und fiel ins wasser. Da er vor Schreck nicht schrie, wurde die Wärterin, die in eine Handarbeit vertieft war, nicht aufmerksam gemacht und Orest wäre vermutlich ertrunken, wenn nicht sein Spielkamerad, Florentin der Fährmannssohn, beherzt ihm nachgesprungen wäre, ihn gepackt hätte und dann, um Hilfe rufend, am Nachen sich anzuklammern suchte. Es war in der Mittagsstunde und niemand am Ufer. Als die Wärterin in höchster Bestürzung herbeieilte und beide Knaben aus dem wasser gezogen hatte, bedrohte sie Orest heftig, nichts von seinem Unfall verlauten zu lassen, weil er hart gestraft werden würde, und deshalb müsse auch Florentin schweigen. So hoffte sie, werde die Gräfin nichts erfahren und ihr jeder Verweis, vielleicht sogar die Entlassung gespart werden. Sie brachte die Kinder auf Umwegen ins Schloss, kleidete sie um, und es war weiter nicht die Rede davon, da Orest wohl wusste, dass es schmerzlich ohne Strafe für seinen Ungehorsam abgehen würde. Levin hatte aber von der Terrasse aus den ganzen Vorfall gesehen und sich gefreut, wie herzhaft der kleine Florentin zu Werke ging. Er glaubte, die Wärterin würde Kunigunden ihre Unaufmerksamkeit gestehen; da aber gar nichts von der Sache verlautete, teilte er sie nach einigen Tagen der Gräfin mit, um sie vor der Sorglosigkeit der Wärterin zu warnen. Kunigunde war ausser sich vor Schreck über Orest und vor Freude über Florentin. Er war das erste Kind, das sie in Windeck aus der Taufe gehoben hatte. Sie war eine treue Pflegerin seiner Mutter gewesen, die brustkrank langsam dahinsiechte. Sie hatte der armen Sterbenden versprochen, immer ein Auge auf Florentin zu behalten. Dessen Vater hatte wieder geheiratet, und die Stiefmutter war nicht gut gegen Florentin. Sie schlug ihn ohne Ursache, wenn sie eben übler Laune war, und ihre eigenen Kinder durften ihn ungestraft quälen. Er war in Uriels Alter und Kunigunde, die ihn immer gern gehabt hatte, liess ihn jetzt häufig ins Schloss kommen, seitdem die Knaben in Windeck waren. Kürzlich hatte Florentin auch seinen Vater verloren und führte nun bei seiner Stiefmutter und seinem alten Grossvater, der dem bösen weib nicht gewachsen war, ein trauriges Leben. Kunigunde wusste ihrer Dankbarkeit keinen besseren Ausdruck zu geben, als den, dass sie beschloss, ihn mit ihren Kindern zu erziehen.
"Er hat uns das Leben eines Sohnes gerettet," sagte sie zu Damian, "dafür wollen wir wiederum ihn retten! Bei der Stiefmutter kommt er um an Leib und Seele."
Damian hätte den Knaben lieber in irgend eine Erziehungsanstalt gegeben. Er fand es bedenklich, ihn in Verhältnissen und Umgebungen aufwachsen zu lassen, die er später ungern vermissen würde; Fährmannssohn und Grafenkinder dürften nicht auf demselben fuss erzogen werden. Dagegen sagte Kunigunde, gerade aus solcher Verschiedenheit der Verhältnisse könnten sich die schönsten Tugenden entwickeln: Dankbarkeit, Hingebung, treue anhänglichkeit in Florentin und in ihren Söhnen eine richtige Würdigung des Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft, brüderliche Gesinnung für arme und Niedriggeborene, vielleicht auch heilsamer Wetteifer, da Florentin ein sehr intelligentes Kind sei. Onkel Levin wurde zu Rate gezogen wie immer. Er sagte:
"Liebe Kunigunde, ich glaube kaum, dass ich Ihren Mut hätte. Es ist nicht leicht, ein fremdes Kind so zwischen den eigenen Kindern zu erziehen, dass es sich nicht fremd fühle."
"Bester Onkel, Florentin fühlt sich schon jetzt heimischer und behaglicher bei uns, als bei seiner Stiefmutter, die ihn fast verhungern lässt."
"Das glaube' ich schon; aber ich weiss nicht, ob dies Behagen ein Glück für die Zukunft des Knaben ist."
"Ist ganz meine Meinung!" rief Damian. "Was willst Du denn eigentlich mit ihm anfangen?"
"Ich denke, Du lässt ihn studieren, lieber Damian," sagte Kunigunde. "Wie schön wäre es, wenn er Arzt würde! wie gut könntest Du einen Arzt brauchen, so recht in der Mitte Deiner Besitzungen ihm einen Wohnort anweisen und alle armen Leute ihm übergeben. Oder wie schön wär' es, wenn er geistlich würde – ein frommer Priester, ach, welche Gnade! Den Arzt der Seelen könnten wir eigentlich noch notwendiger brauchen, als den für die Körper. Oder will Florentin nicht studieren, so kann er Förster werden, Verwalter, Rentmeister. Du hast eine Menge Stellen, zu denen Du treue, tüchtige Menschen brauchst."
Damian hatte mancherlei Nöten mit seinen Beamten. Der Gedanke, einen recht tüchtigen, zuverlässigen Beamten in Florentin heran zu bilden, war ihm eine erfreuliche Vorstellung, und er sagte:
"Wohlan, Kunigunde, wir wollen Florentin behalten! Es gefällt mir sehr gut von dem kleinen Patron, dass er so unverzagt und entschlossen ins wasser sprang; aber noch viel mehr, dass er kein Wort von seiner Heldentat verlauten liess, der kleine Schweigende!"
Mit grosser Freude zog Florentin im schloss ein und der ganze Kindertrupp gedieh aufs beste. Im Frühling hatten alle das Scharlachfieber; Juliane konnte also Orest nicht zu sich nehmen. Im Sommer auch nicht, denn sie musste wegen ihrer Gesundheit in die böhmischen Bäder gehen. Im Herbst auch nicht, denn sie fürchtete die rauhe Luft des Odenwalder Spätjahres für den Kleinen. Und endlich erklärte sie, es sei wohl am zweckmässigsten, wenn er nicht vereinzelt, sondern mit den übrigen Kindern erzogen werde. Über das beabsichtigte Fideikommis schwieg sie; aber Damian rechnete dennoch darauf für Orest, weil ja nicht er und Kunigunde den