1860_von_Hahn_Hahn_162_199.txt

Nachdem das Koliseum seine erste Bestimmung verloren hatte und kein Zirkus für Gladiatorenkämpfe mehr warDank dem frommen Einsiedler Telemach, der vom Geist christlicher Liebe aus seiner Felsenzelle getrieben, sich mitten in die Arena flehend und weinend warf" ... –

"In was sich diese Mönche nicht überall einmischen!" unterbrach Florentin Lelio's Bericht. "Die zivilisation hätte diese Spiele ja von selbst ersterben lassen!"

"Und dass bis dahin noch ein paar tausend Menschen von anderen Menschen und zum Vergnügen von abermals Menschen hingewürgt wurden, hat freilich in den Augen der zivilisation gar nichtsfür den armen Einsiedler aber sehr viel zu bedeuten;" entgegnete Lelio. "Die entmenschte Roheit war in diesem Punkte so hoch gestiegen, dass kein Gesetz des Kaisers Teodosius die blutgedrängte Arena in Rom zu schliessen vermochte und noch weniger gelang es seinem Sohn, dem Kaiser Honorius. Telemach brachte es zu stand, indem er sich opferte. Er stürzte sich zwischen die Kämpfer, um sie zu trennen, und rief die Zuschauer an, ihm beizustehen in diesem Bemühen. Allein die Gladiatoren, im Blutrausch des wütenden Kampfes, metzelten denjenigen nieder, der ihnen das Leben retten wollte, und Telemach's zerfleischter Leichnam lag vor den blutigen Schwertern beider Parteien. Da entsetzte sich das Volk über eine solche Barbarei, und nun wurde es dem Kaiser Honorius leicht, die Gladiatorenspiele aufzuheben. Wenig Jahre später wurde Rom von den wilden nordischen Völkern mehrmals bedroht und belagert, erobert und geplündert. Sie machten das Koliseum zu ihrer festen Burg und ihrem Lagerplatz. Als sie abzogen, war Rom verwüstet und durch Feuersbrünste verheert. Da wurde das Koliseum ein Steinbruch: aus seinen Blökken erbaute man ganze Paläste. In eine unzerstörbare prächtige Ruine verwandelt stand es nun da, bis im Mittelalter die wilden Parteien des römischen Adels teils dem Papst, teils sich untereinander die herrschaft der ewigen Stadt zu entreissen suchten und in blutigen Fehden, welche die fremden Könige zu ihrem Vorteil unterstützten und ausbeuteten, grässliches Elend, Not und Schmach über die ewige Stadt brachten. Die Orsini und Colonna, Roms stolzeste Söhne, hausten schlimmer als Goten und Vandalen, und das Koliseum musste auch ihnen als Feste und Warte dienen, worin sie sich verschanzten und die Campagna überschauten. Dann wurde es wieder still um diese wunderbare Ruine, an die jeder Sturm in der Weltgeschichte heranbrauste, ohne ihre Schönheit zu beeinträchtigen.

Im vorigen Jahrhundert lebte ein grosser apostolischer Missionär, der selige Leonardo von Porto Mauricio, Franziskanerordens. Der erwog in seinem von Christusliebe glühenden Herzen, es gezieme sich, dass diese Stätte, über welche Martyrerblut in Strömen geflossen war, eine heilige Weihe empfange. So viele Kirchen Roms waren über den Gräbern derjenigen Martyrer erbaut, deren Namen, Taten und Leiden zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren; aber die Armen, die Namenlosen, die Unbekannten, die hier ihre Seele in ihrem Glaubensbekenntnis aushauchten und deren Grab niemand kennt als Gott: sie waren es wohl wert, dass das Leid, welches sie hier geduldethier auch mit dem göttlichen Leiden in Verbindung gebracht werde, welches allein ihre Kraft und Stärke war. Der heilige Vater Papst Benedikt XIV. genehmigte die Bitte und den Vorschlag des seligen Leonardo. Es wurden jene kleinen Kapellen an der inneren Ringmauer errichtet, die so unscheinbar sind, dass sie den Charakter des Koliseums nicht stören, aber ihm gleichsam eine christliche Seele geben. In jeder der vierzehn Kapellen ist ein Gemälde, welches einen Moment aus dem bitteren Leiden und Sterben des Herrn darstellt: seinen Kreuzweg; also für jeden Christen der Weg und der Wegweiser zum Himmel, daher sehr heilsam zu betrachten und im Herzen zu erwägen und deshalb eine der beliebtesten Andachtsübungen des christlichen Volkes. Sehen Sie, Signora, vor jedem Bilde wird Halt gemachtStation gemacht, ist der kirchliche Ausdruckwerden einige kurze Gebete gebetet, die sich auf den Moment des heiligen Leidens beziehen und eine kleine Nutzanwendung auf uns selbst machen. So wandelt die Seele an den vierzehn Stationen vorüber, im Geist den Herrn begleitend, von seiner Verurteilung bis zu seiner Grablegung, gekräftigt in ihrer Trübsal und zu ihren Kämpfen durch das leuchtende, rührende Vorbild ihres göttlichen Erlösers. Fiorino behauptet freilich, die stupiden Mönche mischten sich unnützer Weise in eine Menge von Dingen, die auch ohne sie zu stand kommen würden; aber ich glaube nicht, dass die liebliche Kreuzwegandacht hier von selbst aus Sand und Steinen aufgeblüht wäre. Ein armer Mönch musste kommen und sie aus seinem liebeflammenden Herzen hierher verpflanzen."

"Armseliger Spott," rief Florentin erbittert, "der meinen und Ihren gesunden Menschenverstand, Signora, nicht trifft. Aber das behaupte ich: ob diese Andacht hier oder im Mond gehalten wird, das ist für das wahre Wohl der Menschheit durchaus gleichgültig und deshalb hätte dieser erbärmliche Mönch sie in seinem Herzen oder in seinem Kloster behalten dürfen."

"Wie denn überhaupt die beste Lebensäusserung der katolischen Kirche und die beste Kundgebung innigen Glaubens in Deinen Augen, Fiorino, die wäredass sie sich unsichtbar machten; nicht wahr?" sagte Lelio.

"Und ich bin der Ansicht," sagte Judit, "dass das wahre Wohl der Menschheit ausserordentlich gefördert wird, wenn man ihr durch Andachtsübungen Trost und Kräftigung beibringen kann. Das ist ein edles, einfaches Mittel und es freut mich viel mehr, Fiorino, die Kreuzwegandacht im Koliseum gehalten zu wissen, als im mond."

"Wenn Sie das Menschenwohl im stumpfen Dulden erblicken, Signora, so