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Graf! den Auserwählten sollen wir nachahmen, nicht nachweinen."

Das fühlte Uriel. Ihm war zu Mut, als sei der Nachen seines Lebens vom Ufer und von dessen Untiefen und Klippen weit hinweg und auf die hohe See geschleudert, damit er endlich mit vollen Segeln gehen und den Gestaden der übernatürlichen Welt zusteuern lerne. Ein Orkan war durch seine Seele in wenigen Minuten geflogen und hatte sein Inneres zu einem Chaos gemacht; aber so, wie einst die Sündflut die Schöpfung verheerte, damit eine neue Erde aus ihr hervorgehe. Die Taube mit dem Ölzweig schwebte ihm zu. Alle Bitterkeit war geschwunden, alle Härte zerschmolzendenn die sind irdisch und Himmlisches hatte sich ihm genaht. Martyrer sind Wundertäter. Das empfand er. Er dachte daran, dass er einst vor Jahren zürnend zu Regina gesagt habe, sie müsse für ihn leiden, weil sie ihm so viel Leid bereite. Das war nun geschehen. Er sagte, wie der heilige Johannes von Gott vor einem Kruzifix zu sagen pflegte: "Deine Dornen sind meine Rosen und Deine Leiden mein Paradies."

So kam er nach Windeck zurück. Die Baronin empfing ihn wie eine zärtlich besorgte Mutter. Er sagte ihr nur, dankbar und beruhigend:

"Es ist alles gut, liebe Tante, alles gutmit ihr und mit mir!" Aber in Levins arme sank er und sagte: "Ich habe gefunden, was mein Herz ausfüllt: Liebe zum Leiden, aus Liebe zu Gott."

Der Kreuzweg

"Also dies ist die berühmteste Ruine der Welt!" sagte Judit und blickte sinnend umher.

"Ja! dies ist die Weltruine!" entgegnete Lelio.

"Dies ist die Ruine, welche Tyrannenmacht verherrlichen sollteund ihrer spottet!" rief Florentin.

"Sie ist höchst malerisch!" bemerkte Madame Miranes.

Sie standen im Koliseum zu Rom.

"Was sagt Graf Orestes?" fragte Judit, zu ihm sich wendend.

"Nichts," erwiderte er. "Er hört und siehtSie."

Das war begreiflich! Von Kopf zu Fuss in schwarzen Sammt gekleidet, mit dem dunkeln Auge in dem schönen farblosen Antlitz, glich sie jenen Statuen aus hadrianischer Zeit, die freilich nicht mehr im reinen Stil der Antike, aber vielleicht umso überraschendernicht geistiger, aber sinnlich lebendiger sind: deren Gewandung ist aus dunkelm Marmor; hände, Füsse, Antlitzaus weissem Marmor und das Auge aus schwarzer Emaille.

"Sie sehen aus wie ein Götterbild, das aus alter Zeit vergessen hier stehen geblieben wäre," setzte er hinzu.

"Nein!" rief Lelio; "sondern wie eine ächte Tochter Sions, die im Trauergewande auf dieser Stätte stehen muss. Hier erfüllte sich das Schicksal Ihres Volkes in seiner ganzen Herbe. Während hier 12000 gefangene Juden auf Kaiser Vespasians Geheiss Block auf Block zu diesem Riesenbau hinwälzten und zusammentürmten und bei der Anstrengung und Mühsal umkamen, wurde ihr eigener Tempel von den Römern zertrümmert, so dass kein Stein auf dem andern blieb. Sie mussten sklavisch zur Verherrlichung der Göttin Roma beitragen, während Rom das Volk Gottes samt dem Gottestempel vernichtete. Seitdem ist es auseinandergefallen in wandernde Stämme, an denen sich noch nicht die Verheissung des Propheten erfüllt: 'Israel zieht hin zu seiner Ruhe.'"

"Wie das schön klingt!" sagte Judit: "Israel zieht hin zu seiner Ruhe!" weit schöner als Opernarien und Freiheitshymnen! Wer spricht so, Lelio?"

"Ein Mann Ihres Volkes; aber keiner von denen, welche die modernen Opern komponieren und die modernen Freiheitshymnen dichten. Der Prophet Isaias spricht so, ein Gottgesandter, der die Ankunft des Messias und die Erlösung verkündete und den ein gottloser König ums Leben brachte, weil göttliche Wahrheit dem irdischen Sinn verhasst ist."

"Warum kennen wir nicht die Schriften unserer grössten Männer?" fragte Judit ihre Mutter.

"Bestes Kind," erwiderte diese, "woher sollten wir Zeit nehmen, uns mit der alten Literatur zu beschäftigen, da wir ja an der modernen in vier bis fünf Sprachen übergenug haben."

Lelio lächelte und Florentin nahm das Wort:

"Wie wär' es möglich, sich mit dergleichen Antiquitäten zu befrachten, da jetzt unsere ganze Gegenwart eigentlich eine Weissagung ist."

"Welche sich durch tanzende Tische ausdrückt, nicht wahr?" warf Judit ein.

"Oder durch Brigham Young, den Mormonenhäuptling und Konsorten!" rief Lelio.

"Nein, nein! Durch Jung-Deutschland und Jung-Israels Zeitungsblätter!" sagte Orest.

"Genug!" rief Florentin triumphierend, "durch Millionen Stimmen, die Ihr verhöhnt, weil Ihr sie nicht widerlegen könntund gegen die Ihr aufschreit, weil Ihr Euch vor ihnen fürchtet."

"O nein," sagte Lelio, "wir wissen, dass es von Anbeginn falsche Propheten gegeben hat, und dass sie grossen Zulaufs sich erfreuten; denn sie reden zur Welt vom Weltgeist. Sie schauen sich um in den niederen Geistesschichten der Epoche nach der vorherrschenden Strömung und Richtung derselben und nach welchem Punkt hin diese die Fahne des Zeitgeistes drehen, die eben eine Wetterfahne nur ist und kein edles Banner von bestimmter Farbe, das seinen Ehrenplatz einnimmt. Jenen Punkt fassen die falschen Propheten in's Auge, erzählen Wunderdinge von ihm, zünden bengalisches Feuer um ihn an, streuen Weihrauch in dasselbe und machen sich zu dessen Priester. Die Luft weht irdisch schwül in jenen Niederungen. Da bläht sich