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blickte auf das Kruzifix, das ihm noch nie so verständlich, so lebendig gewesen war, sammelte sein Herz in seinem Willen und sagte gefasst:

"Wohlan, Schwester Terese vom Lamm Gottes, der Herr, der Deine Liebe mit einem solchen Lohn auf Erden vergilt, dessen Liebe muss etwas über alle Begriffe Grosses, Süsses, Göttliches sein, welches das Mass meines Herzens überfüllt. Das hab' ich verlangt, das hab' ich gesucht! nun ist es gefunden: d e m Herrn will ich fortan dienen."

Da teilte sich der Vorhang. Regina erschien in ihre Schleier verhüllt und nichts von ihrem Antlitz war sichtbar, als ihre Augen, die wie aus dem Jenseits schimmernd ihn anblickten. Mit unbeschreiblicher zärtlicher Freude sagte sie:

"Auf Wiedersehen im Himmel!" und verschwand. –

Am Abend dieses Tages suchte Uriel in der Stadt den Superior der Karmelitessen auf, nannte sich ihm und fragte ihn, nachdem er in einigen Worten den Vorgang mitgeteilt hatte, wie denn eigentlich dies furchtbare Leiden über die blühende kräftige Regina gekommenund ob nichts zu ihrer Herstellung versäumt sei."

"Letzteres ist gewiss nicht der Fall," erwiderte der Geistliche. "Wir haben hier äusserst geschickte ärzte und keine Mittel, auch die schmerzlichsten nicht, sind unversucht geblieben. Aber dies Übel ist ja fast immer unheilbar! – Als die Gräfin bei den Karmelitessen eintrat, siechte eine Laienschwester daran hin und die demütige Novize bat um Erlaubnis, die Kranke pflegen zu dürfen. Ansteckend ist es nicht; nur heisst es, dass der Krankheitsstoff, wenn er auch nur durch ein Minimum in das Blut des Gesunden übergehe, dieses vergifte. Die Gräfin empfing mit Freuden die Erlaubnis und besorgte ihr Geschäft mit solcher Andacht, dass die Oberin mir sagte, ihr fielen dabei die Legenden von der heiligen Elisabet von Türingen und der heiligen Katarina von Siena ein. Kaum war die Laienschwester tot, so zeigte sich das Übel bei der Gräfin; aber sie kannte dessen Entstehung nicht und beachtete es nicht, hielt es für vorübergehend, vielleicht erzeugt durch die veränderte Lebensweise und mochte nicht davon reden, aus Furcht, man werde sie, die noch Novize war, zurückschicken, damit sie sich im Vaterhause herstellen lasse. Bemerken konnte es niemand, da der Halsschleier die Wangen zur Hälfte bedeckt, da sie immer ganz heimlich die Linnen wusch, welche sie auf die Wunde legte und nie die leiseste Unruhe oder Bekümmernis kund gab. Nachdem sie Profess abgelegt hatte und somit ganz sicher war, dass man sie behalten müssewie sie unbefangen sagteda sprach sie denn endlich von dem Übel und sogleich wurde ein geschickter Arzt zu Rate gezogen. Er meint, sie könne einen Nadelstich, einen feinen Riss an der Hand gehabtund durch denselben, bei dem Verbinden der Laienschwester, den Giftstoff im Blut aufgenommen haben."

"Und so ist sie verlorenrettungslos verloren!" sagte Uriel tonlos.

"Nur für die Erde, Herr Graf, von der sie ja, der sehnsucht nach, längst abgeschieden ist; droben ist ihr ein herrlicher Platz bereitet. Die heilige Terese sagt: 'Nach dem Mass der Liebe, mit der wir unserem guten Jesus nachgefolgt sind, werden uns die himmlischen Wohnungen eingeräumt.' Da ist denn wohl zu hoffen, dass der gute Jesus die Schwester Terese vom Lamm Gottes liebevoll empfangen werde, wenn sie vor seinem Tron erscheint. Ein Blutbräutigam, wie die heilige Schrift ihn nennt, ist er ihr hienieden gewesen; in seinen Wunden hat er sie sich anvermählt; zu einem lebendigen Schlachtopfer hat er sie auserkoren; und sie hat, wie das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, gänzlich dem Willen des göttlichen Bräutigams sich hingegeben, nie den Mund zur Klage, viel weniger zum Widerspruch geöffnet und so gelitten, in stiller, schweigender Liebe, wie die ganz guten Kinder Gottes leiden. O Herr Graf! das gibt eine selige Sterbestundeund wenn wir uns einer solchen erfreuen, so haben wir ja unsere Bestimmung erfüllt und unser Ziel erreicht."

Uriel liess sich noch mancherlei erzählen von ihrer heldenhaften Geduld, von ihrer grossmütigen Ergebung. Der Arzt hatte ihr jede Anstrengung untersagtauch Orgelspiel und Gesang, auch das gemeinschaftliche Chorgebet; gerade alles, was ihre süsseste Beschäftigung war. Die schlaflosen Nächte wurden ihr zuweilen so lang und gern hätte sie sich dann zum Tabernakel geflüchtet und Kraft gesucht in der wesenhaften Gegenwart Gottes; aber sie durfte nachts nicht die Zelle verlassen: so wollte es der Arztund sie fügte sich mit einer Bereitwilligkeit, als habe sie auf Genesung gehofft. Uriel fragte, ob sie noch ein langes Leiden vor sich habe? Der Geistliche erwiderte, das könne der Arzt nicht bestimmen. Es gehöre Zeit dazu, bis eine so kräftige natur aufgerieben sei. Manchmal trete ein Stillstand in der Krankheit einund das sei eben jetzt der Falldann erscheine sie, der stimme und den Bewegungen nach wie eine Gesunde. Aber nach solchen Pausen im Leiden erhebe es sich jedes Mal mit verstärkter Gewalt.

"Ich war ahnungslos über ihren Zustand, bis ich sie sah," sagte Uriel.

"Ja, sie ist eine Heldin im Leiden," entgegnete der Superior. "Sie ist viel näher bei Gott, als bei sich selbst. Sie hängt mit Christus am Kreuz und schweigt, wie er. Nur dauert ihre Passion länger, als von der Sext bis zur Non. Betrüben Sie sich nicht, Herr