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dazu und die Rechtmässigkeit ihres Verfahrens nicht in Abrede stellen."

"Durchaus nicht!" entgegnete Corona mit unerschütterlicher Ruhe. "Die menschliche Verkehrteit und Bosheit ist so gross, dass es der uralten Schlange möglich wird, in jedes Verhältnis ihr Gift zu spritzen, und da mag es denn wohl zu trostlosen Zuständen kommen, welche eine ausnahmsweise Behandlung erfordern. Ein solcher Fall liegt aber bei uns durchaus nicht vor. Dass sich in der Ehe der eine teil durch traurige Verblendung einer verbotenen Liebe hingibt, ist leider, ach leider! in unserer Zeit und unserer Welt nicht so selten, um die Kirche zu veranlassen, jenes Mittel, das auf ganz unheilbare Zustände berechnet ist, auf heilbare anzuwenden."

"O wollte man doch weniger von dieser Heilbarkeit faseln," rief Orest, "und mehr jenes Mittel anwenden! es würde dadurch viel Skandal vermieden und viel menschliche Schwäche von dem Brandmal der Treulosigkeit befreit bleiben, die sich auch in das edelste Herz einschleichen kann."

"Und der Mensch den Gelüsten der gefallenen natur preisgegeben werden, gegen welche das edle Herz sich bis aufs Blut verteidigt, wenn es so unglücklich gewesen sein sollte, ihnen irgendwie Gehör zu geben," sagte Corona. "Nein, Orest! jede Schwäche, jeder Fehltritt, jede Versündigung, jede Wunde an der Menschenseele ist heilbar. Daran darf man nicht zweifeln; man muss nur Geduld haben, wie Gott mit uns Geduld hat. Noch in der elften Stunde kann Reue erwachen und zur Umkehr vom bösen Wege mahnen und drängen; kann der Pflichtvergessene sich besinnen, auf seine Pflicht und in ihren Kreis zurücktreten und den Kummer gut machen wollen, den er auf Weib und Kind gehäuft hat. Ist dann die brücke hinter ihm abgebrochen, gähnt dann eine unausfüllbare Kluft zwischen ihm und seiner Vergangenheit, ist er neue Verpflichtungen eingegangen, die ihm ebenso lästig werden, wie die altenweil es Verpflichtungen sind, die auf der verderbten natur drücken und drükken s o l l e n : so schleppt er den Stachel in der Todeswunde mit sich umher, ungesühnt, ungebüsst. Nein, Orest, wir wollen Gott danken, dass die heilige Kirche von göttlicher Weisheit erleuchtet und geführt, ihr letztes Mittel nur in ganz seltenen Fällen anwendet und statt dessen den einen teil zu Liebe, Geduld und Gebetden anderen zu Reue und Busse auffordert."

"Es muss charmant sein für einen Flüchtling vom häuslichen Herde, sich wieder bei demselben einzufinden als Büsser und sich dessen Asche aufs Haupt streuen zu lassen."

"Lieber Orest," entgegnete Corona mit himmlischer Liebe in blick und Ton, "ein solcher Flüchtling würde aufgenommen werden, wie der göttliche Heiland den Petrus nach seiner Verleugnung aufnahm: er vertraut ihm die Leitung seiner Herde an; und wie der Vater den verlorenen Sohn empfing: er eilt ihm entgegen und richtet ein Festmahl für ihn an."

"Ach, Krönchen!" rief Orest, "könnt' ich Dich nur lieben! Du bist wirklich ein seelengutes geschöpf, z u gut für mich. Darum hab' ich ja das Vertrauen zu Dir, dass Du mir ein Opfer bringen werdest ..." –

"Du verlangst Unmögliches!" unterbrach sie ihn mit grosser Bestimmteit. "Mich selbst, mein Kind, Dich, meinen Vater, alles was mir teuer ist, kann ich zum Opfer bringen, wenn der anbetungswürdige Wille Gottes es verlangt. Aber Dich Deiner leidenschaft zum Opfer bringen, wenn der Satan es verlangtnein, Orest, das kann ich nicht, denn ich will es nicht. Ich kann es nicht! ich kann nicht lügen! es hat nicht der leiseste Zwang stattgefunden bei meiner Verheiratung."

"Hättest Du mich gewählt, wenn der Vater nicht unsere Verbindung angeordnet hätte?" fragte er.

"Als ich Dich heiratete," erwiderte sie, "war ich zu jung, um je vorher an die Ehe oder die Wahl eines Gatten gedacht zu haben. Nach meiner Verheiratung hab' ich nie gedacht, dass ich anders hätte wählen können."

"Es ist doch gewiss, dass der Vater die Sache abmachte, ohne uns so recht zu fragen. Er kündigte sie an und erwartete Gehorsam."

"Ja, das ist so seine Art. Aber wir haben an Regina und Hyazint das Beispiel vor Augen, dass sie ihm nicht gehorchten, wenn die stimme Gottes anders zu ihnen sprach, als die stimme des Vatersund dass er es sich gefallen liess. Du und ich, wir hätten beide es machen können wie unsere Geschwister. Wir taten es nicht. Wir gaben freiwillig unsere Zustimmung."

"Der Wunsch, den ein geliebter Vater mit der grössten Zuversicht ausspricht, ist auch ein Zwang, ein moralischer, für ein gutes Kind."

"Wenn Du Gehorsam aus LiebeZwang nennen willst, lieber Orest! Aber ein solcher ist gewiss nicht darunter verstanden, wenn auf d e n Grund hin eine Ehe ungültig erklärt werden soll. Aus Rücksicht für den Wunsch der Eltern werden gewiss sehr viele Ehen geschlossen, welche glücklicher sind, als jene, die von blinder Neigung geschlossen werden. Ja, wenn ich ebenso sicher wüsste, dass Du in einer anderen Ehe Dein geträumtes Glück fändest, als ich jetzt weiss, dass Du es nicht finden wirst, so könnte ich es Dir doch nimmermehr verschaffen um den Preis einer Lüge."

"Entsetzliches Schicksal!" rief Orest und warf sich in trostloser