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ein Kind ihm entgegen lief, das in Weiss gekleidet einen himmelblauen Gürtel und beide hände voll Blumen trug. Mit der unnachahmlichen Grazie der kleinen Kinder, die noch von keiner Eitelkeit und Ziererei etwas wissen, streuete Felicitas ihre Blumen auf den Weg und kniete dann neben ihnen nieder. Und der heilige Vater legte einen Augenblick zärtlich seine Hand auf das Haupt des Kindes und erteilte dann mit grosser Freundlichkeit an Corona, Graf Damian und Hyazint seinen apostolischen Segen. Dann ging er weiter des Weges. Auf der kurzen Strecke hatte sich ein getreues Abbild von dem Urbild aufgerollt, das der Evangelist Marcus von dem Heiland mit den Worten malt: "Und Er war in der Wüste, bei den wilden Tieren; und die Engel dienten ihm." Wie der göttliche Heiland, so steht auch die Kirche, die sein Werk fortsetzt, hienieden in der Wüste der Welteinerseits umheult und umtobt von der Wut des Satans und von der Bosheit wilder, verderblicher, frecher Leidenschaftenwährend andererseits alles Gute, alles Heilige, alles Himmlische und Übernatürliche ihr huldigt. Und je ähnlicher des göttlichen Heilands Stellvertreter, als Oberhaupt der sichtbaren Kirche, in Liebe und Leid Ihm ist: desto mehr wird sich auch in seinem Leben dieser Zug herausstellen und Niedriges und Böses wird wider ihn wütend die Zähne fletschen, das Edle und Reine verehrend ihn lieben.

Corona schloss Felicitas zärtlich in ihre arme und sagte mit feuchtschimmernden Augen:

"Nun hab' ich eine Ahnung davon, wie jenen Müttern um's Herz war, deren Kinder der Heiland segnete."

"Und nun kannst Du auch mit beruhigtem Gewissen auf unsere Audienz im Vatikan Dich freuen!" sagte Graf Damian mit freundlicher Neckerei. "Es war Dir doch immer ein Schmerz, nicht wahr, dass Lili als audienzunfähig davon ausgeschlossen und ohne apostolischen Segen bleiben sollte. Jetzt hat sie den besten teil von uns allen bekommen."

"Wie gut ist Gott!" rief Corona gerührt; "mit welcher himmlischen Liebe erfüllt er unsere Wünsche!"

"Ja, die himmlischen!" sagte Hyazint und froh beglückt setzten sie ihre Spazierfahrt fort. –

In Judits Wagen herrschte nicht dieselbe freudige Stimmung. Florentins Groll äusserte sich durch finsteres Schweigen. Er hatte die Windecker Gruppe aus der Ferne wohl bemerkt und genau beobachtet, und ihr einfach demütiges Benehmen bildete einen so schlagenden Gegensatz zu seinem grimmigen Hass, dass ihm sein ganzes Herz davon durchstachelt wurde. Die Gesinnung, die sich in jenem Benehmen aussprach, griff ihn absichtslos in seinem innersten Selbst, in allem, was er liebte und erstrebte, an und deshalb empfand er ein Weh, als sei ihm eine schwere persönliche Kränkung absichtlich zugefügt. Dies merkwürdige, wenn auch geläugnete innere Bewusstsein der Bosheit, des Unglaubens, der Sünde und überhaupt aller Laster, dass sie durch das blosse Dasein der Tugend, der Gottesfurcht, des heiligen Wandels, der himmlischen Gesinnunggleichsam verurteilt und gebrandmarkt sind, beweist, welche ungeheuere Macht die Tugend ausübt, wie unausrottbar die stimme des Gewissens in der Menschenbrust ist und erklärt die Wut, mit welcher das Böse, wenn es in den Weltgeschicken die Oberhand gewinnt, sich an die Vernichtung des Guten macht. Es kommt aber nicht weiter, als dass es einzelne Träger des Guten vernichtet; denn das Prinzip des Guten ist in Gott, und somit in Sicherheit gestellt vor Dolch, Stilet und Guillotine.

Lelio hing seinen Gedanken nach und verfolgte die labyrintischen Höhlengänge, mit denen der Geist einer von Gott abgefallenen Menschheit nun schon seit mancher Generation die allgemeine Vergesellschaftung unterminiert hat; diese Krater, in denen alle Lava zügelloser Leidenschaften, welche göttlichem Gesetz und heiliger Ordnung den Gehorsam aufgesagt haben, brodelt und gährt; diese Vulkane, die finstere Rauchwolken und schädliche Dämpfe aushauchen und durch diese Vorboten schon genugsam die Gesellschaft bedrohenbis irgend ein unerwartetes Ereignis sie schüttelt und die Feuerströme aus ihrer Tiefe auf die Oberfläche bringt und verheerend ergiesst. Er dachte, dass die Lava, die dort kocht, und die Asche, die sich dort absetzt, in ihrem Ausbruch manch Herkulanum zerstören, manch Pompeji verschütten werde, sei es in einzelnen Seelen, sei es in den massen, im Leben des Glaubens wie in den äusseren Verhältnissen. Er dachte, dass auch er seinen Anteil zu dieser unsichtbaren Höllenmaschine beigetragen habe, dass auch er von der fixen idee des Satans, nichts Höheres über sich anerkennen zu wollenbehaftet gewesen sei, und unwillkürlich drückte er mit einer Geberde voll namenlosem Schmerz seine gefalteten hände vor die Stirn.

"Was fehlt Ihnen, Lelio?" fragte Judit, die ihm gegenüber im Wagen sass. "Sie haben als ein ächter Papist Ihr Idol angebetet und sind dennoch traurig!"

"Er ist ein bussfertiger Sünder," nahm Florentin das Wort; "und einem solchen ist immer schlecht zu Mut."

"Der Tag wird kommen, wo dem verstockten Sünder noch viel schlimmer zu Mut sein wird," entgegnete Lelio. "Aber Du hast ganz Recht, Fiorino! ich bin bussfertig bis in's Mark meines Herzens hinein und Sie erlauben mir wohl, Signora, Ihnen einen Auftritt zu erzählen, der sich vor sieben Jahren hier in Rom ereignet hat und der Ihnen erklären wird, weshalb man hier Busse, und zwar massenhaft, tun, d.h. das Unrecht bereuen, sich bessern und Genugtuung leisten sollte. Der heilige Vater machte damals zum Minister einen Mann, welcher sagte: 'Das Papsttum ist die letzte lebensfähige Grösse Italiens