Da kommt Mama!"
"Endlich!" sagte Graf Damian, trat zum Fenster und sah mit grenzenlosem Erstaunen Corona ohne irgend eine Begleitung über den Platz gehen. Er ging ihr in das Vorzimmer entgegen und fragte:
"Wo kommst Du denn her? wo ist Orest? wo sind seine Leute? warum gehst Du denn mutterseelenallein in der wildfremden Stadt spazieren? gibt es keine Wagen in Rom?"
"Doch, lieber Vater! aber ich wollte gehen!" antwortete sie und ging in ihr Zimmer, wo sich die übermässige Spannung von Leib und Seele in Tränen auflöste und im Gebet sänftigte. Graf Damian fuhr zu einigen der fremden Gesandten, mit denen er bekannt war, und so war Corona allein, als Hyazint kam. Sie sah so angegriffen aus, dass er teilnehmend sagte:
"Bist Du müde von der Reise, liebe Corona? oder bist Du krank?"
Sie verneinte schweigend; als ihr aber Tränen in's Auge quollen, sagte sie entschlossen:
"Orest ist krank – an der Seele! und ich bin ratlos. Deshalb muss ich mit Dir sprechen, Hyazint, nicht um zu klagen. Ich möchte ja am liebsten seinen Zustand vor mir selbst verbergen; es geht aber nicht mehr, dass wir so fortleben wie bisher. Er treibt es zum Äussersten."
Und sie erzählte an Hyazint klar und einfach ihr ganzes Leben, seitdem sie Orest's Frau geworden war, mit der grössten Schonung für Orest und mit der grössten Bereitwilligkeit ihren Anteil an dem traurigen Verhältnis anzuerkennen, obzwar ihre Schuld höchstens in Unerfahrenheit bestand, wie sie den siebenzehn Jahren eigen ist. Zum Schluss sagte sie:
"Die Szene von heute früh hat mir gezeigt, wie tief das Übel bei Orest um sich gegriffen hat. Es haben weder meine Bitten noch die Geduld, die ich drei Jahre übte, den geringsten Eindruck auf ihn gemacht; und obgleich ich, wenn es Gott so fügt, bereit bin, mein Lebenlang in Geduld auszuharren, wie das ja meine Pflicht ist: so muss ich doch fürchten, dass Orest durch dies Verfahren nicht zur Erkenntnis kommt. Er ist blind und taub für alles, was nicht mit seiner leidenschaft zusammenstimmt."
"Das sind eben die Schatten des Todes," sagte Hyazint, "von denen die heilige Schrift so ergreifend spricht. In der Finsternis der Sünde, im dunkeln Schattental sitzen die Menschen, geblendet, gelähmt, betäubt – und ahnen nicht, dass die Nacht des geistigen Todes mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade über sie eingebrochen ist. Ach, Corona! einem so schrecklichen Zustand gegenüber sind wir alle macht- und ratlos; denn Orest will nicht hören, will nicht sehen, will nicht verstehen – und wenn wir uns alle zu tod reden und bitten, ermahnen und flehen. Wir müssen Gott bitten um Erleuchtung für uns und für ihn. Wir müssen uns bereit machen, nicht bloss Opfer zu bringen, sondern uns selbst durch die stets erneuerte Hingebung unseres Willens an Gott als ein lebendiges Holocaust ihm darzubieten. Wir müssen leiden, Corona! und zwar so, dass uns die Liebe zum Leiden in freudige Opfer verwandelt. An die Ausführung von Orest's wahnwitzigem Plan, die Ehe für ungiltig erklären zu lassen, ist gar nicht zu denken! aber dass er so lange schon in dieser jämmerlichen leidenschaft befangen ist und dennoch daran denkt, seine Ketten immer fester zu schmieden – ist ein böses Zeichen."
"Glaubst Du," fragte Corona beklommen, "was der anonyme Brief in Paris sagte: die spanische Sängerin, Judit Miranes, habe ihn gefesselt?"
"Ich glaube' es, denn unser Vater hat mir ähnliche Andeutungen gemacht."
"Also weiss es der Vater!" rief sie erschreckt.
"Liebe Corona," sagte Hyazint traurig lächelnd, "in der Welt weiss man alles, was zur Welt gehört. Mit Dir spricht Niemand darüber, das versteht sich! aber der arme Vater, der so viele Menschen kennt und mit so vielen in Verbindung ist, weiss gewiss alles, was Orest betrifft. Ich habe aber immer diese Mitteilungen vermieden; denn es war mir ein grenzenloser Schmerz, meinen Bruder auf solchem Wege und Dich in solchem Leid zu wissen, ohne Euch helfen zu können."
"Ach, und stelle Dir nur vor, wie grässlich das ist: diese Circe ist eine Jüdin – ungetauft, unerlöst, gnadenlos, nie eingetreten in's übernatürliche Leben."
"O die Unglückselige!" rief Hyazint schmerzlich. "Bedauere sie, Corona, verdamme sie nicht. Das Gewissen und das natürliche Licht des Verstandes könnten ihr freilich sagen, welch Unrecht sie begeht. Aber ach! wie leicht werden die von der leidenschaft gefälscht und ausgelöscht, wenn man nicht höheres Gesetz und höheres Licht zu Rat ziehen kann, welche sich nicht der leidenschaft anbequemen, sondern ihre ewige, unwandelbare, objektive Geltung haben. Davon weiss sie nichts, diese Circe! sie sitzt, wie jener gefesselte Mensch des Plato, in einer düsteren Höhle, mit dem rücken dem hellen Eingang zugewendet, und sieht vor sich an der Wand nur die Schatten, welche die Gestalten werfen, die sich hinter ihr im Licht bewegen. Der Wahrheit in's Auge – sieht sie nie! hat sie nie gesehen! o arme Circe!"
"Aber Orest ist noch viel unseliger!" rief Corona. "Er weiss, was wir wissen, Hyazint