und die Sache des Papstes ist die Sache Gottes.' Diese Sprache missfiel der Revolution und derjenige, der so redete, noch viel mehr, denn er war der Mann dazu, um zu handeln, wie er sprach. Er hätte Freiheiten und Reformen gegeben und befestigt, die weltliche Macht des Papstes zu Ansehen gebracht und dadurch der Revolution, die nach zeitgemässen Verbesserungen brüllte, den Mund gestopft. In Wahrheit gab es für die Patrioten – wie hier die Revolutionsmänner sich nannten – nur e i n e zeitgemässe Verbesserung, nämlich: den Untergang der weltlichen Macht des Papstes, keineswegs deren Herstellung; denn sie hoffen, wenn der Papst nur erst in Abhängigkeit von irgend einem Monarchen ist, wie ehedem der Patriarch von Constantinopel es von den griechischen Kaisern war – wenn er nur erst heimatlos und machtlos geworden ist, ein Werk- und Spielzeug fremder Politik: dann habe die Kirche ebenfalls den Todesstoss bekommen und das lichte Auge der Welt sei geschlossen und das frische Herz der Welt stehe still. Darauf arbeiten sie hin; das ist ihr letztes Ziel: die Kirche soll untergehen. Die weltliche Macht des Papstes bildet ihr ein Bollwerk – darum falle sie! – Nun kam dieser Graf Rossi und erklärte, sie retten, sie befestigen zu wollen und auf gesetzmässigem Wege, den die Konstitution ihm vorzeichnete, die Revolution dämpfen und beruhigen zu wollen. Deshalb wurde Graf Rossi grenzenlos von den Patrioten gehasst. Sie hätten ihn bekämpfen können auf konstitutionellem Wege, mündlich, schriftlich, ihn stürzen können, wenn's möglich war! Aber nein! die Politik der Venta hat einen anderen Ausdruck, als den der Rede und der Feder. Sie hat das Stilet. Auf der Treppe der Cancelleria vecchia wurde Graf Rossi durch einen einzigen, wohlangebrachten Dolchstoss in den Nacken ermordet. Eine Menge von Menschen war gegenwärtig, auch Nationalgarden und Gensdarmen; keiner rührte sich, keiner versuchte den Mörder festzuhalten. Sie waren also entweder mit ihm einverstanden oder gleichgültig gegen die grässliche Tat und der Diener des Grafen fand kaum Beistand genug, um den Entseelten in ein benachbartes Zimmer zu tragen. Am Abend durchrasten wütende Banden mit brennenden fackeln die Strassen, tanzten unter den Fenstern der unglücklichen Witwe ihres Schlachtopfers und sprachen ihr Einverständnis mit dem Meuchelmörder unverholen aus. Sie sangen ein Lied, das den Dolch heilig nannte, der einen Verräter traf. Sie wollten Beifall hören – und die abgestumpfte Masse klatschte Beifall. Sie wollten Freudenbezeugungen sehen, zwangen mit Drohungen die Strassen, durch welche sie zogen, zu Illumination – und man illuminierte."
"O genug und übergenug!" rief Judit. "Das erweckt Grauen am hellen Tage. Sie waren doch nicht bei diesen schauderhaften Szenen, Lelio?"
"Nein, Signora! um solche Auftritte wussten nur die Häupter der Patrioten und deren geheime Agenten. Unsereiner erfuhr nur nachträglich die Tatsache und zwar so, dass der Höllenpunsch zu einer Limonade abgeschwächt erschien. Ein beklagenswertes Ereignis – einige Exzesse – gerechtfertigtes Misstrauen der Patrioten: so glitt die ganze Begebenheit in den Strom der revolutionären Bewegung hinein. Aber Sie begreifen, Signora, dass man Angesichts einer solchen Tat mit einigem Recht an Sühnung derselben denken kann."
"Die geschichte weist dergleichen Taten in Masse auf," sagte Florentin kalt.
"Nur mit dem Unterschied," entgegnete Lelio, "dass sie in gesetzlich geordneten zeiten von einem Einzelnen und unter dem Abscheu der grossen Menge – hier aber unter massenhafter Teilnahme verübt wurden. In revolutionären zeiten erlebt man freilich überall, dass ein teil der Menschheit an edlem Mut und Rechtsgefühl kläglich bankrott macht und mit den Wölfen heult, um nicht für ein Lamm zu gelten und von den Wölfen zerrissen zu werden."
"Dahin kommt man mit Ihren Teorien, Signor Fiorino," sagte Madame Miranes. "Das sehen Sie ja selbst ein und läugnen es auch gar nicht. Aber weshalb sagen Sie sich denn nicht davon los? das fasse ich nicht. Es muss Ihnen ja ganz unheimlich sein in Verhältnissen zu stehen, die jede Untat gut heissen, wenn sie in ihr System passt."
"Ja, Fiorino!" sagte Judit, "Sie können am Ende Ihr Rechtsgefühl so abstumpfen und Ihr Gewissen so verfälschen, dass Sie selbst in Ruchlosigkeit verfallen. Machen Sie es wie Lelio: treten Sie zurück."
"Sie sind eingeschüchtert durch eine Tat, die in der hohen Politik, welche zuweilen der Geist eines volkes in gewichtigen Momenten ausübt, nicht ungerechtfertigt erscheint," sagte Florentin eiskalt.
"Und Sie sind unverbesserlich!" rief Judit.
"Hörten Sie nicht, Signora," fuhr Florentin fort, "wie Lelio vorhin sein Idol, Papst und Kirche – denn das fällt bei ihm zusammen – 'Auge der Welt' und 'Herz der Welt' nannte? Mit diesem Auge soll man übereinstimmend sehen, mit diesem Herzen übereinstimmend fühlen – und wer das nicht tut, soll als ein Verworfener gelten. Muss man sich nicht einem solchen Absolutismus gegenüber zur Wehr setzen? und wer tut das, wenn nicht die Männer, welche in allen Jahrhunderten die geistige Freiheit und den Fortschritt der Menschheit verteidigt und gerettet haben!"
"Die Kirche ist das Auge und das Herz der Welt," sagte Lelio, "weil sie der Menschheit das Licht des göttlichen Glaubens und die Kraft der heiligen Liebe vermittelt, durch welche die Menschheit in Wahrheit frei, in Wahrheit auf die Bahn des Fortschrittes geführt wird. Das beweist die geschichte des christentum. Es hat