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sie erwidern würde.

"Nicht?" rief er erfreut; – "nun, das ist mir lieb! ich fürchtete schon, Du hättest Klostergedanken."

"Du fürchtetest es, lieber Vater?" sagte Regina, und sah ihn mit ihrem tiefen klaren Auge ganz erstaunt an.

"Nun freilich!" fuhr der Graf auf; – "alle romantischen Grillen sind mir verhasst."

"Scheint es Dir eine romantische Grille, dem lieben Gott dienen zu wollen?" fragte Regina weiter.

"Was wär' es sonst?" rief er zornig.

"Ich dachte, es sei eine Pflicht," sagte sie sanft.

"Ärgere mich nicht, Regina!" brach der Graf aus. – Da hub auf Kloster Engelberg das Ave-Maria-Läuten an. Regina stand auf, trat zurück, blickte hinüber nach dem armen Kirchlein, daswie einst der Stall von Betlehem den menschgewordenen Gott aufnahmso den verborgenen Gott im Tabernakel umschloss, und betete andächtig den englischen Gruss. Der Graf, unterbrochen in seinem Zornerguss, sah während der Zeit die Tochter an und sprach zu sich selbst: Wie schön sie ist! woher hat sie nur die Schönheit? von ihrer armen Mutter gewiss nicht! – Dieser Ideengang versöhnte ihn etwas, und als Regina nun sanft vor ihm niederkniete und um Vergebung bat, wenn sie gefehlt habe, antwortete er:

"Du musst suchen aus den Widersprüchen zu kommen, mein Kind, und Dir selbst klar zu werden. Eben sagtest Du, Du wünschtest nicht im Sacré Coeur für immer zu bleiben und gleich darauf schienst Du dennoch mit Klostergedanken umzugehen."

"Lieber Vater," sagte Regina mutig, "mein Wunsch wäre, zu den Karmelitessen zu gehen."

"Zu den Karmelitessen!" rief der Graf, "wer sind die? wo sind die? was weisst Du von ihnen?"

"Nichtsals dass ich bei ihnen lernen könnte, recht innig Gott zu lieben und recht ausschliesslich ihm zu dienen."

"Unsinn über Unsinn!" rief er. Da fingen die Glokken auf Kloster Engelberg an, den morgenden Sonntag einzuläuten und bald stimmten alle Glocken und Glöcklein der benachbarten Kirchen ein und mahnten wie Stimmen des himmels die Menschen im Staube der Erde an das "Sursum Corda", das so leicht vergessen. Graf Windeck überhörte den himmlischen Zuruf und sprach weiter:

"Den Unsinn fetzen Dir die Patres da drüben in den Kopf. Ich will nicht mehr, dass Du bei ihnen beichtest. Du kannst bei Onkel Levin beichtenund überhaupt seltener. Ich begreife nicht, was Du jeden Samstag zu beichten haben kannst! mir fällt nie was ein."

Mit einer ganz leichten Bewegung glitt Regina auf ihre Knie, beugte sich tief zu Boden, küsste die Füsse des Grafen und sagte zärtlich:

"Desto schlimmer, mein geliebter Vater."

Der Graf aber behandelte sie wie sein Bologneserhündchen, stiess sie fort und sagte rauh:

"Was erfrechst Du Dich?"

"O nur aus Liebe," entgegnete sie und hob immer kniend die gefalteten hände zu ihm auf und sah ihn mit demütiger Zärtlichkeit an, während ein rotes Mal auf ihrer Stirn Zeugnis seiner harten Behandlung ablegte. Er aber sprach mit steigendem Unmut:

"Karmelitessen! wer hat denn wieder die erfunden! gehören die auch zu den neumodischen Anstalten, um Bettelvolk zu verpflegen und Bettelvolk zu erziehen, als ob es unsereiner wäre! Oder sind sie selbst solch klösterliches Bettelvolk, wie ich jüngst, als ich Euch aus dem Sacré Coeur abholte, ein Paar von Haus zu Haus mit einer Büchse für Almosen herumlaufen sah? Man zeigte mir eine, von der es hiess, sie sei eine Gräfin und reich. Da dachte ich, sie müsste einen Narren zum Vater haben, der den Skandal erlaubt, dass seine Tochter eine allgemein bekannte Bettlerin wird."

"Lieber Vater," entgegnete Regina, als er schwieg, um Atem zu schöpfen, "Du selbst sagtest gestern, es würden jetzt Sängerinnen und Tänzerinnen Gräfinnen und Fürstinnen. Gilt also in der Welt der Stand so wenig, dass Komödiantinnen ihn erlangen, warum soll es dann nicht Personen dieses Standes erlaubt sein, ihm freiwillig zu entsagen?"

Graf Windeck hätte am liebsten geantwortet: "Weil ich es nicht will." Indessen sammelte er sich, nahm eine hohe Miene an und glaubte eine höchst weise Äusserung zu machen, indem er sagte:

"Weil nicht ein Skandal den andern gut machen kann. Ich habe gar nichts gegen die Teaterprinzessinnen, gar nichts! im Gegenteil! auf der Bühne sind sie charmant; aber sie müssen dort bleibengerade so, wie die Gräfinnen und Fürstinnen in ihren Verhältnissen bleibenund nicht mit Bettelbüchsen strassauf strassnieder laufen müssen."

"Das gehört auch nicht zur Ordensregel der Karmelitessen, lieber Vater."

"Schweige von ihnen! schon diese Benennung ist mir unerträglich."

"Ich hänge nicht eigensinnig an ihnen, lieber Vater. Wenn ich wüsste, dass Du mich lieber zu den Trappistinnen gehen liessest ..." – –

"Nun ist's genug!" donnerte der Graf. "Nun ist meine Geduld erschöpft und ich will von all' dem Unsinn keine Silbe mehr hören. Also merk' es Dir, Regina: Du gehst nicht mehr zur Beicht in's Kloster und Ihr geht beide nicht zurück in's Sacré Coeur. Ich werde mit Euch reisen,