, und ach! er lebt, als wisse er es nicht. Mir grauet vor jeder Erörterung über diesen Gegenstand mit dem guten Vater, und doch fürchte ich, dass es unmöglich sein wird, länger in dieser Weise fortzuleben – denn Orest will keine Rücksicht mehr nehmen. Ach, Hyazint! darf man sich den Tod wünschen? wenn mich der liebe Gott in die Ewigkeit riefe, so wäre all' die Trübsal zu Ende und Orest frei."
"Das wäre die Auflösung eines Romans und nicht so pflegt Gott seine Menschen zu führen. Er will sie an s e i n Ziel, nicht an das ihre bringen. Orest wird nicht frei, wenn er sich ungehindert seiner leidenschaft hingeben darf – und Du hast nicht Zeit, Dich zu heiligen, wenn Du vor der Zeit vom Leben scheidest. Aber sieh! Dorn, wohin der Fuss tritt, wohin die Hand greift! Wermut, was die Lippe berührt: das ist uns heilsam! das löst uns ab von unserer sündigen natur, die so selbstsüchtig ist, dass sie in jedem Verhältnis ganz heimlich, wenn auch uneingestanden, Freude und Trost begehrt; und so betrügerisch, dass sie, möge man noch so innig Gott in's Auge und in's Herz fassen, all' Augenblick sucht, ihm das geschöpf vorzuschieben. Es ist aber kein irdisches Verhältnis ohne Trübsal, ohne Verwirrung, ohne Bitterkeiten, und nur in dem Mass, als wir das erkennen, suchen wir unseren Trost in dem einzigen Verhältnis, das ohne Trübsal für uns ist – in dem, zu unserem göttlichen Heiland. Deshalb müssen wir uns mehr über Dorn und Wermut freuen, als über Nektar und Ambrosia."
"Statt dessen grämt man sich!" sagte Corona schmerzlich; "statt dessen verlangt man immer wieder ein wenig blauen Himmel und Sonnenschein – ein wenig Glück!"
"Und ganz besonders: Genuss des Glücks," entgegnete Hyazint lächelnd; – und damit sind wir denn wieder bei unserer selbstsüchtigen natur angelangt, der wir auf jedem Schritt und Tritt begegnen."
"Was fang' ich an, Hyazint? ich meine immer, ich müsse etwas tun für Orest!" rief Corona und rang schmerzlich ihre hände.
"Lass Dich mit unüberwindlicher Geduld demütigen und kreuzigen, so tust Du genug," entgegnete Hyazint. "Bete viel, opfere viel, hoffe viel – mit einem Wort: liebe viel; damit brachten die Heiligen grosse Dinge zu stand. Aber freilich, das unruhige Menschenherz findet eine Erleichterung in äusseren Handlungen, und lässt sich gern zu ihnen hinreissen! bleibe Du in der Stille und Ruhe Deines Herzens. Sieh, die Christenheit feiert jetzt den Advent, die Ankunft des Herrn. Wie kommt der Herr? mit welchen Taten tritt er auf? wie bekehrt er die Menschheit? wie erlöst er die Welt? Die seligste Jungfrau bereitet ihm ein Kripplein im elenden Stall, und das Kindlein in Windeln ist der menschgewordene Gott und er friert in kalter Winternacht und er weint. So erlöst er die Welt. Er lässt sich demütigen; und dann – lässt er sich kreuzigen. Weshalb wollten wir es anders machen – da doch gerade dies uns vorgezeichnet ist?"
"Vielleicht, weil gerade dies am schwersten ist," erwiderte Corona.
"Sieh, wie gut es Gott mit Dir meint! Du sollst es nicht anders haben, als er es hienieden hatte. Weine nicht, Corona, blicke in Dich und über Dich mit dem Auge des Glaubens und Du wirst frohlocken mit jenem heiligen Sänger: 'Mir ist das Los auf's Lieblichste gefallen, mir ist ein herrliches Erbteil geworden.'"
"Bete für mich, bete für uns!" sagte Corona. Sie fühlte sich ermutigt durch Hyazints Zuspruch, und gefasster sah sie einer Zukunft entgegen, von der sie nicht ahnte, wie drohend sie sich gestalten werde. Auch Hyazint ahnte es nicht und wusste nicht es anzufangen, um einen klaren blick in Orests Seele zu werfen; denn dass dieser ihn nicht eher in seine Pläne einweihen werde, als bis er auf ihre Durchführung hoffen könne – das war zu erwarten. Ihm Vorstellungen machen, hiess aber weiter nichts, als wasser auf heisses Eisen giessen. Es zischt, es raucht – und bleibt heiss wie zuvor. Er beschloss, Orest mit der grössten Liebe zu behandeln und dadurch, wenn nicht Einfluss auf ihn, doch vielleicht sein Vertrauen zu gewinnen. Als Orest sich bald darauf bei den Seinen einfand, übersah Hyazint gänzlich dessen Verstimmung und äusserte nicht das leiseste Zeichen von Erstaunen über das Auffallende in seinem Benehmen und in der ganzen Art und Weise, wie er den Zuschnitt seines Lebens gemacht hatte. Er liess ihn gewähren und bot sich ganz ungesucht zu Corona's Begleitung an, um die zahlreichen Kirchen zu besuchen, in welchen wahre Schätze von Gemälden, von Fresken, von Bildhauerarbeit, von köstlichem Material, von Kunst- und von heiligen Gegenständen aufgehäuft sind – während Orest mit der ernstaftesten Miene von der Welt die Behauptung aussprach: er könne die Kirchenluft nicht vertragen. Sie sei dumpf, feucht, beklommen, durchräuchert – kurz, sie mache ihn nervös.
"In der Beziehung halte ich mich zu Dir, Orest," sagte Graf Damian, der inzwischen von seinen Besuchen heimgekehrt war. "Ich glaube, man kann hier ganz angenehm im diplomatischen Kreise leben, in welchem sich auch immer einige ausgezeichnete Fremde vorfinden, ohne die ermüdende Unterhaltung aufzusuchen