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sehe bei dem Spektakel nur ganz vergnüglich zu und wälze alles getrost auf seine Schultern. Das ist meine Philosophie. Ist sie nicht sehr christlich?"

"So ganz wohl nicht," sagte sie lachend.

"Nicht ganz?" rief er verwundert. "Ei, Kind, was fehlt denn noch?"

"Von dem, was fehlt, wollen wir gar nicht reden, mein Väterchen! nur von dem, was zu viel ist."

"Zu viel Christlichkeit! sieh, das überrascht mich."

"Der vergnügliche Zuschauer, lieber Papa, der dem Weltbankerott zusieht und die hände reibt, und auch wohl einmal Beifall klatschtder ist zu viel in Deiner christlichen Philosophie."

"Ja, Kindchen!" sagte Graf Damian und streichelte liebevoll ihr weiches Haar, "Du bist aus Onkel Levins Schule! mit Euch ist für unsereinen nicht Schritt zu halten."

Orest beobachtete einigermassen den äusseren Anstand Corona gegenüberhauptsächlich auf Judit's Wunsch. Als sie sicher war, ihr Ziel zu erreichen, hatte sie zu ihm gesagt:

"Wähnen Sie nicht, Graf Orest, mir einen Gefallen zu tun oder mir eine Huldigung darzubringen, indem Sie ihre leidenschaft für mich zur Schau tragen, oder aufsehen erregen, oder Ihre Gemahlin beleidigen. Für eine gewöhnliche Schauspielerin könnten Sie dergleichen tun, denn die hat Freude daran. Aber ich bin keine gewöhnliche Schauspielerin und alles, was an eine solche erinnert, ist mir zuwider. Ich will ruhig und ohne komödiantenhaftes Gepränge und Getöse den Platz in der grossen Welt einnehmen, den Ihre Liebe mir bereitet. Dass dazu die Trennung von Ihrer Gemahlin gehört, tut mir leid, ist aber unvermeidlich. Umsomehr müssen Sie schonend und rücksichtsvoll verfahren, und wenn es Sie auch einige Monate Ihres Glückes kosten sollte! wir haben ja das ganze Leben vor uns, um glücklich zu sein."

"Aber wie lang ist denn überhaupt das Leben," fragte Orest, "dass Sie die Versäumnis von einigen glücklichen Monaten nicht als Verschwendung betrachten?"

"Ich werde mich freuen, wenn Sie in zehn Jahren auch noch so gesinnt sind," erwiderte Judit. –

Orest hatte in seinem Gespräch mit Corona erkannt, dass sie nie ihre Zustimmung zu seinem Vorschlag geben werde.

"Sie liesse sich lieber umbringen als d a z u bewegen," sagte er zu Florentin, der plötzlich, er wusste selbst nicht wie! sein Vertrauter geworden war. Neigung zum Bösen ist kein dauerhaftes, aber zuweilen ein sehr starkes Band zwischen den Menschen, die sich ihm hingeben. Einer stützt den andern, so lange es gilt, das gute Prinzip zu bekämpfen. Später verfolgt dann jeder seinen besonderen Zweck und dann verwandelt sich die Freundschaft nicht selten in bittere Feindschaft. Florentin hatte schon früher durch den vollen Cynismus seiner Grundsätze einen verderblichen Einfluss auf Orest geübt. Dieser fand zwar immer, dass Florentin zu weit gehe, aber er merkte nicht, dass er ihn nur in der Teorie, nicht in der Praxis bekämpfe und dasjenige bereitwillig annehme, was mit seinen Leidenschaften übereinstimme. Als Florentin ihm jetzt erwiderte, es sei nun an der Zeit, endlich Anspruch an seine volle Freiheit zu machen und sich den abgeschmackten Gesetzen der katolischen Kirche gründlich zu entziehen, entgegnete Orest:

"Das ist mein fester Entschluss! ich werde protestantisch und lasse mich scheiden."

"Vortrefflich!" jubelte Florentin. "Ja, Du musst protestantisch werden! das ist der erste Schritt zur geistigen Befreiung, dadurch widersagst Du der priesterlichen Vormundschaft und nimmst Deinen Platz ein zwischen denjenigen, welche ihre Selbstberechtigung beanspruchen, ihre höchsten Angelegenheiten nach ihrem eigenen Gewissen zu gestalten. Einen Grund zur Scheidung findet man sehr leicht und der beste wird seindass Du protestantisch wirst. Dann kommt auch wieder ein protestantischer Herr auf Deine protestantische herrschaft Stamberg! Vortrefflich! nach welcher Seite hin man es betrachten mögeganz vortrefflich!"

"Ich wusste nicht, dass Du ein so wütender Protestant geworden seiest, um sogar auf ein harmonisches Verhältnis zwischen Herr und Untertanen Rücksicht zu nehmen, Du Sozialist und Kommunist!" erwiderte Orest, immer spottend über Florentins Ansichten und immer bereit, ihnen zu folgen, wenn sie seinen Projekten zusagten. "Was bist Du denn eigentlich? calvinisch, luterisch, anglikanisch, high church, low church, presbyterianisch? nennst Du Dich evangelisch oder reformiert? gehörst Du zu den Mennoniten, den Irvingianern, den Anabaptisten? bist Du der geschworene Anhänger irgend einer Landeskirche? oder wie oder was?"

Florentin antwortete mit verächtlichem Achselzukken:

"Der grosse Wilhelm von Oranien sagte: Ich weiss nicht, ob die Prädestinationslehre grau oder blau ist. Aber ich weiss, dass Oldenbarneveldt's Kopf und der meine nicht unter einen Hut gehen. Der Kampf für und wider diese Lehre, in den sich natürlich politische Meinungen und Interessen verwebten, zerriss damals Holland in zwei wütende Parteien und Oranien war der Führer der einen, nicht um die Prädestinationslehre siegensondern um Oldenbarneveldt um einen Kopf kürzer zu machen. Schlaue Politiker und sonstige kluge Köpfe haben es immer als etwas höchst gleichgültiges betrachtet, ob die religiösen Lehren grau oder blau sind; sie haben sie benutzt für ihre Zwecke. Und so mache ich es auch, obschon ich nichts weniger als ein kluger Politiker bin. Aber das ist ja handgreiflich klar: religiöse Lehren und Ideen sollen in irgend einer Weise den Menschen beglückken. Tun sie das nicht, so haben sie weder Sinn noch Zweck