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verlass Dich. Warum sollte er sich die Mühe genommen haben, jedes Haar auf Deinem haupt zu zählen, wie wir es lesen in heiliger Schrift, wenn er keine spezielle Notiz von Dir nehmen wollte?"

"Liest Du die heilige Schrift?" fragte Damian höchst verwundert. "Ich meine gehört zu haben, sie sei verboten, weil das ganze künstlich ersonnene und zusammengesetzte Gebäude der katolischen Kirche über den Haufen fallen würde, wenn man die Lesung gestattete."

Kunigunde lachte herzlich und rief: "Das wäre ja eine ungemein tragische Begebenheit, wenn eines guten Tages die apostolische Kirche zusammenprasseln sollte vor dem Echo der heiligen Schriften, die ja in ihr abgefasst, gesichtet und beglaubigt sind, und die nur ein Leben haben, insofern sie gehören zum lebendigen Organismus des heiligen Geistes, dessen Bau eben diese Kirche ist. Einem Denkgebäude, von menschlicher Weisheit ersonnen, könnte es hingegen wohl geschehen, dass es zusammenstürzte, wenn die mächtige stimme des Evangeliums darin erschallte, weil seine Wahrheiten nicht Stand hielten vor der ewigen Wahrheit der Offenbarung."

"Es ist der katolischen Kirche schon oft der Untergang prophezeit worden."

"Ja wohl, zu ihrem grossen Trost! denn dies 'oft' beweist, dass es immer falsche Propheten waren; dass sie nur verkündeten, was sie wünschten, und dass sie wünschten, was der Antichrist immer wünscht: Christus in seinem Erlösungswerk zu vernichten."

"Gundel, Du sprichst wie ein Professor mystischer Teologie! Hast Du Deine Freude daran, so sei sie Dir gegönnt. Aber ich bitte mir aus, dass Du sie nicht unseren Buben einpflanzest; die brauchen vom Antichrist nichts zu wissen und nicht in den heiligen Schriften zu studieren."

Kunigunde war nach und nach erfahrener und vorsichtiger geworden. Sie liess die Sache fallen und nahm sich um so fester vor, einen kindlichen frommen Glauben in den Knaben zu pflegen, als sie wohl wusste, dass Damian sie nicht darin unterstützen würde. Es war ein Donnerschlag für sie, als Juliane plötzlich mit überraschender Zärtlichkeit schrieb, sie wünsche den zweiten Sohn ihres geliebten Gratian zu sich zu nehmen, zu erziehen und ihm nach ihrem und ihres Mannes tod Stamberg als Fideikommis zu übergeben. Leichenblass sass Kunigunde da, während Damian den Brief vorlas; ihre hände waren vom Stickrahmen in ihren Schoss gesunken und zitterten leise, und mit unaussprechlichem Schmerz sah sie Levin an, als wolle sie seines Beistandes sich versichern.

"Der arme Junge dauert mich," sagte Damian, als der Brief zu Ende war. "So ganz allein bei der Grossmama, das wird eine traurige Kindheit geben! dafür bekommt er denn freilich später ein prächtiges Fideikommis, das somit den gierigen Klauen der schlesischen Stambergs entrissen wird und unserer Familie bleibt. Ich bin recht froh, endlich darüber Gewissheit zu haben. Nun, Gundel, was sagst Du? Du bist ja ganz starr vor Überraschung."

"Ich sage, lieber Damian," erwiderte Kunigunde mit bebender stimme, "dass ich auf Deine Zustimmung zähle und das Kind nicht hergebe. D i r hat Gratian seine Söhne anvertraut und i c h habe sie von Walburg geerbt. Sie sind auch ein Fideikommis, ein viel kostbareres als alle Güter der Weltund ich denke, wir vertauschen sie nicht gegen Stambergnicht alle und nicht einen."

"Kind, es handelt sich um eine Rente von mindestens fünfzigtausend Gulden. Die wirft man nicht fort wie eine Einladungskarte, welcher man nicht Folge leisten will. Die erste Jugend des kleinen Orest wird nicht sehr munter sein; aber im späteren Leben kann er das ja leicht nachholen und ganz andere Freuden geniessen, als die unbedeutenden der Kindheit. Weigern wir uns aber, nimmt die Mama unsere Weigerung übel, macht sie ein Fideikommis zu Gunsten der Stambergs, und Orest erfährt dermaleinst, dass er durch unsere verkehrte Zärtlichkeit es verloren hat, wird er uns dann keine Vorwürfe machen? und haben wir sie nicht verdient?"

"Lieber Damian," erwiderte Kunigunde, "es ist eine von Deinen glänzenden Eigenschaften, dass Du als ein ächter Aristokrat sehr grossmütig in Bezug auf Geld und Gut bist. Das hast Du bewiesen, als Du ein ganz unbemitteltes Mädchen zur Frau nahmst, und als Du die Existenz Deines Bruders und seiner Familie nicht einige Wochen oder Monate, sondern acht Jahre hindurch eben so behaglich machtest, wie die Deine es ist, und als Du ihm auf dem Sterbebette versprachst, seinen Söhnen Vater zu sein, und bei tausend anderen Gelegenheiten."

"Das ist richtig! aus dem Mammon mache ich meinen Götzen nicht," sagte Damian, mit heimlichem Wohlgefallen das Lob seiner Tugenden einschlürfend, was ihm hoffentlich nur diejenigen übel nehmen werden, welche über diese Schwäche erhaben sind. "Aber, Kunigunde, es handelt sich hier nicht um mich und mein Vermögen, sondern um ein prächtiges Fideikommis für Orestes."

"Würdest Du Regina zur Mama geben, wenn sie deren Erbin sein sollte?"

"Nicht um die Welt!" rief Damian; "nein, mein einziges Kind geb' ich nicht her."

"Von dem Augenblick an, da Du Deinem Bruder versprachst, seinen Söhnen Vater zu sein, hattest Du vier Kinder," sagte Kunigunde, "und ich sehe nicht ein, wie Du mit gutem Gewissen für einen der Knaben tun magst, was Du um keinen Preis für Deine Tochter tätest. Der arme kleine Orest ist unglücklich genug, Vater und Mutter verloren