlossen von den Rechten der Kinder des Hausesbis zu ihrer Bekehrung, welche Gottes Gnade einem jeden möglich macht; wie Sie das an mir erlebt haben, Signora."

Judit antwortete nicht; sie hing ihren Gedanken nach und hörte nicht auf Lelios und Florentins fernere gespräche. Sie war trübe gestimmt. Die Begegnung mit Corona, mit dem heiligen Vater hatte sie peinlich aufgeregt. Sie dachte mit Unbehagen an diese Frau, an die Mutter dieses engelgleichen Kindes, welche sie aus dem haus des Gemahls verdrängen wollte; mit Unbehagen an diesen milden Priesterkönig, der nur einen kleinen irdischen Staat und doch ein unendlich grosses geistiges Reich beherrschte, in welchem sie ein Fremdling war, und sie fragte sich im Stillen wieder und wieder: Könnte ich denn nicht auch in das Auge der Welt schauen? Sie nahm sich vor, mit Lelio darüber zu sprechen, und als sie nach einigen Tagen mit ihm allein war, sagte sie:

"Haben Sie für mich gebetet, Lelio? In der Villa Diodati versprachen Sie es mir."

"Und ich habe Ihnen Wort gehalten, Signora."

"Und Erhörung gefunden, Lelio; denn ich werde jetzt Gräfin Windeck."

"Das müssen wri erst abwarten, Signora."

"Es handelt sich jetzt meinerseits darum, dass ich die christliche Taufe empfange und ich wünsche, es möge nach dem katolischen Ritus geschehen; dann habe ich das meine getan und werde nicht lange mehr zu warten brauchen, mein armer Lelio. Es wird mit jener Ceremonie ein gewisser Unterricht verbunden: kennen Sie einen Geistlichen, der mir denselben erteilen könnte?"

Lelio unterdrückte mit Gewalt den Ausdruck seiner grenzenlosen Freude und sagte gelassen:

"Ich werde mich umschauen, Signora."

"Halten Sie es für möglich, dass ich nach dem Empfang des Unterrichts Ihre Ansichten von der katolischen Kirche bekäme?"

"Für sehr möglich, Signora."

"Das wäre mir lieb, ausserordentlich liebbis auf einen gewissen Punkt. Das geistige Leben des Menschen nimmt ab und erstirbt, wenn es beständig von seinem eigenen Fond zehren und aus seinem eigenen Ich schöpfen muss. Hingegen bereichert und entfaltet es sich, wenn es sich um eine objektive, über allen vernünftigen Widerspruch erhabene Wahrheit, wie um eine Sonne bewegt. Diesen Mangel empfinde ich schmerzlichund noch schmerzlicher die geistige Vereinzelung, in welche man ohne eine solche Centralsonne verfällt. Man schliesst sich an Kunstgenossen oder an Gesinnungsgenossen an; man versucht es wenigstens. Aber ach! bei solchen Verbindungen spielen Laune, leidenschaft und menschliche Schwäche eine so grosse Rolle, dass sie nicht von Dauer sein können. Ich sehne mich nach etwas Unvergänglichem, Lelio, und ich möchte meine trübe, unsichere Erkenntnis durch Untrügliches gesichert wissen. Ich möchte mich anstrahlen lassen vom Auge der Welt, Lelio."

"Ich glaube' es, teure Signora."

"Nun sagt man aber, dass die katolischen Priester sich in alle persönlichen Verhältnisse zu mischen und sich um alles Mögliche und Unmögliche zu bekümmern suchen. Davon kann denn natürlich bei mir keine Rede sein. Dem Hofmeister bin ich entwachsen und meine weltlichen Angelegenheiten besorge ich allein. Sie wissen ja, wie ich durch mein Schicksal dem meine Neigung entsprach, selbständig geworden bin. Den überweltlichen Geist, der in der katolischen Kirche lebt, wünsche ich kennen zu lernen, aber keineswegs den vormundschaftlichen Bestrebungen ihrer Priester ausgesetzt zu werden."

"Sein Sie unbesorgt, Signora," entgegnete Lelio lachend, "mit dieser Bürde wird sich keiner zu befrachten suchen. Was spricht denn aber Graf Orest zu Ihrem Plan?"

"Lieber wär' es ihm, wie mir scheint, wenn ich protestantisch getauft würde. Aber ich kann mich nicht dazu entschliessen und weiss weshalb. Und da auch Graf Orest es weiss, so lässt er mir freie Hand, denn er legt wenig Gewicht auf die äusseren Formen des einen wie des anderen christlichen Bekenntnisses. Das wird einen wunderbaren Kontrast geben, nicht wahr, Lelio? Abends sing' ich in der Oper und Morgens studiere ich den Geist des christentum. Ich liebe solche Kontraste."

"So lange, bis sie in Konflikt mit einander geratennicht wahr, Signora?"

"Zum Konflikt kommt es nicht, Lelio! ich trete mit Freuden von der Bühnenwelt in's Privatleben zurück. Mit dem Beginn der Fastenzeit hören meine Verpflichtungen hier auf. Hat Graf Orestes bis dahin seine Verhältnisse ordnen können, so steht unserer Verbindung nichts im Wege, und dann ist's