die Spannung, die Unruhe, die ihm die Brust zerkrallten. Er vergass, dass er sie geliebt, dass er sie verloren hatte. Er war bei ihr, er war glücklich.
"Regina, Königin meiner Seele!" rief er mit einem Ausbruch von namenloser Wonne.
"Willst Du zur Königin der Seelen sprechen," entgegnete sie sanft, "so musst Du sie nennen Maria Regina, die gebenedeite Gottesmutter. Die Regina, welche Du im Sinne hattest, ist ja längst tot. O wende Dich doch nicht den Schatten und dem tod zu, wenn ein göttliches Leben Dich ruft und Deiner harrt. Lerne Gott lieben, indem Du ihm dienst: das ist mein Wunsch und mein Gebet für Dich."
Er hörte, dass sie vom stuhl aufstand.
"O warte noch!" rief er in heftiger Bewegung; "erfülle mir erst eine Bitte! sie ist gering. Du hast am Tage Deiner Einkleidung hier am Gitter zu der ganzen Familie gesagt: Auf Wiedersehen im Himmel! aber ich war nicht dabei. Wohlan, Regina, öffne das Gitter, schlage den Schleier vom Antlitz zurück, damit ich Dich noch einmal auf Erden sehe, Dich – die Du alles bist, was ich je geliebt habe! und dann sprich auch zu mir: Auf Wiedersehen im Himmel."
"Es geht nicht," antwortete sie zögernd; "ich tue es nie."
"Ich will es nicht verraten," sagte Uriel flehend, "nicht dem Vater, nicht an Corona, nicht an Hyacint."
"O, Hyazint wünscht so etwas nicht!" rief sie. "Er war nie hier – und es wäre doch ihm und mir ein Trost gewesen. Aber er will nicht den irdischen Trost. Sein Herz ist so recht ein Opferkelch. In den heiligen fünf Wunden bin ich immer mit ihm vereint; denn nichts verknüpft die Seelen so innig, Uriel, als die Entsagung."
"Ja, er ist eben Hyazint," sagte Uriel sanft. "Wirf mir nicht vor, dass ich anders bin. Einmal, nur ein einziges Mal lass mich Dich sehen in dem wunderbaren Leben, das Du von himmlischen Geistern gelernt haben musst. Einmal tritt heraus aus den Wolken, Du Morgenstern meines Lebens – und dann bleibst Du mein Polarstern. Einmal, Du seliges geschöpf, lass mich den Abglanz Deines Glückes schauen und meiner Seele einprägen."
"Genug," sagte sie. "Warte hier, ich komme wieder."
Sie kam wieder und sagte:
"Uriel! es war eine besondere Eingebung Gottes, dass ich mir vornahm, als ich den Schleier empfing, er solle mir nun auch wirklich alle Gestalten der Erde verschleiern. Aber heute ist's ein besonderer Fall!"
"O Dank, Regina! Gott Dank!" frohlockte er.
"Versprich mir aber eines," sagte sie feierlich. "Der Vater und Corona dürfen nie erfahren, dass Du mich gesehen hast. Versprich es mir bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland."
"Bei dem gekreuzigten Herrn und Heiland!" wiederholte Uriel mit einer stimme, die vor Bewegung zitterte.
Der innere Laden wurde aufgeschlossen, der dunkle Vorhang zurückgeschoben, endlich das Gitter weit geöffnet. Da standen drei Karmelitessinnen in ihrem dunkelbraunen Habit mit dem weissen Skapulier und dem schwarzen Schleier. Zwei von ihnen hatten ihn tief über das Antlitz herabgesenkt. Die dritte hatte ihn ganz zurückgeschlagen; nur weisses Linnen umgab ihr Gesicht. Das war Regina; schlank und hoch stand sie zwischen den Ordensschwestern und blickte ruhig zu Uriel hinüber. Er hielt die Augen geschlossen, bis all die Vorbereitungen gemacht waren; dann schlug er sie zu Regina auf. Als habe er einen Todesstoss mitten im Herzen empfangen – so taumelte er vom Gitter zurück, brach zusammen, sank auf die Knie, schlug beide hände vor's Gesicht und rief mit einem ächzenden Schrei:
"Ah! Ah! Regina – ist das die Milde und Grossmut Gottes!"
"Seine Barmherzigkeit ist's, die mir schon auf Erden mein Purgatorium – seine Liebe ist's, die mir Anteil am Kreuz gönnt," entgegnete sie ruhig.
Leichenblass und abgezehrt waren ihre Züge, eine fürchterliche Wunde klaffte an ihrer linken Wange und zog sich zu der Schläfe hinauf – und wie Kerzen in einer Gruft standen ihre Augen, noch grösser, noch strahlender als sonst, mit stillem Glanz über der grausigen Zerstörung.
"Das Gitter zu! den Schleier herab!" rief Uriel in namenloser Verzweiflung. "Ich halt es nicht aus! ich sterbe vor dem Anblick."
Der Vorhang rauschte zusammen und sie sagte:
"Sieh, Uriel, das ist die Regina, die Du geliebt hast – und Du schauderst vor ihr zurück! Wirst Du nun die Fügungen Gottes preisen?"
"Nein!" rief er, und seine Verzweiflung löste sich in Tränenströmen – das ist sie nicht! Das Lamm Gottes, das Opfer, das sich lächelnd und selig langsam am Kreuz schlachten und verbluten lässt: d a s ist die Regina, die ich liebe. O Du gottbegnadetes geschöpf, welch einem grossen Herrn dienest Du!"
"Es ist der, welcher gesagt hat: ich liebe, die mich lieben; und der mir zum Beweis seiner Liebe seine Dornenkrone aufgesetzt hat."
Uriel drückte mit beiden Händen die Tränen aus seinen Augen, nahm alle Kraft zusammen, um seine Aufregung zu bemeistern,