Sitzen der Zuschauer bei den Gladiatorenspielen – und blickten von hier über eingestürztes Mauerwerk und grüne Schlingpflanzen in das schöne edle Oval der Arena hinab. Judit liess sich von Lelio die Einrichtung des Gebäudes und die Art der Spiele, die hier stattfanden, beschreiben. Madame Miranes schauderte. Judit sagte:
"Welch' eine Entnervung des Charakters gehört dazu, um in eine solche Verwilderung zu fallen."
"Ich kann sie begreifen!" sagte Orest. "Es ist ja unmöglich, in permanenter Bewunderung des Ballets zu bleiben. Das Auge stumpft sich ab; das Herz nimmt es übel, dass es durch das Auge keinen Eindruck mehr empfängt, der es zu einem rascheren Schlage anspornt, und mag nicht in der faden Mattigkeit verbleiben. Da gerät man denn in den Gegensatz, um die Sehnerven wieder zu beleben und dem Herzen wieder Spannkraft beizubringen. Beständig Honig ist der Zunge widerlich. Drum indischen Pfeffer her! So ging's den alten Römern – und wer weiss, was uns noch passiert."
"Besser doch zum Schwarzbrot des Lebens greifen," rief Judit.
"Um an d e r Kost Behagen zu finden, muss man eine sehr gesunde natur haben," bemerkte Lelio.
"Ich wundere mich aber sehr, Graf Orestes," sagte Judit, "dass Sie solche affröse Neigungen dem Herzen zuschieben wollen! Schieben Sie es auf Erziehung, Beispiel, rohe Umgebung, schlechte Sitten oder sonst etwas – nur nicht auf's Herz."
"Die höchst edlen Herzen leben und handeln nicht höchst brutal," entgegnete Orest. "Das Ding, das in der Menschenbrust Tiktak macht, stellt den Zeiger auf unsere Handlungen."
"O, er hat recht, Signora!" rief Lelio; "der Graf hat ganz recht! im Herzen sitzt der Wille des Menschen und macht ihn göttlich oder teuflisch oder gemein – je nachdem er das Herz mit seinen Neigungen zur Höhe treibt, zur Tiefe drängt."
"Könnt' ich nur begreifen, Lelio," sagte Judit fast ungeduldig, "wie Sie in so wenig Wochen sich ganz haben verwandeln können! Früher sprachen Sie in Fiorino's Styl und lebten in dessen Anschauungsart – allerdings schwunghafter! und jetzt ist das spurlos verschwunden, wie mit einem feuchten Schwamm von der Schiefertafel hinweg gewischt!"
"Das verspricht Dauer!" rief Florentin verhöhnend.
"Sie müssen bedenken, Signora," sagte Lelio gelassen, "dass ich eine vortreffliche katolische Erziehung genossen und bis zu meinem achtzehnten Jahre in dem Kreise einer Familie aufgewachsen bin, die, so einfach bürgerlich sie ist, durch ächt christliche Bildung sich auszeichnet. Nichts macht den Geist so empfänglich für schöne und grosse Ideen, nichts hebt das Gefühl zu einer solchen Höhe, als die Kultur der Seele durch Religion. Unter diesen Einflüssen verlebte ich meine Kindheit, meine erste Jugend. Ein Bruder meines Vaters ist Pfarrer an der Kirche Maria della pace; ein Bruder meiner Mutter ist Benediktiner zu Sta. Scholastica, droben im Gebirg; eine ihrer Schwestern Klosterfrau bei den vive sepolte" .... –
"Grässlich!" rief Judit; "bei den Lebendig-Begrabenen! o grässlich!"
"So nennt sie der Volksmund – ja Signora!" fuhr Lelio ruhig fort. "Was ist denn darüber zu lamentieren? Begraben zu sein für die Bosheit und Gemeinheit der Welt, ist doch wahrlich kein Unglück! trösten Sie sich, Signora! meine Mutter hat noch drei Brüder und zwei Schwestern, die sämtlich in glücklicher Ehe leben und zusammen wohl zwei Dutzend Kinder haben: die Welt stirbt nicht aus! aber die Seelen, die sich von ihr zurückgezogen haben, erhalten in der Familie durch ihr Gebet und ihr Beispiel ein gewisses himmlisches Element, ein übernatürliches Gut, das auch Denen zu gut kommt, die im Strome der Welt schwimmen. Als ich jetzt zu meinen Eltern zurückkam, brauchte ich mich nur unterzutauchen in die Erinnerungen meiner Jugend – und der ganze Ballast sündhafter Verkehrteit fiel mir wie eiserne Bande von der Stirn, von der Brust, vom Auge. Ich wurde frei – denn ich trat aus der Luft des Todes in die des Lebens – aus der Knechtschaft in die Erlösung zurück."
"Ja," sagte Judit gedankenvoll, "es mögen geheimnisvolle Einflüsse um uns tätig sein und wir bemerken es nicht! oder wir fliehen wohl gar die heilsamen und suchen die unheilvollen auf."
"So hab' ich es damals gemacht, als ich es vorzog, meinen Leidenschaften den Zügel schiessen zu lassen, anstatt sie zu bändigen," entgegnete Lelio.
"Signora," sagte Orest unmutig, "Sie scheinen nach Rom gegangen zu sein, um sich ausschliesslich mit Signor Lelio zu unterhalten."
"Man folgt gern den Schicksalswendungen eines alten Freundes nach," sagte sie.
"Jetzt wollen wir uns aber aus dem Staube machen!" rief Florentin. "Da kommt eine Prozession mit ihrem plärrenden, ohrenzerreissenden Gebet! das ist unaushaltbar."
Durch den grossen Eingangsbogen, vom Forum her, trat ein Kapuzinerpater, ein grosses Kruzifix tragend, in die Arena, und eine Menge Menschen folgte ihm laut betend.
"Ah, die Kreuzwegandacht! es ist heute Freitag," sagte Lelio.
"Was beginnen diese Leute?" fragte Judit; "weshalb knieen sie alle dort nieder und was bedeuten die blassen Gemälde, die ich eben jetzt erst an der inneren Ringmauer der Arena bemerke?"
"