Aufregung in einen Lehnstuhl. "Wodurch hab' ich es bewerkstelligt, dass ein ungeliebtes Weib sich so fest an mich klammert!"
"Du hast mir freilich nicht das Leben an Deiner Seite so lieblich gemacht," entgegnete Corona sanft, "dass es mir, menschlich gesprochen, sehr schwer fallen sollte, mich davon zu trennen. Aber die Ehe gehört nicht der menschlichen denke- und Empfindungsweise, sondern dem Gnadenleben an. Die Würde des Sakramentes ruhet auf ihr und das verbindet uns für dies irdische Leben zu einer höheren Gemeinschaft als die ist, die auf verflatternder Neigung und verrauschender leidenschaft beruht. Sie soll uns im Wechsel von trüben und heiteren Stunden, von bald lieblichen und bald schweren Pflichten, uns und unsere Kinder für den Himmel erziehen. Das ist der Zweck der Ehe; zu dieser erhabenen Bestimmung haben wir uns verbunden; wir müssen suchen, sie zu erfüllen. Hattest Du, als Du sie eingingst, mit frevelhaftem Leichtsinn eine andere Absicht: so musst Du das vor Gott verantworten. Das ist aber kein Grund, um die Ehe ungültig zu machen. Hingegen s o l l t e es ein Grund sein, um die Vergangenheit gut zu machen. Ach, vergib mir, dass ich so zu Dir spreche, lieber Orest! Glaube mir, ich tue es ohne Selbstsucht, ohne Empfindlichkeit. Ich denke nicht daran, mich an Dein Herz zu drängen oder irgend einen Anspruch an Deine Liebe zu machen; allein ich muss den Platz behaupten, auf den Gott mich gestellt hat und Dich anflehen, dasselbe zu tun!"
"So sind diese frommen Frauen!" brach Orest aus. "Immer im Kanzelton geredet! immer den lieben Gott als Larve vor ihrem Eigensinn! immer ihre Herzenskälte verbrämt mit tötenden Phrasen! unfähig zu jedem Opfer! unfähig zu erkennen, wo ihre Würde liegt. Du siehst ja, dass das Leben mit Dir eine Folter für mich ist, dass ich es fliehe, und, wenn ich es nicht fliehen kann, unter dessen Bleigewicht zusammenbreche. Wie ist es möglich, dass ein zartfühlendes Weib so etwas aushalten mag, und nicht lieber tausendmal sich von dem Mann trennt, der ihr nichts sein kann, da sie ihm nichts ist. Ich fasse das nicht! ich begreif' es nicht; aber ich muss ein Wesen verabscheuen, das aus starrem Egoismus mich um mein Glück bringt."
Der heftige Kampf streitender Gefühle wogte in Coronas Brust, und drückte sich in dem Wechsel ihrer Farbe und in dem schmerzlichen Zittern ihrer Lippen, ihrer hände und ihrer stimme aus, als sie mit der Gewohnheit der Selbstbeherrschung sagte:
"Wollte ich meinem Egoismus folgen, so würde ich meine Tochter bei der Hand nehmen und, statt unter Dein Dach zurückkehren, mit ihr in mein Vaterhaus gehen. Aber ich darf nicht, ich muss bei Dir ausharren. Ich muss vor der Welt Deine Ehre in meinen Schutz nehmen und vor Gott Deine Seele, für die auch ich verantwortlich bin – denn wir sind Eins."
Sie stand auf, tauchte ihr Taschentuch ein wenig in ein Glas wasser und drückte es an ihre bebenden Lippen, nahm dann ihren Hut und sagte mit einer stimme, die – wie das oft bei seelenzarten Personen der Fall ist – durch Gemütsbewegung zu einem leisen Flüstern herabgedämpft war, während die Roheit in solchem Falle lärmt und schreit; sie sagte:
"Ich bitte Dich, lass einen Wagen kommen und mich zu haus fahren."
"Und Du fragst gar nicht?" rief Orest; "nicht nach einem Namen oder einer person? nicht nach meinem ferneren Plan oder Entschluss?"
"Es gibt Dinge, von denen es sich nicht schicken würde, dass ich sie mit Dir bespräche, und andere Dinge, von denen es gut ist, wenn Du sie so wenig wie möglich besprichst," entgegnete Corona mit Fassung.
"Wähnst Du denn, alles sei abgetan mit Deiner wahnwitzigen Weigerung!" rief Orest mit solchem Zorn in Ton und Geberde, dass Corona wieder in ein nervöses Zittern verfiel und nichts erwiderte als: "Um Gotteswillen, einen Wagen, Orest!"
Aber er beachtete ihre Bitte gar nicht. Er fuhr fort, mit den heftigsten Ergüssen von Zorn, von Klagen, von Vorwürfen sie zu überschütten und sie förmlich unterzutauchen in das Meer von Bitterkeit, das sich in seinem Herzen bloss deshalb gegen sie angesammelt hatte, weil er ihr so viel zu Leide getan. Denn geradeso, wie der Mensch eine Zuneigung für diejenigen spürt, denen er wohl tut, ebenso fasst er eine Abneigung, die sich bis zur härtesten Ungerechtigkeit, ja bis zum Hass steigern kann, gegen Personen, die nicht etwa ihm, sondern denen er wehe getan. Corona schwieg, sammelte sich vor Gott und liess den Sturm brausen – bis es ihm einfiel, ihr die unsinnigsten Vorwürfe zu machen über den Tod ihres Sohnes. Wäre der am Leben, so wüsste man doch, weshalb diese ganze unselige Ehe geschlossen sei! Das konnte sie nicht mehr hören. Das Muterherz drohte zu brechen. Sie stand auf, verliess schweigend das Zimmer, das Hotel Meloni, verhüllte sich in Shawl und Schleier und ging die via Condotti hinauf zum spanischen Platz, ganz allein in der grossen fremden Stadt. Ihr war zu Mut, als könne ihr von keinem Menschen Schlimmeres begegnen, als von ihrem Mann. Neben der spanischen Treppe erkannte und erreichte sie glücklich ihre wohnung. Felicitas stand am Fenster und rief:
"