begreift sich Ihre Freude. Nur entadeln Sie den Menschen dadurch und berauben ihn seiner Würde," entgegnete Florentin.
"O nein!" rief Lelio; "der betende Mensch ist sich mehr als ein anderer seiner Würde bewusst: er spricht mit Gott, als ein Kind zum Vater."
"Lelio, ich bitte Dich, hör' auf mit Deinen Faseleien!" rief Florentin mit steigender Heftigkeit. "Es ist entsetzlich, einen vernünftigen Menschen – denn Du w a r s t noch vor drei Monaten ein sehr vernünftiger Mensch, von hellem Kopf und klarer Einsicht – in einer so traurigen Verwirrung seiner Begriffe zu sehen. Der Mensch ist ein aus ewigen Naturgesetzen hervorgehendes, in sich selbst abgeschlossenes, selbstständiges Individuum, das sich innerhalb der Schranken jener gesetz frei bewegt. Er kann sich nicht unsterblich machen, kann nicht immer zwanzig Jahre alt bleiben, kann nicht auf einem anderen Planeten sich ansiedeln und was dergleichen Schranken mehr sind, welche eine Bedingung seines Daseins ausmachen. Aber in die Abhängigkeit von einem sogenannten höheren Wesen ihn bringen, zu einem unmündigen kind ihn machen wollen, das jenem Wesen gegenüber zu bitten, zu danken, zu wünschen, zu jammern hätte, um es sich geneigt zu machen – ja, das ist eben ein Märchen, womit man die Völker in den Tagen der Unwissenheit am Gängelbande führt. Ein solches höheres Wesen kann schon deshalb gar nicht für uns existieren, weil kein Zusammenhang zwischen ihm und uns besteht."
"Was wäre denn das Leben Deines Geistes und Deine unsterbliche Seele?" fragte Lelio.
"Der Geist ist ein Erzeugnis der Tätigkeit des Gehirns," erwiderte Florentin, "entwickelt sich mit dem Gehirn und stirbt mit ihm dahin. Das lässt sich beobachten von der Wiege bis zum grab, vom kind bis zur Leiche. Unsterbliche Seelen hat die Wissenschaft noch nicht entdeckt. Sie fallen mitsamt jenem höheren Wesen, jenem ausser- und überweltlichen Gott, in die Kategorie der Fabel. Spricht also ein Mensch zu diesem Wahngebilde, so macht er den Eindruck eines Fieberkranken, der seine Phantasien für Wahrheit hält. Wie kann da von der Würde des Menschen die Rede sein? Ein aufrichtiger Mensch, der nicht mit sich selbst und nicht für andere geflissentlich Komödie spielt – was könnte der wohl in einer solchen betenden Situation sagen?"
"Vergib uns unsere Schuld," erwiderte Lelio ernst.
Florentin erbleichte und schwieg. Orest rief:
"Allons, Florentin, Antwort! Soll der römische Katolik das letzte Wort haben gegen Jung-Deutschlands freien Forscher?"
Madame Miranes aber, die eine grenzenlose Langeweile bei solchen Gesprächen empfand und gar nicht begriff, wie Judit ihnen stets mit Interesse folgen möge – benutzte den günstigen Augenblick und rief:
"Barmherzigkeit! wir werden hier auch zu Martyrern! wir erfrieren in diesen Steinmassen, denn die Sonne ist fast untergegangen und die feuchte Novemberluft ist so schädlich."
Die Gesellschaft brach auf, durchwanderte noch die übrigen Gänge und Räume des Koliseums und stieg dann wieder in die Arena hinab. Die Kreuzwegandacht war zu Ende. Der selige Leonardo von Porto Mauricio hat nicht bloss die Errichtung der vierzehn Stationskapellchen im Koliseum bewerkstelligt, sondern auch eine Bruderschaft gegründet, welche die Verpflichtung übernahm und bis zur Stunde erfüllt, jeden Freitag daselbst die Anbetung des Gekreuzigten öffentlich zu verkünden. Ihr schliessen sich gewöhnlich andere Andächtige an; und einige von diesen knieten noch betend an verschiedenen Stationen. Auch zwei Kapuziner, von denen der eine einen Sack über die Schulter gehängt trug. Als Judit an ihnen vorüberging, stockte ihr Schritt unwillkürlich und Florentin rief laut genug, um von den Kapuzinern gehört zu werden:
"Der Auswurf der Menschheit: Tagediebe, Faullenzer, Bettler und Heuchler in einer person!"
"Die Blüte des christentum und deshalb von den modernen Heiden gehasst!" rief Lelio ebenso laut.
Die Kapuziner befolgten den Rat, den ein alter ägyptischer Einsiedler einem Jüngling gab: sich gegen Lob und Tadel der Menschen wie eine Bildsäule zu verhalten. Judit sagte im Weitergehen:
"Fiorino, Sie machen es mir unmöglich, Sie hier in meiner Begleitung aufzunehmen. Solche rohe Äusserungen will ich nicht hören – und umso weniger, als der eine Kapuziner ein Mann ist ... o ein unvergleichlicher Mann! Hast Du ihn nicht erkannt, liebe Mutter? Ernest war es!"
"Bestes Kind," entgegnete Madame Miranes, "glaubst Du, Ernest werde hier auf seine eigene Hand lebende Bilder aufführen?"
"Ernest war es!" wiederholte Judit; "älter geworden, wie man eben wird in acht Jahren, verändert durch die Tracht .... aber er war es. Damals in Frankfurt," sagte sie zu Orest, "war ich seine Schülerin in der Malerei. Jetzt ist er Kapuziner und ich bin Opernsängerin! – welche Kluft! ich möchte ihn nicht wiedersehen."
"Bravissimo, Signora!" rief Florentin.
"Wenn Sie mich loben, Signor Fiorino," entgegnete sie kalt, "so fürchte ich Unrecht zu haben. Was sagt Graf Orestes?" wendete sie mit ihrem bezaubernden Lächeln zu diesem sich hin.
"Diesmal hat Florentin recht," erwiderte Orest. "Die Kapuziner sind äusserst respektable Männer, ich kenne sie von meiner Heimat und Kindheit her und in ihrem Kloster am Main ist die Begräbnisgruft meiner Familie; aber mit Ihnen, Judit, und mit dem Leben haben sie nichts gemein." –
Sie fuhren nach dem Corso, wo Judit