. So hatte Orest es sich ausgedacht, um freier in seinen Bewegungen zu sein. Corona ahnte nichts Gutes aus dieser Einrichtung; Orest aber sagte:
"Du wirst für Dich und Lili gewiss mit dieser wohnung zufrieden sein, Corona, denn davon abgesehen, dass sie eine angenehme und gesunde Lage hat, brauchst Du nur die sogenannte spanische Treppe hinaufzusteigen, so bist Du auf der herrlichen Promenade des Monte Pincio und stehst zugleich vor der Kirche Trinità dei Monti, welche den Damen vom Sacre Coeur gehört."
"Das ist gut!" sagte sie, "das werden wir benutzen, das brauchen wir."
Es war etwas so Eisiges in Orest's Ton und Benehmen, dass sich ihr Herz erschauernd zusammenzog und dass sie, als ob ihre Seele prophetisch gewesen wäre, zu sich selbst sprach: Hier werde' ich recht den Kreuzweg zu gehen haben! Geheimnisvolles Vermögen des inneren Menschen, dass er zuweilen am Vorabend schwerer Geschicke oder auf dem Wendepunkt seines Schicksals Andeutungen vernimmt, die vielleicht sein Schutzengel zur Warnung oder zur Vorbereitung ihm gibt! Hyazint fragte viel nach Uriel und nach Onkel Levin und musste viel von Rom erzählen und von allem, was man hier zu tun und zu sehen habe. Orest war einsilbig und fragte wenig. Noch weniger fragte man ihn, was er getrieben, wie und mit wem er am Genfersee und in Genua gelebt habe. Die leidenschaft ist eine Mauer, welche den Menschen umgibt, vereinzelt, und allem unzugänglich macht, was nicht sie ist. Er fühlte sich elend zwischen denen, welche seinem Herzen die nächsten – und dessen Glück und Freude hätten sein sollen; ein Fremdling am häuslichen Herd, ohne Sympatie für das reine, friedliche und doch so reichhaltige Leben, welches ihn umblühte. Er langweilte sich bei diesen Gesprächen, bei diesen fragen nach Personen und Dingen, die ihm, durch die fürchterliche Kälte, welche die leidenschaft für alles äussert, was ihren Gegenstand nicht betrifft, tief gleichgiltig waren.
Die leidenschaft ist etwas Entsetzliches und doch verwechselt die Welt sie häufig mit der Liebe! leidenschaft ist der von Gott ab- und der Kreatur zugewendete Hunger des Herzens, ein unstillbarer, nagender, wütender Hunger, der, ähnlich dem physischen, den Menschen so entmenscht, dass er ihn fähig macht, wenn er den höchsten Grad erreicht hat, den nächsten zu schlachten, den Bruder zu morden und von dessen Fleisch und Blut das Leben zu fristen. Dasselbe tut in der sittlichen Welt die leidenschaft; sie verlangt ihre Befriedigung, ohne zu achten auf die Tränen, auf das Herzeleid, auf den Jammer, welche sie denen bereitet, die ihr im Wege stehen und die sie gleichgiltig beseitigt; ohne zu achten der Schmach, der Entwürdigung, der Entmenschung, welche ein solches Verfahren nach sich zieht. Sie ist eine Feuersbrunst: auf e i n e m Punkt wilde, zügellose, gierige Flammen und rings umher Verwüstung und Elend, Klage und Trauer und zerstörtes Glück. Sie ist die vollkommenste Blüte des Egoismus; sie isoliert den Menschen in seinem Ich – gegenüber der wundervollen Gemeinschaft der Liebe, die Gott gewollt und angeordnet hat, indem er den Seelen sein Ebenbild gab. Gott ist die Liebe: darum liebt die Seele; darum ist Liebe – ihr Leben, ihr Wesen, ihr Zusammenhang mit Gott und durch ihn mit aller Kreatur, folglich ist sie der leidenschaft geradezu entgegengesetzt. Die göttliche Liebe befriedigt in übernatürlicher Weise den Hunger des Herzens, das ein übernatürliches Ideal von Glück in sich trägt. Die göttliche Liebe entzündet in übernatürlicher Weise die Flamme des Herzens, das sich sehnt zu verlodern im heiligen Feuer des Opfers. Die göttliche Liebe entfaltet in übernatürlicher Weise die Kräfte und Neigungen des Herzens zu einer solchen Blüte, dass ein Paradies von Tugenden darin aufgeht. Und das ist nun das wunderbare Geheimnis, dass der von der Erbsünde angehauchte und von der eigenen Sünde befleckte Mensch dennoch aus freier Wahl der übernatürlichen Liebe sich zuwenden kann. Das Urgeheimnis von der Freiheit der Liebe, die im Paradiese an egoistische leidenschaft sich gefangen gab, wird jedem Menschen zur Lösung vorgelegt. Um es richtig zu lösen – dazu hat der Mensch seinen Willen, der, wenn's ein guter Wille ist, von der göttlichen Gnade unterstützt wird. Nicht jeder löst es bei dem ersten Versuch zu seinem Heil. Auf einen Hyazint, dem es gelang, von der Wiege an in dem leidenschaftslosen Frieden einer übernatürlichen Liebe zu wandeln – kommt mancher, ach mancher Uriel, der eine Welt braucht, mit ihren Bitterkeiten und Schmerzen, ihren Erfahrungen und Enttäuschungen, ihren Kämpfen und Stürmen, um sich zu besinnen auf das verlorene Gut der übernatürlichen Liebe, das den Hunger seines Herzens stillen kann. Und auf einen Uriel kommen viele, ach viele Orests, die es vergessen haben, dass die Liebe in der leidenschaft ihnen verloren ging und dass es, um den Hunger des Herzens zu stillen, etwas anderes gibt, als die Speise im Trog der Tiere.
Während Corona dachte, jetzt beginne ihr Kreuzweg, dachte Orest, jetzt sei der Augenblick gekommen, der durch einen kühnen Schritt seinem Leben eine glückliche Wendung geben könne. Als die Familie auseinander ging, war es noch nicht zu spät, um zu Judit zu eilen, die bis Mitternacht Menschen bei sich aus- und eingehen liess. Es waren an diesem Abend ihrer so viele, dass er sich unmutig in das letzte Zimmer zurückzog, wo er um niemand sich zu kümmern brauchte und