1860_von_Hahn_Hahn_162_211.txt

, die mit der Besichtigung so vieler Merkwürdigkeiten verbunden ist. Die Hauptkirchen, die Hauptruinen, die Hauptpaläste und bastafür mich. Sehr unterhaltend ist es in der Stadt selbst sich umzusehen; da hat man merkwürdige Überraschungen! Ein Platz ist ganz übersäet mit abgebrochenen, umgestürzten, verstümmelten Säulen, die wie ein Kegelspiel aussehen, welches von Riesen aufgerichtet und verlassen worden wäre. Zwischen ihnen erhebt sich eine prächtige, mit Bildwerken bedeckte himmelhohe Säule. Trajans Forumnannte es der Lohndiener. Ein anderer Platz sieht aus, als wäre er unter wasser gesetzt, so enorm und zu ebener Erde ist das Bassin, an welchem die Tritonen so ungeniert sitzen, als würden sie sich nächstens aus ihrer Versteinerung aufmachen und auch ihr Wort mitreden zwischen den übrigen Leuten, die da zirkulieren. Fontana de Trevi, nannte es der Lohndiener. Solche Wassermasse in einem Springbrunnen ist grossartig. Und der Venetianische Palastwelch' ein herrliches Gebäude! halb Kastell, halb Schlossein Adlerhorst! ich freue mich, dass Österreichs Adler drin horstet! Die österreichische Botschaft ist drin, sagte er erläuternd zu Corona, die sich an seinem Interesse für Rom erfreute. Ich habe doch wahrlich die grössten Hauptstädte Europa's gesehen und abermals gesehen und lasse mich daher nicht so ganz leicht durch Häuser und Strassen und was drum und dran hängt, verblüffen; aber in diesem Rom komm' ich mir vor, wie ein Krähwinkler in der Residenz. Er sperrt Mund und Augen auf über die ungeahnte Herrlichkeit. Und das tue ich redlich. In anderen Städten gibt's auch Herrlichkeiten an schönen Gebäuden, öffentlichen Plätzen und dgl. mehr. Aber es ist alles so berechnet, so wohlgeordnet, so gemacht, so fremd, so eingewandert, soich weiss nicht was. Hier ist es naturwüchsig und eingeboren. Das hab' ich noch nie gesehen! ich schwärme für Rom."

"Gewiss die erste Schwärmerei Deines Lebens, Papa!" sagte Orest.

"Nun, das will ich doch nicht behaupten," entgegnete Graf Damian. "Früher hatte ich eine grosse Vorliebe für Pariswie Du sie jetzt hast. Das begreift sich. Es ist die Stadt des eleganten Lebensgenusses, und der Mensch hat Epochen, in denen er für denselben schwärmt. Damit scheint es hier nicht splendid auszusehen. Die Kaffeehäuser und die Kaufläden sind nicht luxuriös ausgestattet und zur Schau gestellt, und ob es hier einen guten Restaurant gibt, ist wohl sehr die Frage. Als ich mich bei meinem Lohndiener nach einem solchen erkundigte, sagte er betreten, es gäbe recht gute Trattorien in Rom. Aber eine Trattorie ist auf gut deutscheine Garküche! Wie sieht's denn mit dem Diner aus, Corona? – das wird wohl auf Windeck besser sein." –

Nachdem die ersten Tage der Niederlassung an einem fremden Ort, die stets etwas Unbehagliches für alle haben, welche nicht in langer Gewohnheit des Reisens sind, vorüber waren, schien die Familie in's rechte Geleise gekommen zu sein. Man wohnte sich ein, man lebte sich ein. Graf Damian ging in die Welt, machte Besuche, fand alte Bekannte, ritt mit ihnen in der Campagne umher, ging auf die Jagd und unterhielt sich vortrefflich. Corona trank Eselsmilch, fuhr spazieren und nahm mit Mass Roms unerschöpfliche Herrlichkeiten in Augenschein. Mit der grossen Gesellschaft befasste sie sich nur gerade so viel, als sie es ihrem Vater nicht abschlagen mochte, der zu behaupten pflegte, er werde freundlicher empfangen, wenn Corona an seiner Seite erscheine.

"Die Welt," sagte er, "bedarf des Schmuckes der Jugend und Schönheit. Ältliche Leutezu denen ich leider anfange gezählt zu werden, aber mich selbst keineswegs zählesieht sie gern nur unter drei Bedingungen. Entweder: sie sind europäische Berühmteitenoder sie geben ungeheuer gute Dinersoder sie haben schöne Töchter. Das erste bin ich nicht; das zweite kann ich in Rom nicht bewerkstelligen! dazu muss man mich in Windeck aufsuchen. Doch die dritte Bedingungdie erfülle ich und zwar in höchster Potenz: mein feines Töchterlein ist vermählt. Folglich kann man ihr in aller Gemütsruhe huldigen, ohne Furcht, sich deshalb in Hymens Fesseln begeben zu müssenwas bei der bekannten Ehescheu, die jetzt wie eine Grippe bei den jungen Männern unseres Standes grassiertein grosser Vorzug ist."

"Lieber Vater," sagte Corona in dem heiteren Ton, womit sie immer zu ihm sprach, auch wenn sie ernste Dinge sagte, weil er auf diese Weise sie anhörte; "Deine Welt ist ein Babylon, mit König Baltassars Festmahl. Die Geisterhand schreibt ihre geheimnisvollen Zeichen an die Wand des Königssaales; der Perserkrieg steht vor der Tür; aber sie achtet es nicht und taumelt dahin in ihrem Rausch und ihrem Frevel." Sie dachte an Orestdem ächten Sohn dieser Welt. Graf Damian erwiderte:

"Kind, warum nennst Du sie m e i n e Welt? Ich habe sie nicht geschaffen und bin recht froh darüber, denn ich würde mich tot ärgern, sehen zu müssen, wie sie jeden Augenblickbald nach der verkehrten Seite sich umdreht, bald wieder schief ins Blaue hinein fliegt, bald einen ungeschickten Burzelbaum macht. Die Welt ist Gottes Welt. Er hat sie geschaffen, er muss für sie sorgen, dass sie wie ein Stehauf immer wieder auf die Beine kommt, wenn sie auch tausendmal auf die Nase fällt. Ich