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ziemlich gedankenlos ein Album durchblätterte. Nach einiger Zeit gesellte sich Florentin zu ihm und fragte:

"Weisst Du, dass Hyazint hier ist?"

"Gewiss! längst! er studiert hier schon seit einem halben Jahr."

"Und was sagt er dazu, Dich in dieser Gesellschaft in Rom zu treffen?"

"Da er nicht Deine Insolenz hat, so schweigt er."

"O," sagte Florentin, "Du und ich, wir sind SeelenbrüderDu kannst mir sagen, was Du willstich nehme Dir nichts übelund um so weniger, als ich Dich aufrichtig bedaure, denn Du verlierst bei der stolzen Judit Deine Zeit und Deine Mühe."

"Wer gibt Dir das Recht in diesem Tone zu mir zu sprechen?" fuhr Orest mit brausendem Zorn auf.

"Unsere alte Freundschaft, unsere gemeinsame Kindheit und erste Jugend, unsere frühere Vertraulichkeit. Wir hatten ja nie Geheimnisse vor einander. Freilich ist diese Vertraulichkeit geschwunden, seitdem Du mich bei Judit gefunden hast...." –

"Sage lieber, seitdem Du auf politischem Gebiet einen Weg betreten hast, den ich verabscheue und der mir jeden Gedanken an Vertraulichkeit in der Brust erstickt," unterbrach ihn Orest.

"O nein!" erwiderte Florentin; "damals in London lag es nur an mir, unsere alte Vertraulichkeit wieder anzuknüpfen. Doch waren meine Verhältnisse damals so, dass ich nicht Lust dazu hatte."

"Und jetzt hab' ich keine Lust dazu!" sagte Orest abbrechend; denn es war ihm in der Tat äusserst unangenehm, gerade Florentin in Judit's nächster Umgebung sehen zu müssen; teils weil er ihn zu genau kannte, um Florentins Umgang für irgend ein weibliches Wesen wünschenswert zu finden; teils weil er sich durch Florentin jeden Augenblick an Windeck und an seine Familie erinnert fühlte. Die gemeinste aller Eigenschaften, der Neid, sprach dann auch noch ganz leise sein Wörtchen mit: Florentin war immer in Judits Gesellschaft und er so selten.

"Ich beklage Dich unaussprechlich!" fuhr Florentin mit einem Ton fort, der keine Spur von Teilnahme durchklingen liess. "Zwiefache Fesseln zu tragenhier am Herzen, dort an der Hand: das muss mehr sein, als ein Mensch aushalten kann."

"Darin hast Du Recht," sagte Orest dumpf; "aber warum sprichst Du so?"

"Um Dich zu fragen, weshalb Du nicht die eine Fessel sprengst und dann der anderen ungehindert folgst?"

Orest entsetzte sich, seine geheimsten Absichten von Florentin erraten zu sehenund schwieg.

"Sieh!" fuhr dieser fort, "Du bist nicht umsonst nach Rom gekommen. Bei der römischen Kurie ist mit Geldalles möglich und dann auch wieder unmöglich zu machen. Lass Deine Ehe für null und nichtig erklären, so bist Du frei. Wie das zu bewerkstelligen ist, weiss ich natürlich nicht; aber möglich ist's! versteht sich für Geld. Du weisst, wie ich von jeher über die Ehe gedacht habe, dass sie nämlich nicht als ein äusserer Zwang, sobald die Weihe der Herzenszustimmung fehlt, haltbar sei. Ich wünsche sehr, dass Du meinen Grundsatz in Ausübung bringen mögest. Als ich heute zufällig an Hyazint vorüberstreifte, schlug mein Hass gegen diese Vertreter der Finsternis einmal wieder in hellen Flammen auf. In der politischen Welt ist in diesem Augenblick nichts zu machen gegen das Nachteulengeschlecht. Tatlos muss man dasitzen und zusehen, wie sie Einfluss gewinnen und herrschaft an sich reissen. Da nahm ich mir vor, mit erneutem Eifer auf jedem Gebiet sie zu bekämpfen, wo ich ihre gesetz finden würde. Und wo findet das mehr statt und wo sprechen sie der menschlichen Freiheit mehr Hohn, als in der Ehe. Das Wörtchen 'muss' sollte eigentlich gar nicht existieren im Wörterbuch der civilisierten Menschheit. In Verbindung gesetzt mit der Herzensneigung, ist es ein Widersinn; denn die Neigung hängt nicht von uns ab, ist durchaus unwillkürlich und schaudert heimlich vor der Vorstellung zurück, gerade nur diese eine Frau, diesen einen Mann bis zum letzten Atemzug ausschliesslich lieben zu müssen."

"Und doch gibt es ein 'muss' in der Liebe!" sagte Orest. "Man ist nicht darauf ausgegangen, diese oder jene person zu lieben; allein sie besitzt den Zauberund man muss sie lieben. Von der Cleopatra wird erzählt, sie habe einen orientalischen Talisman besessen, der die wirkung hatte, dass man sie lieben musste und nie vergessen konnte."

"Dieses 'Muss' ist ein anderes!" rief Florentin; "es entspringt aus einer inneren Nötigung, aber nicht aus einem äusseren Zwang."

So redeten sie sich immer tiefer in die Verkehrteit hinein, ohne zu bedenken, dass allerdings das Erwachen einer Neigung unwillkürlichhingegen ganz dem Willen anheim gegeben ist, ihr zu folgen oder ihr zu widerstehenund dass der Widerstand deshalb so selten mit aller Kraft erfolgt, weil die Neigung den Gelüsten der verderbten natur schmeichelt. Florentin verfolgte seine Teorie. Orest seine Wünsche; und obgleich Orest sonst bei jeder gelegenheit Florentins Ansichten mit Spott und Geringschätzung abfertigte und seine Teorien zuweilen lächerlich und immer unhaltbar fand, so hörte er ihm doch jetzt mit Wohlgefallen zu, weil Florentin im Sinn seiner leidenschaft sprach und seinen Gedanken Worte lieh. Endlich wurde es still im Salon; die Stimmen verhallten, die Türen öffneten und schlossen sich; Orest stand auf und sagte zu Florentin: