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Dornen

Coronas erster Ausgang am anderen Morgen war die spanische Treppe hinauf zur Messe in der Kirche Trinità del Monte. Mehr denn je fühlte sie sich machtlos ihren Verhältnissen gegenüber und gedrückt durch die Verstimmung zwischen ihrem Vater und ihrem Mann, die hier aufs peinlichste zum Vorschein kommen musste, wo beide, auf längere Zeit und durch die Fremde mehr als sonst an einander gewiesen, zusammen leben mussten. Und was konnte sie tun, um die beständige Reibung zu verhüten? sich aufreiben lassen; sonst nichts. Sie bat Gott um Kraft zum vollkommenen Opfer und um himmlische Klugheit, um in jedem Augenblick das Richtige zu erkennen, zu sagen, zu tun. Als sie nach beendeter Messe die Kirche verliess, fand sie draussen Orest, der vor derselben auf- und niederging und sagte:

"Ich war schon bei Dir und erfuhr von Justine, dass Du hieher gegangen wärest. Komm nun, ich bitte Dich, mit mir ins Hotel Meloni, in meine wohnung. Ich habe an Justine gesagt, Du würdest bei mir frühstücken. Lili schlief noch."

Er gab ihr den Arm und sie gingen den Monte Pincio entlang und dann die prächtigen Rampen hinunter zur Piazza del Popolo, an welchem das Hotel Meloni liegt. Sie sprachen von der Peterskirche, die sich dem Monte Pincio gegenüber in gigantischer Grossartigkeit erhebtein Felsendom, die ewige Stadt so weit überragend, wie diese alle Städte der Weltund wenn sie ihre Einwohner nach Millionen zählenan Grossartigkeit weit überragt; ein Felsendom, sinnbildend den Felsen Petri, in dem die Kirche Christi, göttlicher Verheissung gemäss, unerschütterlich wider die Pforten der Hölle gegründet ist. Von An- und Aussichten, von Palästen, Kirchen und Ruinen sprachen Orest und Corona so gleichgültig, als ob sie nicht zwei Monate getrennt gewesen wären. Aber hinter dem gleichgültigen Ton klopften unruhige Herzen, und Orest war in so fiebernder Aufregung, dass er kaum sein Zimmer betrat, als er sich auf ein Sofa fallen liess und sagte:

"Corona, Du musst mich retten!"

Sie legte ihre hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen und sagte innig:

"Gott wolle mir diese Gnade geben."

"Ja, Du musst mich retten, Corona!" fuhr Orest fort; "Du kannst, Du wirst es! meine ganze Hoffnung ruhet auf Dir. Sage, dass Du es auch willst!"

"Lieber Orest," erwiderte sie traurig, "hättest Du nur die leiseste Ahnung von den Sorgen, die ich um Dich trage, so würdest Du mich nicht fragen, ob ich Dich retten wolle. Überdas ist es ja meine Pflicht, alles für Dich zu tun, so weit meine Kräfte reichen. Also sprich! ich sehe ja, dass Du leidest."

"Ich werde Dir wehe tun!" rief er in äusserster Auf

regung, und ging heftig im Zimmer hin und her.

"O daran bin ich gewöhnt," antwortete sie ruhig,

wie jemand, der nicht den geringsten Anspruch an eine andere Behandlung hat. "Sprich nur ohne Scheu."

"Wohlan, Corona!" sagte Orest, indem er vor ihr

stehen blieb, "sei barmherzig und gib mir meine Freiheit."

Sie schlug erstaunt die Augen zu ihm auf und frag

te:

"Hab' ich je versucht, Deine Freiheit zu beschrän

ken?"

"Nein, nein! in Kleinigkeiten nie! aber meine Frei

heit ist im Ganzen verloren, weil Du meine Frau bist."

Corona legte mit einem Ausdruck von stillem, na

menlosem Schmerz die Hand über ihre Augen und sagte:

"Nur ein paar Jahre noch, lieber Orest, und ich

denkedann bist Du frei."

"Ach, nur nicht solche unsinnige Todesgedanken!

davon ist keine Rede! Du sollst ja nicht sterben, sondern nur meine Freiheit mir geben."

"Und was verstehst Du darunter?" fragte sie.

"Dass unsere Ehe für ungiltig erklärt werde, indem

Du erklärst, Du seiest zu derselben gezwungen worden. Ich habe mir sagen lassen, auf den nachweislichen Grund des Zwanges hin könne eine Ungiltigkeitserklärung bewirkt werden, so dass beide Teile zu ihrer vollkommenen ungeschmälerten Freiheit gelangen und eine andere Ehe eingehen dürfen. Da nun wirklich eine Art von Zwang bei Dir stattgefunden hat, so mache davon Gebrauch zu meinen Gunsten und gönne mir das Glückeine Frau glücklich zu machen, die ich seit Jahren grenzenlos liebe und die viel zu edel ist, um eine Liebe zu erwidern, welche ihre weibliche Würde auch nur durch einen Hauch verletzte. Ich gehe zu grund bei diesem Verhältnis und Du bist auch nicht glücklich; fasse also einen grossmütigen Entschlussund drei Menschen richten sich auf von einem vernichtenden Druck."

"Lieber Orest," entgegnete Corona ruhig, "auf diesen Vorschlag war ich freilich nicht gefasst; aber mein Entschluss ist dennoch reif. Zu Deiner Rettung biete ich mit Freuden die Handbis zum höchsten Opfer. Aber nicht zu Deiner Entwürdigung."

"Und so willst Du an mir haften als der Fluch meines Lebens!" rief er knirschend.

"Ich will, was Gott will: bis zum Ende die Fessel tragen, die er geheiligt und unauflöslich gemacht hat."

"Ich sage Dir aber, dass die Ehe freilich nicht aufgelöst, allein für null und nichtig erklärt werden kann. Da die Kirche das tut, deren Autorität Dir ja über alles geht, so wirst Du ihr Recht