eine grosse, elegante wohnung hatte. Dort angelangt, verabschiedete sich Orest, setzte sich auf sein Pferd, das im Hof des Palastes ihn erwartete, und ritt der Porta del popolo und der Milvischen brücke zu – denn auf der Strasse sollte heute Graf Damian mit Corona von Florenz nach Rom kommen.
Orest schien keine Eile zu haben, die Seinen wiederzusehen. Er ritt im Schritt, nichts weniger als heiter war sein Ausdruck und das schlanke Vollblutpferd fühlte mit Unbehagen und mit nervosem Unwillen die Verstimmung des Reiters an dessen unstäter Hand. Orest dachte bei sich selbst: O hätte ich eine Wünschelrute! ich versetzte den Schwiegerpapa von dem ponte molle nach Windeck zurück! Corona allein – würde der Vernunft Gehör geben, aber er! aber er! Hyazint ist freilich auch da .... als Moralprediger – aber als Prediger in der Wüste! auf einen Bruder hat man nicht Rücksicht zu nehmen, wenn es das Lebensglück gilt – und Hyazint hat das zuerst bewiesen, als er, ganz gegen meinen Rat und meine Ansicht, geistlich wurde. Uriel will auch kommen – schreiben sie. So wäre dann die Familie ziemlich beisammen! allein Uriel macht auch Extravaganzen .... in seiner Art! drum ist mir niemand lästig als der Papa. Schwiegervater, Pflegevater, Onkel und Vormund in einer person – das gibt eine Respektsperson sondergleichen ab, wenn man auch längst der Vormundschaft entwachsen ist. – – Orest fühlte sich dem Grafen Damian gegenüber deshalb unfrei in seinen Projekten, weil er voraussah, dass derselbe sie ganz kalt und ohne die mindeste Berufung auf religiöse Grundsätze und einen übernatürlichen Standpunkt abfertigen werde. Seinen Brüdern war er entschlossen zu antworten, dass sie mit ihren exzentrischen und schwärmerischen Ideen nicht im stand wären, die herrschaft der grossen Leidenschaften zu begreifen; allein dem Grafen Damian, der mit ihm, was den Egoismus betraf, ungefähr auf gleicher Stufe stand – dem scheute er sich, Rechenschaft ablegen zu sollen. Seine Hoffnung war Corona. O! seufzte er aus tiefster Brust, die Jagd nach dem ersehnten Glück ist etwas Verzehrendes! Wäre nicht Judit mein Ziel und erreichte ich es nicht bald – ich weiss nicht, ob ich noch lange die Folter des Lebens aushalten könnte. – – Unfern des ponte molle traf er die Reisenden, stieg zu ihnen in den Wagen und gab sein Pferd seinem Reitknecht.
Graf Damian war seinem Schwiegersohn nicht sehr gewogen; es trafen zwei selbstsüchtige Naturen aufeinander, welche beide Rücksichten forderten, aber nicht nahmen, und welche beide geneigt waren, im Universum nur sich selbst und ihre Persönlichkeit zu sehen. Diese überwiegende Wertschätzung seiner Persönlichkeit hatte sich bei Graf Damian durch seine Liebe für Corona nur gesteigert, gleichsam ausgedehnt. Er zog seine Tochter in den Kreis seines Ichs hinein und verlangte, sie glücklich zu sehen, um ihr Glück zu geniessen. Dahin liess es aber Orest nicht kommen und so fühlte er sich beeinträchtigt in seinen so äusserst edlen Glücksansprüchen, die ihm umso rechtmässiger erschienen, als sie ja nur das Glück der Tochter verlangten. Der Mensch hat immer allerhand Scheingründe, um seine Schwächen – und gerade sie! als Tugenden darzustellen; denn seine Schwächen – sind seine Schosskinder! seine grossen Fehler wäre er wohl meistens selbst gerne los. – Eine gewisse Spannung zwischen dem Schwiegervater und Schwiegersohn ergab sich aus diesen Verhältnissen, und Corona, zwischen beiden stehend, musste noch gar die Vermittlerin abgeben und das Öl ihrer schonenden Milde über die bitteren Fluten der Gereizteit und des Trotzes sänftigend ausgiessen.
Hyazint, der zur Vervollkommnung seiner teologischen Studien auf ein Jahr nach Rom gegangen war und dort im deutschen Priesterhause Santa Maria delle anime lebte, hatte für die Ankommenden eine wohnung am spanischen Platz genommen und erwartete sie in derselben. Sie war sehr freundlich und empfing die müden Reisenden mit behaglichem Kaminfeuer und Lampenlicht.
"Guter Hyazint!" rief Graf Damian und rieb sich vergnügt die hände, "bei Dir ist's warm und häuslich. Bisher war es recht frostig!"
"Du bist hier bei Dir und nicht bei mir, lieber Onkel!" entgegnete Hyazint.
"Ich weiss! ich weiss!" rief der Graf. "Es war nur, um Dir zu sagen, dass Du Deine Sache vortrefflich gemacht hast."
Die Koffer wurden gebracht und die Zimmer verteilt. Als der Graf in den Salon zurückkam, sagte er:
"Es ist aber ein Zimmer zu wenig, Hyazint! Du hast wohl nicht auf Lili und ihre Bonne gerechnet. Wo Orest sein Unterkommen finden soll, weiss ich nicht."
Orest sass am Kamin und Felicitas auf seinen Knien. Mit einem Anflug von Verlegenheit sagte er:
"Da diese wohnung sehr hübsch ist und bequem liegt, so riet ich Hyazint zu ihrer Wahl. Eine Stallung für meine Pferde hat sie aber nicht, und da ich diese nicht einzig und allein der Obhut eines englischen Jockeis überlassen kann, der zwar exzellent ist, doch kein anderes Wort spricht, als Yorkshire-Englisch: so haus ich mit ihnen im Hotel Meloni – ganz in der Nähe."
"Unbequeme Einrichtung!" brummte der Graf; "da muss immer ein Diener auf den Beinen sein, um mit Aufträgen, Anfragen etc. etc. hin und her zu laufen!"
Sein Missmut würde zugenommen haben, wenn er gewusst hätte, dass das Hotel Meloni mit nichten in der Nähe lag, sondern an der Piazza del popolo und durch die ganze lange Strasse del Condotti vom spanischen Platz getrennt