. Da aber in Europa die christliche so vorherrschend ist, dass sich die bürgerliche Gesetzgebung grossenteils auf dem Boden ihrer gesetz entfaltet hat: so sind gewisse Bedingungen für gewisse Verhältnisse unumgänglich zu erfüllen, um diese giltig zu machen; und dazu gehört, dass die Ehe von Christen eingegangen werde."
"Orest!" sagte Judit finster, "es ist mir in meinem Leben noch kein Christ vorgekommen, der besser, edler, reiner gewesen wäre, als ein Jude. Ich nehme Ernest aus. Muss ich also eine christliche Religionsform annehmen: so wünsche ich, dass es die katolische sei, denn er war Katolik."
"Das muss sich nach den Umständen richten, teure Judit. Die katolische könnte uns Verlegenheit bereiten. Es wird sich herausstellen, was Sie zu wählen haben: ohne Taufe geht es nicht!"
"Wohlan, Orest! Sie bringen Ihre Opfer und ich werde das meine bringen. Aber es ruft in mir eine fürchterliche Erinnerung wach. Ich hatte eine ältere Schwester, ein so schönes, liebenswürdiges, talentreiches, gutes und kluges Mädchen, dass sie ihren königlichen Namen Ester zu tragen verdiente. Es war in Paris und ich damals noch zu jung, um in die Welt zu gehen. Ein junger Mann aus einer vornehmen Familie fasste eine heftige Neigung zu ihr, die sie leider! erwiderte. Da er von seiner Verbindung mit ihr sprach, so erklärte er, es könne nicht mit einer Jüdin geschehen und sie müsse sich taufen lassen und Christin werden. Ester und meine Eltern willigten ein. Ester wurde Christin; aber die Ehe fand nicht statt! ich habe nie dies traurige Geheimnis ergründet; aber ich weiss, dass der Christ sich von Ester zurückzog, sich auf eine diplomatische Mission begab und dass Ester am gebrochenen Herzen starb, während einige Herren und Damen dann und wann bei ihr erschienen, welche sich um ihre Taufe und um den Unterricht, der dabei stattfinden musste, bekümmert hatten – und welche ihr immer die Bibel empfahlen. Die müsse sie lesen und glauben müsse sie, dass sie durch den Tod Christi vor Gott gerechtfertigt sei. Und wenn die arme Ester versicherte: das glaube sie sehr gern und von ganzem Herzen; aber sie sterbe vor Gram und ein Buch könne sie nicht trösten, nicht beruhigen; so gab man ihr zur Antwort, dann fehle ihr der rechte Glaube und sie möge nur Sonntags in die Predigt gehen. Sie tats einige Male; aber sie kam stets traurig zurück und sagte mir zuweilen: 'Ach Judit! das ist keine Religion für ein schwaches leidendes Mädchenherz! da ist kein Stab, um es zu stützen, da ist keine Kraft, die ihm überwinden hilft, da ist kein Balsam, der seine Wunden heilt!' Nun, sie grämte sich zu tod, die arme, geliebte Ester! bei neunzehn Jahren sank sie in's Grab – ganz das, was die Dichter nennen: eine geknickte Rose. Mir aber hat ihr Schicksal etwas Hartes gegeben, Eisen ums Herz. Ich trat nach zwei Jahren in die Welt ein, mit Hass und Groll gegen eine Welt, in welcher für ein Wesen wie Ester kein Platz war; mit Hass und Groll gegen die Christen, von denen einer ihren Tod auf dem Gewissen – und keiner sie getröstet hatte. Was sind das für Diener und Lehrer einer Religion, die damit trösten wollen, dass sie sprechen: Lies die Bibel! Sei sie geschrieben von Gott und seinen Heiligen – ich wills glauben! aber jeder Leser macht die Deutung, die Anwendung nach dem Mass seines Geistes und trägt folglich seine Leidenschaften, seine Neigungen, ja sein ganzes Ich in deren Verständnis hinein; und was hat er dann gewonnen? Vielleicht die Wahrheiten, die er eben finden will. Aber ist das die Wahrheit, welche die Offenbarung verkündet? Ach, es wäre mir entsetzlich, wenn ich protestantisch werden müsste, jetzt, da die Erinnerung an Ester mir so lebendig geworden ist! Ach, Orest, dies ist eine schlimme Vorbedeutung! Auch ich werde unglücklich werden und trostlos dahin schmachten!"
Tränen standen in Judits Augen und die tiefste Bewegung malte sich in ihren Zügen. So gewaltig war die Erschütterung, die ihr junges Herz durch das Schicksal der Schwester erfahren hatte, dass sie noch jetzt, nach mehr als zehn Jahren in die schmerzlichste Aufregung geriet. Orest aber, der nie eine Träne in ihren diamantenen Augen gesehen hatte, war davon so ergriffen, dass er es sich als eine Grausamkeit vorwarf, diesen edlen Charakter, dies grosse schöne Herz mit den Formalitäten der christlichen Religion belästigen zu müssen. Er rief:
"O Judit, ist Ihre Abneigung gegen den Protestantismus so gross, dass Sie davon traurig werden, so lassen Sie sich katolisch taufen! aber hüten Sie sich, Ihre Ansichten und Ihre Handlungsweise von irgend einem Priester abhängig zu machen! Verbannen Sie alle schwermütige Furcht und fassen Sie das Vertrauen zu mir, dass ich für Ihr dauerndes Glück einstehe. Wenn Sie an mir zweifeln, woher soll mir die Kraft kommen, das Meer von Hindernissen zu durchschwimmen, welches sich vor mir ausdehnt. Lächeln Sie Judit! lächle, Du schwarzes Sonnenauge, ich bedarf Deines Lichtes."
Er kniete vor ihr und nahm ihre Rechte in seine hände. Sie legte die Linke leicht und leise auf sein Haupt und sagte lächelnd und lieblich:
"Welche Torheit von mir! auf diesen bösen Kopf setz' ich all mein Glück."
Stille