"Heute Abend ist mein Schwiegervater gekommen .... mit Corona."
"Und Du bist hier!" rief Florentin staunend.
"Ja, ich habe noch mit Judit zu sprechen."
Da trat sie ein und sagte:
"Hier ist sie! was wünscht Graf Orestes? Ach, ich bin recht froh, noch ein paar stille Augenblicke mit Ihnen zu sprechen. Man wird so betäubt von all dem leeren sinnlosen Gerede, dass der Kopf schmerzt und schwindelt."
"Auch der Ruhm hat seine Bürden," sagte Florentin, "und die Lorbeerkränze, die, von Tausenden gesucht und nicht errungen, Ihre schöne Stirne krönen, sind Ihnen zur Last. Sie sollten fortan nur Rosenkronen tragen, Signora."
"Als ob die Rosen keine Dornen hätten!" sagte Judit schwermütig lächelnd und nickte ihm freundlich zu, als er das Zimmer verliess. Dann sprach sie:
"Nun, Graf Orestes, was haben Sie mir zu sagen? Sie sehen bewegt aus. Ist's Leid, ist's Freude?"
Sie behandelte ihn ganz anders, als an jenem Abend in der Villa Diodati; traulicher, inniger und doch mit edler Zurückhaltung. Sie wollte eben Gräfin Windeck werden und glaubte seiner sicher genug zu sein, um nicht mehr nötig zu haben, ihn durch den Wechsel von Abstossen und Anziehen zu fesseln. Orest schöpfte tief Atem und sagte:
"Judit, ich muss mit Ihnen über die Zukunft reden – die Ihre und die meine. Bleiben Sie bei Ihrem Wort: alles für alles?"
"Ich bleibe dabei."
"Werden Sie mir angehören, wenn ich in voller Freiheit um das Glück werbe, Sie zu besitzen?"
"Als Gräfin Windeck – ja!"
"Werden Sie nicht zurückschrecken vor Kämpfen, Stürmen, Widerwärtigkeiten, Quälereien, peinlichen Auftritten ..."
"Aber warum das alles!" unterbrach sie ihn.
"Weil meine Ehe gelöst werden muss und weil meine Frau jetzt hier ist."
"Sein Sie unbesorgt," entgegnete sie lächelnd; "ich habe Mut und Beharrlichkeit, wenn das Ziel es wert ist. Ich erschrecke nicht vor Unannehmlichkeiten und Hindernisse zu überwinden ist ein Sporn des Willens. Ich will auch einmal glücklich sein! ich will nicht umsonst gelebt haben! ich bin dieser Existenz hinter Schminke und Lampen und unter stupidem Beifallsgetöse satt und übersatt! ich habe sie nicht zu meinem Vergnügen gewählt, bin nicht für sie erzogen worden, habe nur durch sie Kindespflicht erfüllen wollen und habe nie – aber auch nie! eine wahre Befriedigung in ihr gefunden. Die Eitelkeit feierte ihre Triumphe; die Huldigungen, die mich in Wolken von Weihrauch hüllten, gaben mir zuweilen eine süsse Berauschung; allein es war und blieb – ein Rausch und er liess eine Leere zurück, die mein Herz tief und immer tiefer durchgräbt und meine sehnsucht nach Glück mehr und mehr steigert. Und fragen Sie mich, Orest: Was ist das – Dein Glück? so antworte ich Ihnen: Es ist der ruhige und ungestörte Besitz eines treuen Herzens. Ihres Herzens, Orest! Sie sind treu! Sie zwingen mich, diese Zuversicht zu Ihnen zu fassen. Wer Jahre lang so um Liebe geworben hat, wie Sie – und jetzt so bereit ist, alles wegzuwerfen, was sie vom Ziel zurückhält, der ist nicht flatterhaft, nicht leichtsinnig, nicht schwankend. Der ist treuer Liebe fähig und die findet immer Gegenliebe."
Nie hatte Judit so zu Orest gesprochen; aber sie erkannte, der Augenblick sei nun da, der über ihre Zukunft entscheide und Orest müsse, nicht bloss von seiner, sondern auch von ihrer Liebe getrieben, seine Ketten brechen. Als er zu ihren Füssen niedersank und keine Worte fand, um die Wonne auszusprechen, die ihn überströmte, sagte sie zärtlich:
"Stehen Sie auf, Orest! i c h müsste Ihnen zu Füssen fallen und Sie um Vergebung bitten, dass ich so lange Sie gequält und in Ungewissheit gehalten – dass ich scheinbar ein kokettes Spiel mit Ihnen getrieben habe. Allein jetzt bin ich vor Ihnen gerechtfertigt, nicht wahr? und Sie selbst werden diese Prüfung, die Ihnen oft weh getan hat, jetzt billigen, nicht wahr? Überdas," setzte sie lächelnd hinzu, "ist es besser, die allgemeine Regel inne zu halten, dass die Herren den Damen zu Füssen liegen. Weicht man von ihr ab, kommt selten ein glückliches Verhältnis dabei heraus."
Unwillkürlich tauchte jener Moment in seinem Gedächtnis auf, als Corona mit der Liebe der Engel vor ihm gekniet und ihn gebeten hatte, seine Seele zu retten. Diese Erinnerung kam zu höchst ungelegener Zeit, denn Orest war längst über den Punkt hinweg, wo noch ein Kampf zwischen dem Guten und Bösen geführt wird und wo folglich eine heilsame Erinnerung die gute Sache kräftigen kann. Jetzt störte sie ihn nur und er rief:
"Wie sehr verstehen Sie sich auf weibliche Würde und auf die richtige Behandlung des männlichen Charakters! Sie sind geschaffen, um angebetet zu werden und deshalb ist es mir eine quälende Vorstellung, Sie durch meine unglücklichen Verhältnisse in eine Menge von Verdriesslichkeiten zu stürzen."
"Was steht mir denn eigentlich bevor?" fragte sie.
"Nun, zuerst und auf jeden Fall müssen Sie sich taufen lassen, arme Judit. Dem höchsten Wesen, das von uns verehrt wird, ist es selbstverständlich äusserst gleichgültig, in welcher Religionsform der Mensch diese Verehrung kund gibt