noch einen viel höheren Triumph seiner Ideen. Eine Apostasie, ein zerrissenes Eheband, eine jüdische Sängerin – und das alles im haus der Windecker – welche Elemente des Fortschrittes, nach seinen Ansichten, waren nicht darin entalten! Vorderhand musste er sich in sein Schicksal ergeben, bei den Ausflügen, die Judit in Roms Umgegend machte, und bei der Besichtigung der Altertümer, der Kirchen und Kunstwerke immer Lelio an ihrer Seite zu sehen. Dieser hatte ihr einen Musiker empfohlen, wie sie ihn für ihre Studien brauchte und auf ihre Einladung, sie oft zu besuchen, geantwortet:
"Nein, Signora, die Welt, die Sie umgibt, ist meine Welt nicht mehr. Ich suche die Sprache zu vergessen, die man dort spricht; der Gedanken mich zu entschlagen, die dort herrschen; den Bestrebungen mich zu entziehen, die dort verfolgt werden. Kann ich Ihnen aber als Cicerone dienen, so bin ich gern dazu bereit und hoffe Ihnen etwas von der Langweile zu ersparen, welche Sie bei einem gemieteten Cicerone unfehlbar ausstehen müssten."
Judit nahm gern den Vorschlag an und setzte hinzu:
"Desto mehr geniesse ich Ihre Unterhaltung."
Florentin sagte erbittert: "Signora, Ihr kaprizioser Kopf macht es wie Ihre stimme: beide suchen umsonst ihres Gleichen! Sie haben jahrelang Lelio zum Hausgenossen gehabt und nie eine Vorliebe für seine Unterhaltung geäussert. Kaum verlässt er Ihr Haus, so wird er Ihnen unentbehrlich."
"Unentbehrlich nicht," entgegnete Judit, "aber lieb und angenehm, und ich finde meine Kaprizen durchaus gerechtfertigt."
"O das finden die Damen immer!" rief Florentin.
"Dann bin ich ja vollends in meinem Recht," sagte Judit lachend, "wenn ich es mache, wie mein ganzes Geschlecht." –
Sie fuhr eines Tages mit Madame Miranes, Lelio und Florentin zum grab der Cäcilia Metella – dieser Frau, welche das seltsame Schicksal hat, dass ihr Name und ihr Grabmal durch die Jahrtausende gehen, ohne dass man irgend etwas von ihr selbst weiss.
"Und dann ist man noch stolz auf seine Berühmteit!" rief Judit. "Und dann freut man sich des Gedankens, dass die Nachwelt unsere Namen aufbewahren werde! Eine gänzlich unbekannte Frau geniesst diese Ehre in weit höherem Grade, als sie unsereinem je zu teil wird, nur weil ihr Name, in eine Marmortafel geschnitten, ihr Grab anzeigt und weil dies Grab eine Art von festem Turm ist, der den Jahrtausenden trotzt. Rom kühlt ungemein gegen den Durst nach irdischer Unsterblichkeit ab. Man sieht hier so recht, wie die verschiedenen Epochen in der geschichte auf einander folgen, wie eine jede ihre Grössen hat und wie sie alle nach und nach untergehen. Rom ist ein ächtes elysisches Gefilde im Sinn des Altertums: eine Schattenwelt! und ist melancholisch, wie eine solche sein muss."
"Ist es nicht recht eigentümlich," sagte Lelio, "dass gleichsam ein verlorener Ton aus uralter Offenbarung in die Fabelwelt sich versenkt hat und einen leisen Anklang der grossartigen Harmonie angibt, die im Christentum zur vollen Erhabenheit sich entfaltet? Die christliche Lehre vom Dasein nach dem tod – im Himmel für die Heiligen, in der Hölle – für die Verlorenen, im Purgatorium für die, welche dereinst in den Himmel übergehen werden, findet sich, gleichsam durch einen Hohlspiegel verzerrt, in der griechischen Fabel vom Olymp, vom Orkus und von den elysischen Gefilden."
"Der Hohlspiegel ist die Sinnlichkeit, in welche die Griechen versunken waren," sagte Judit. "Die verzerrt alles Grosse! die Schönheit wird weichlich, die Kraft brutal und ich habe nie begreifen können, wie vernünftige Menschen unserer Tage für die griechische Götterlehre und für das griechische Kunstideal schwärmen konnten. Das Technische der Kunst, die Vollendung und Harmonie der Form, die Behandlung des Materials ist unvergleichlich; aber ein Herkules als Ideal der Kraft, oder eine Venus als Ideal der Schönheit genügen mir nicht."
"Sie stellen das Menschliche idealisiert dar," sagte Florentin. "Was verlangen Sie denn noch mehr, Signora?"
"Dass sich Göttliches in ihnen darstelle."
"Mit der Anforderung geraten Sie abermals in eine Fabelwelt."
"Oder in die christliche Kunst," ergänzte Lelio.
Wie ein guter und ein böser Geist standen diese beiden Menschen beständig neben Judit und jeder redete zu ihr in s e i n e r Sprache und suchte sie zu gewinnen für das Reich, das er vertrat. Aber um jeden Menschen, wenn auch nicht in so ausgeprägten Gestalten, regen und bewegen sich ähnliche Einflüsse.
Während sie das Grabmal betrachteten, das ein Rundbau von so enormer Grösse ist, dass er in Roms mittelalterlichen Bürgerkriegen als Festung diente – und nach allen Seiten ihn umgingen, kam von der Stadt her ein Wagen gefahren, in welchem Graf Damian, Corona, Hyazint und Felicitas sassen. Orest machte eine grosse Jagdpartie mit, sonst würde er zwar nicht seine Familie, wohl aber Judit begleitet haben. Florentin erkannte schon von Weitem die Ankommenden und rief:
"Da ist die ganze Familie von Graf Orest."
"Wer ist der junge Geistliche?" fragte Lelio.
"Sein jüngster Bruder – ein Schwärmer erster Ordnung! vielleicht kein Betrüger, doch ganz gewiss ein Betrogener."
"Du machst eine Einteilung und einen Unterschied, als ob Du von den verschiedenen Graden der Eingeweihten in irgend einer geheimen Gesellschaft sprächest," entgegnete Lelio mit grosser Bestimmteit. "Das passt aber nicht