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eine falsche Wissenschaft auf, da fächelt sich die Selbstvergötterung mit Pfauenfedern, da spreizt sich der Hochmut, da flattert die Neugier umher, da schwelgt die Sinnlichkeit, da haucht jede böse Lust ihre giftigen Dämpfe aus; und in diesen Niederungen sind die falschen Propheten zu haus, oder siedeln sie sich an. Da sind sie willkommen; da werden ihre Verheissungen gierig aufgenommen. Es sind ja die Spiegelbilder der eigenen Begierden! Der falschen Wissenschaft wird die herrschaft ihres Idols: Erkenntnis, verheissen; der Selbstvergötterung die herrschaft ihres Idols: Emanzipation von jeder höheren, heiligen Schranke; der Neugier ihr Idol: den Einblick in schauerlich interessante Mysterien; dem Hochmut: einen Tron für das Individuum; der Sinnlichkeit wird das uralte Wort zugerufen: wie Götter werdet ihr sein! So hört jeder von dem falschen Propheten das, was seine Begier verlangt, labt sich an dieser Zusage, hofft auf deren Verwirklichung, treibt und drängt nach seinen Kräften zu ihr hin, schwelgt in der Verheissung und preist den, der sie gemacht hatso dass sich um ihn, nicht selten zu seinem eigenen Erstaunen, lawinenartig ein immenser Anhang bildet und mehr und mehr seinen Ruhm erhöht."

"Aber worin besteht denn der Unterschied zwischen dem wahren und dem falschen Prophetenzwischen Isaias und Joe Smit, von dem ich gelesen, dass er das 'Buch Mormon', die nordamerikanische Bibel, aufgefunden haben wolle und, auf sie sich stützend, behaupte: seine Anhänger wären 'die Heiligen der letzten Tage' und mit besonderen Kräften und Gaben ausgerüstet," fragte Judit.

"Darin, dass die falschen Propheten die Idole in der Menschenbrust hegen und pflegen, schmeicheln und bereichern und dadurch ihren Weissagungen Eingang verschaffenund dass die wahren Propheten diese Idole zu stürzen und eine höhere Geistesströmung in die Niederungen des Lebens zu lenken suchen. Die falschen Propheten fabeln von Menschenwitz und Menschentat; die wahren verkündeten eine Gottestat. Als diese sich erfüllte und GottMensch wurde, brauchte die Welt keine Propheten mehr, denn ihr wurde fortan durch das Evangelium Weg und Ziel gewiesen. Heilige Seher hat es seitdem noch im Christentum gegeben, welche durch eine besondere Kraft die Dinge der Zukunft in der Zeit wie in der Ewigkeit in wunderbaren Gesichten schauten und ihnen Worte gaben. Allein diese gesicht, diese Prophezeihungen des Zukünftigen wurzelten immer in der Offenbarung und waren im tiefsten Einklang mit dem Evangelium. Eine neue Wahrheit verhiessen sie nicht; ein neues Wort Gottes wie Joe Smit sein Buch Mormon, erfanden sie nicht; und deshalb bildeten sie auch keine neue Sekten, sondern blieben schlichte, einfache Glieder der heiligen katolischen Kirche. Ausserhalb derselben wimmelt es von Prophetenbei Muhamed anzufangen, bei Joe Smit und seinem Nachfolger Brigham Young vor der Hand zu endigen. Da sie eine neue Offenbarung oder eine neue Deutung derselben zu bringen vorgeben, so drücken sie sich selbst den Stempel der Unwahrheit auf und erweisen sich weniger klug, als die Orakel der vorchristlichen Welt, die, nach glaubwürdigem Zeugnis gleichzeitiger heidnischer Schriftsteller, verstummten, als Christus geboren wurde."

"Mit jemand, dessen kategorischer Imperativ die katolische Kirche ist," versetzte Florentin achselzukkend, "ist freilich nicht zu streiten."

"Das kommt mir auch so vor," sagte Judit gedankenvoll.

"Denn er sieht," fuhr Florentin fort, "in dem Geistesrauschen, das über die Welt hinfegt, um einer neueren, besseren Ära die Bahn zu brechen, nur einen Orkan, der sein Idol stürzen wird."

"Der Orkan der Zeit kann die Rechte, die Besitztümer, die freie Bewegung der Kirche hinwegfegenwie das schon oftmals geschehen ist," entgegnete Lelio ruhig. "Aber das Ewige in ihr wird vom Vergänglichen nicht gestürzt!"

"Idole sind Scheingötter, d.h. Götzen; und diese stürzen zusammen. In der katolischen Kirche aber ist Gottund Er ist Der, der da ist. Der Urgrund alles Seins kann nicht gestürzt werden. Sein Geist beseelt, lenkt und führt die katolische Kirche, hat schon oft vom Zeitgeist ausgelöscht werden sollen, wurde aber immer fertig mit ihm und wird es auch werden mit dem Geistesrauschen, das sich, wie Graf Orestes sagt, in Jung-Deutschlands und Jung-Israels Zeitschriften vernehmen lässt. O!" fuhr er lebhaft fort, zu Judit gewendet, "muss man nicht auf dieser Stätte von unerschütterlicher, in göttlicher Verheissung wurzelnder Überzeugung ergriffen werden, dass das Evangelium und die Kirche, welche es bewahrt und verkündet, göttlichen Ursprunges und voll übernatürlichem Leben sein müssen? Hier wüteten während dreihundert Jahren alle Mächte der Welt und der Unterwelt gegen das Christentum. Hier wollten es die Imperatoren vertilgen, und die Philosophie es mit der Ferse zertreten, und das Volk es in Blut ertränken; und siehe da! nach drei Jahrhunderten hatte das Christenblut die heidnische Welt überflutet, so dass nur noch deren schwarze Trümmer aus dem rauchenden Meer von Blut und von Tränen aufstarrten. Hier vollzog sich der Untergang Israels; hier der Untergang des heidnischen Roms. Die Legionen besiegten die Juden und die Martyrer die Legionen. Für beide Siege blieb als Denkmal das Koliseum zurück; drum nannte ich es vorhin die Weltruine! und sehen Sie, Signora, die Trophäe des letzten Sieges: – dort!"

Lelio zeigte auf das schlichte hölzerne Kreuz, das von einigen Stufen umgeben, mitten in der Arena des Koliseums sich erhebt. Sie waren sämtlich zum Podium hinauf gestiegen, dem breiten Umlauf vor den