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für den katolischen Priesterstand und ich bitte Dich nicht zu vergessen, dass ich Katolik bin und folglich eine Gleichstellung vom Grand-Orient und von der heiligen Kirche nicht dulden kann."

"Warum denn nicht!" rief Florentin. "Der Priesterstand ist gleichsam die Miliz einer Sache, die er heilig nennt und er schart sich zu gegliederter Ordnung um seine Anführer, die Bischöfe, welche die Parole erteilen. Wir sind auch eine Miliz, haben auch eine heilige Sache und empfangen auch von unseren Führern die Parole. Aber an uns ist es, uns jeden Vergleich mit der Kirche zu verbitten."

"Kommen Sie, Lelio!" rief Judit ungeduldig; "wir wollen zum Zirkus des Maxentius gehenso nannten Sie ihn ja wohl? – dessen Trümmer man schon von hier gewahr wird." Und rasch schlug sie den Weg dahin ein, ohne einen blick auf den Wagen zu werfen.

Madame Miranes blieb etwas zurück, nahm die Ankommenden in Augenschein und sagte dann zu Florentin:

"Das ist aber nicht die Gräfin Regina Windeck."

"Nein, es ist die jüngste Tochter von Graf Damian. Die älteste ist im Kloster."

"O Himmel! warum denn das?"

"Fanatismus! Sucht nach besonderen Dingen! Es hiess, sie wolle Fürstin werden und die Heirat sei nicht zu stand gekommen."

"Und dafür suchte sie Ersatz im Kloster?"

"Ersatz, Trost, was weiss ich! Unglückliche Liebe ist ja immer der Grund, der junge Mädchen in's Kloster treibt."

"Was ist denn aus dem Graf Uriel geworden, der damals in Frankfurt lebte und ein bildschöner und sehr angenehmer junger Mann war."

"Nichts! ein Herumtreiber! ein hochgräflicher Vagabund!"

"Hat er sich auch auf die unselige revolutionäre Seite gelegt?" rief Madame Miranes unbefangen.

"O nein," entgegnete Florentin, äusserst entrüstet über diese naive Frage; "der ist und bleibt ein Ultra unter den Aristokraten. Aber es ist eben nichts Tüchtiges aus ihm geworden, man hat ihn im Staatsdienst nicht brauchen können und so hat er sich auf die ächte faule Seite gelegt: er reist in der Welt umher, ohne Zweck, ohne Geschäft, ohne Sinn."

"Schade um ihn! er war schon damals eine brillante Erscheinung in der Gesellschaft."

"Freilich schade! aber was liess sich von einer Windecker Erziehung anders erwarten! Wo eine so bigotte Mutter und ein so fanatischer geistlicher Onkel den Ton angaben, mussten Kirchenblumen erzielt werden, ohne Farbe und Duft."

"Welch ein Glück, dass Sie und Graf Orest diesem traurigen Einfluss sich entzogen haben."

"Ja!" rief Florentin jubilierend, "da kann der Mensch den rechten Gebrauch seines freien Willens an den Tag legen, wenn er sich über die Missgriffe, die Fehler, die fesselnden Gewohnheiten seiner Erziehung hinaus schwingt und eine neue Bildung sich zu eigen macht." –

Als die eine Gesellschaft mit der Besichtigung der Zirkusruine und die andere mit dem Grabmal der Cäcilia Metella fertig war und jede zu ihrem Wagen zurückkehrte, rief plötzlich Hyazint:

"Da kommt der heilige Vater! o seht, er kommt des Weges! er geht zu Fuss! in der weissen Soutanedas ist er."

"Welch ein Glücksstern waltet über uns!" rief Graf Damian vergnügt.

"Diese Wonne! Lili bekommt seinen Segen!" jubelte Corona.

Sie hatte einen herrlichen Blumenstrauss von Rosen und Orangenblüten in der Hand; sie riss ihn auseinander, gab die einzelnen Blumen an Felicitas und unterrichtete das Kind, was es zu tun habe. Dann warteten alle in frohbewegter Spannung, dass der heilige Vater sich nahe. Er ging zwischen zwei Herren seines Gefolges; andere hinter ihm; in einiger Entfernung fuhren die Wagen langsam nach.

Lelio hatte mit ebenso grosser Freude wie Hyazint seiner Gesellschaft die Ankunft des heiligen Vaters angezeigt, aber nicht dieselbe Teilnahme gefunden.

"Weltlicher Fürst und Priesterkönig!" rief Florentin; "zwiefachen Hasses wert! o könnt' ich ihm diesen Hass ausdrücken."

"Nahest Du dich ihm oder sagst Du eine Silbe, so schlag' ich Dich zu Boden!" rief Lelio zornesbleich.

"Ruhig, Lelio!" sagte Judit; "Fiorino weiss, wie er sich in meiner Gesellschaft zu benehmen hat. Sie können aber nicht von uns Ihre papistische Adoration verlangen."

"Ein fremder Souverän geht uns gar nichts an," sagte Madame Miranes; "und was den Glanz betrifft, so haben wir schon ganz andere gekrönte Häupter gesehen." –

Sie bildeten eine eigentümliche Gruppe! Judit stand da, hoch aufgerichtet, kalt und stolz, wie jemand, der gewöhnt ist, Huldigungen zu empfangen, nicht darzubringen. Madame Miranes sah neugierig dem Kommenden entgegen und zugleich verwundert, weshalb Lelio eine solche Verehrung für den alten Herrn äussere. Mit finsterem Trotz in blick, Mienen und Haltung stand Florentin neben Judit. Aber Lelio löste sich von der unfreundlichen Gruppe ab, die unbeweglich stehen blieb, während er niederkniete, um den Segen zu empfangen, den der heilige Vater im Vorübergehen mild ihm erteilte. Lelio hätte gern den Staub unter seinen Sohlen geküsst, so zerschmolz ihm das Herz vor Reue bei dem Gedanken, dass er in diesem gütigen, liebevollen Greise je einen Tyrannen, ein schädliches, unheilbringendes Wesen habe sehen können. Er folgte ihm mit den Blicken und sah, wie aus der Gruppe der Windecker