zu haben; o trenne ihn wenigstens nicht von uns und seinen Geschwistern."
Damian hatte sich inzwischen von Kunigundens Schmeichelworten erholt und sagte: "Dir ist nicht zu trauen, denn Du hast bei der ganzen Sache im grund nur die eine Furcht, dass Orest nicht fromm genug erzogen wird."
"Und wäre ich nicht dazu berechtigt?" fragte Kunigunde errötend, weil Damians Bemerkung ganz richtig war. "Ich will nicht von Deiner guten Mutter sprechen; ich will annehmen, dass sie Orest erzieht, wie sie Dich erzogen hat; aber Du hattest doch Onkel Levin und hörtest und sahest doch etwas vom katolischen Leben und Weben, während Orest in seiner Vereinzelung auf Stamberg demselben gänzlich entfremdet und gleichsam losgerissen von jeder katolischen Tradition sein würde. Welch ein unermesslicher Schaden für die Seele des Kindes! wer ersetzt ihm den Verlust oder auch nur die Schwächung des Glaubens!"
"Nun, so glaubt er etwas anderes, oder etwas weniger," wendete Damian ein.
"Oder auch nichts," sagte Levin mit seiner milden Ruhe in Ton und blick.
"Sind Sie Kunigundens Bundesgenosse, bester Onkel?" rief Damian. "Das wundert mich! Sie pflegten doch sonst, trotz Ihrer transcendentalen Richtung, einen klaren blick für alle Verhältnisse zu haben und auch die irdischen Dinge nach ihrem Werte zu schätzen."
Levin lächelte leise zu der transcendentalen Richtung, die Damian ihm lieh, und antwortete:
"Dazu sind wir alle verpflichtet und eben deshalb dürfen wir sie nicht über ihren Wert schätzen. Das Vaterhaus, das Mutterherz, das Familienleben, beseelt und durchwärmt vom heiligen Glauben, ist ein so unermessliches Gut, dass ein Kind, welches ohne dasselbe aufwächst, bettelarm ist – und hätte es Millionen! Denn die Millionen sind zu zählen und alles, was gezählt werden kann, ist armselig im Vergleiche zum Unermesslichen."
"Aber, bester Onkel, vom Unermesslichen lebt man nicht, isst und trinkt man nicht, wird man nicht Majoratsherr. Ein Vater muss für seinen Sohn ein Fideikommis bewahren; weshalb also nicht eines erwerben?"
"Bewahre zuerst für Orest das, was er hat; alles andere findet sich."
"Bester Onkel, Sie wissen so gut wie ich, dass der arme kleine Orest, der nachgeborene Sohn eines Nachgeborenen, nichts hat."
"Eben darum, lieber Damian, bewahre ihm sein übernatürliches Gut, damit der Knabe, den vielleicht schwere und drückende Verhältnisse erwarten, eine Stütze habe, welche sie tragen hilft. Bewahre ihm das himmlische Fideikommis des Glaubens, welches Gott Selbst den Eltern anvertraut, damit es ungeschmälert auf die Kinder, und aus einer Generation in die andere übergehe. D a s kann Orest dereinst von Dir verlangen; Stamberg nicht. Der vernünftige Mensch zieht das Ewige dem Vergänglichen vor, sowohl für sich selbst, als für seine Kinder."
"Wenn man Sie hört, sollte man meinen, Orest müsse über Stamberg geradeweges in die Hölle laufen," rief Damian unmutig, "und es ist doch ganz ungewiss, ob er über Windeck in den Himmel spaziert."
Levin liess diese Bemerkung fallen und sagte:
"Wäre ich ein reicher Mann und könnte ich nicht meine Kinder im Glauben der katolischen Kirche erziehen, so müsste ich verzweifeln, denn nur dort sehe ich Waffen, um den furchtbaren Kampf mit dem Leben, der den Reichen so besonders gefährlich ist, siegreich zu bestehen."
"Wo sehen Sie denn die Tugendhelden, die aus dem Kampf als Sieger hervorgehen," fragte Damian bitter, "da doch die Waffen allen zu Gebote stehen."
"Nur leider braucht sie nicht Jeder," entgegnete Levin. "Die Waffen fliegen nicht von selbst jedem in die Hand; sie müssen ausgewählt, ergriffen und geführt werden. übrigens, lieber Damian, ist das Heldentum der Tugend etwas, das man nicht immer auf der Oberfläche und mit dem ersten blick wahrnimmt."
"Ich sehe schon, dass ich keinen Frieden im haus haben würde, wenn ich nicht Orest behielte," sagte Damian nachdenkend; "nur weiss ich nicht, wie ich den Antrag der Mama ablehnen soll."
Kunigunde bog sich tief über ihren Stickrahmen, um ihre hervorquellenden Freudentränen zu verbergen, da sie Damians Feindseligkeit gegen alle Arten von Tränen genügend kannte. Levin sagte.
"Will Deine Mutter sogleich das Kind haben?"
"Nein, im nächsten Frühling."
"Dann würde ich in Deiner Stelle vor der Hand ihrem Wunsche nicht entgegen treten. Wer weiss, ob sie ihn im Frühling noch hegt."
"Wenn der Bube aber ein Taugenichts wird und doch nicht Stamberg bekommt: wie dann, Onkel Levin?" fragte Damian sinnend.
"Hast Du Deine Schuldigkeit gegen Gott und Orest getan – und sollte er dann so unglücklich sein, die seine nicht zu tun: so ist es auch dann besser, wenn er ein armer als ein reicher Taugenichts ist. Es sehen weniger Augen auf ihn und folglich geht sein schlechtes Beispiel nicht über einen kleinen Kreis hinaus, während er, als der Mittelpunkt eines grösseren, entsetzliches Unheil stiften kann."
"Ich bitte Euch, schweigt von so traurigen Möglichkeiten!" sagte Kunigunde flehend. "Welche Mutter kann ohne Herzeleid solche Voraussetzungen anhören!" –
Bald darauf wäre der kleine Orest in ganz anderer Weise beinahe seiner Familie entrissen worden. Er spielte am Ufer des Mains, kletterte in einen Nachen, verlor das Gleichgewicht von dessen leisem Schaukeln