, dass ich auf Dich noch geraume Zeit werde warten müssen."
"Ja," entgegnete Orest kaltblütig; "und um so länger, je glücklicher ich sein werde. Kein glücklicher, mit seinem Schicksal zufriedener Mensch macht Revolution. Drum habt ihr bei den euren immer Banditen und Leute dieses Schlages bei der Hand, die ihr Glück erst machen wollen und in ruhigen zeiten und geordneten Zuständen nicht dazu kommen können. Also auf mich rechne nicht." – –
Hyazint hatte Coronas Mitteilungen mit um so grösserem Schmerz aufgenommen, als er vor ihr verbergen musste, wie tief sie auch ihn erschütterten. Corona verlangte von ihm in Geduld und Kraft bestärkt und zu edler Ergebung ermuntert zu werden. In dem Sinn musste er zu ihr sprechen und von demselben beseelt vor ihr erscheinen, denn das ist der ächt christliche Sinn: er ist gefasst in den Willen Gottes – nicht aus Stumpfheit, sondern weil er ein St. Christophorus des Geistes, ein Riese in der himmlischen Liebe ist, und durch die brausenden Wellen des reissenden Lebensstromes zärtlich und unerschütterlich den Heiland der Welt auf seinen Schultern trägt. Wohl stand Hyazint mit seinem Willen auf diesem Gipfelpunkt des inneren Lebens; aber er sah zugleich auch in den Abgrund hinab, in welchem die Sünde, die tötliche Beleidigung Gottes fort und fort geboren wird und sah diesen Abgrund geöffnet im Herzen seiner Familie, unter dem Dach seines Hauses. Welche Strafgerichte konnten da nicht einbrechen! auf welche Gottesgeissel musste man da nicht gefasst sein! Wird die Ehe nicht in ihrer vollen Heiligkeit hoch und unangetastet gehalten, so durchschleicht ein geistiges Gift nicht ein Herz allein, sondern es ergiesst sich, wie die übervolle Schale eines Springbrunnens in ein weiteres Becken – in die Familie, und geht aus ihr, in tausend Kanälen, deren Zusammenhang das Menschenauge freilich selten entdeckt, in die ganze menschliche Gesellschaft über. Denn der Mensch ist nicht ein abgerissenes Einzelwesen, das ohne Zusammenhang mit seinesgleichen und mit den Höhen und den Tiefen, die ihn umgeben, sein Dasein für sich allein hat, wie eine Kugel dahin rollt. Durch das Gnadenleben, welches Christus der Menschheit gebracht hat, ist sie in eine übernatürliche Gemeinschaft eingetreten und zu einem mystischen leib geworden, an welchem die Schönheit und Vollkommenheit jedes einzelnen Gliedes dem Ganzen zur Zier gereicht. Indem jeder einzelne an seiner Vervollkommnung arbeitet, dient er zugleich der übernatürlichen Gemeinschaft und trägt, nach dem Mass, das ihm geworden, sein Sandkorn oder seinen Edelstein zu ihrer Vervollkommnung bei. Wer es nicht tut, reisst eine Lücke in sie; seine Arbeit fehlt; der Platz ist leer, den er ausfüllen sollte, und alsbald zeigt sich und vergrössert sich der Schaden. Wo eine Lücke war, brökkelt mehr und mehr die Mauer ein, bis sie zusammenstürzt und aus einem schönen Gebäude einen Schuttaufen macht, worin hässliches Getier wohnt. Je mehr der Mensch von der Wahrheit und Wärme dieser übernatürlichen Lebensgemeinschaft durchdrungen ist, welche durch die Menschwerdung Gottes begründet und durch die Sakramente erhalten wird, desto schärfer erkennt er den Frevel gegen diese göttliche Liebesordnung, der in der Sünde liegt; desto schmerzlicher beweint er die Vereitlung göttlicher Liebesabsicht, welche sich der Frevler in sündiger Verblendung zu Schulden kommen lässt. Und das war Hyazints untröstlicher Gram: die Sünde hatte sich eingenistet in seinem haus! sein Bruder vergass Gott und seine Pflicht und huldigt einem Götzen und seiner leidenschaft; und wie weit der innere Abfall ihn auch äusserlich noch stürzen werde – das war nicht zu berechnen und liess den schlimmsten Befürchtungen Raum. Ihm war zu Mut, als müsse er sich vor den Abgrund werfen, dem Orest zutaumelte, und den Berauschten auffangen und festalten – sollte er auch unter der Last zusammenbrechen. Mit unaussprechlichen Ängsten und mit grenzenlosem Vertrauen bat und flehte, weinte und seufzte er vor Gott um die Rettung seines Bruders, und indem er sein Kreuz an das des göttlichen Erlösers lehnte, begehrte Hyazint sein Opfer mit dem Opfer des Gottessohnes zu vereinigen und die Seelen zu lieben, wie Christus sie geliebt hat: für alle sein Blut zu vergiessen, für die fremdeste, die geringste, die unbekannteste – nicht für Orest allein.
So lebten sie alle ein Doppelleben, wie das bei den meisten Menschen der Fall ist; äusserlich – rosenrot, Sammt und Seide, gefälliger Umgang, genussreiche Unterhaltung. Trat dann jeder in sein Kämmerlein zurück, so war es anders! da fand sich jeder gegenüber seinem Herzen, das die Folge und Strafe der Sünde, der eigenen und der fremden – einen Dornenkranz trug.
Das Auge der Welt
Es gehörte zu Florentins grössten Peinen, dass Judit nach wie vor eine treue Freundschaft für Lelio bewahrte. Die kleine Missstimmung, die sie am Genfersee gegen ihn äusserte, war längst verschwunden – um so mehr, als er sich wohl hütete, ihren liebsten Plänen wieder mit der Schärfe von damals, die sie ja auf ihrem Standpunkte durchaus nicht verstehen konnte, entgegenzutreten. Das lässt sich niemand gefallen ohne Erbitterung – ausgenommen die vollkommenen, der Selbstsucht abgestorbenen Seelen. Die nehmen auch den schärfsten Widerspruch, der sich nicht etwa gegen ihre Fehler, wohl aber gegen ihre Tugenden erhebt, mild und liebevoll hin. Judit hatte Lelio gern, wie sie früher Ernest gern hatte: es lag auf beiden der Schmelz des katolischen Gemütslebens – wie Florentin es nannte. Ernest machte ihr einen so tiefen Eindruck, weil er das war, was man nächst dem Vogel Phönix am seltensten in der Welt findet: er war aus einem Stück; denken