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Kompass, der unseren Weg bestimmt. Der geheimnisvolle Gott im Tabernakel ist die Vervollständigung des Jesukindchens in der Krippe und des bittern Leidens auf Golgata: so liebt uns Gottder König der Ewigkeit. Wer das erkennt, dem wird eine namenlose Seligkeit das Herz durchfluten, s o geliebt zu sein. Dann werden sich die Fluten senken und das Herz in seiner eigenen Armseligkeit zurücklassen und traurig wird es sprechen: Ach Herr! zu lieben verstehe ich dich nicht, dazu bin ich zu gering! aber dienen will ich dir alle Tage meines Lebens bis zum letzten Atemzug auf dem stillen langen Kreuzweg von Betlehem bis zum Tabernakel. Und dann sei versichert, Uriel, Du hast den gefunden, der Dein Herz erfüllt. In der Enge, in der Stille, in der Abgeschiedenheit begegnest Du dem Gott, den Du auf Deinen Weltfahrten nicht begegnet bist."

"Regina! Regina!" rief Uriel, "in diese Enge, in diese Stille muss man ein wunderbar reines und friedliches Herz bringen; sonst reibt es sich auf."

"Ach!" sagte sie, "es bringt jeder sein elendes Herz mit, das unruhig ist, weil es in menschlicher Brust schlägt. Beginnt nur erst seine stille Kreuzigung durch die praktische Ausübung der evangelischen Räte, so wird es nach und nach gefriedigt. Jeder hat seine Kämpfe zu bestehen, seine Versuchungen zu überwinden, in seinen Prüfungen sich zu läutern.."

"Und das alles ohne das erleichternde Gegengewicht grosser Tätigkeit!"

"Ach, Uriel, wir haben hier mehr zu tun, als je die Tante Isabelle, Corona und ich auf Windeck zu tun hatten."

"Ist GebetTat?" fragte er.

"Meinst Du nicht?" fragte sie zurück. "In stiller Nacht geht der göttliche Heiland in die Einsamkeit der Berge und betet für die sieche Menschheit. Ist das weniger Tat, als wenn er am Tage ihre Gebrechen heilt? In stiller Nacht kniet Franziskus, der seraphische, vor einem Kruzifix und betet: 'Mein Gott und mein Alles.' Das war vielleicht mehr Tat, als seine ergreifendsten Predigten, durch die er Tausende zur Busse bekehrte. Das Gebet ist eine ungeheuere Tat, Uriel, ist das Fundament von allem, was auf Erden zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen geschieht. Nur setzt sie, statt der hände und Füsse, die höchsten geistigen Kräfte in Bewegung. Sie ist der Atemzug des Gedankenlebens. Die Wissenschaft mit ihren Entdeckungen und Erforschungen, die von so unberechenbarem Einfluss auf die Menschheit sind, wirkt in der Sphäre des Verstandes etwa so, wie das Gebet in der höheren und umfassenderen geistigen Sphäre: sie erfindet, was andere ausführen. Das Gebet lenkt und unterstützt, was anderen frommt. Am jüngsten Tage wird es dereinst offenbar werden, was wir dem Gebet frommer Seelen zu danken haben. Unser Gebet hier ist nun freilich zu gering, um grosse Erfolge zu haben. Wir sind sehr unvollkommen und gehören nicht zu jenen Lieblingen Gottes, deren Bitten und Wünsche er gern hört und gern erfüllt. Wir sind jedoch in äusserer Praxis auch nicht so untätig, wie Du zu glauben scheinst! In einer armen Familie hat jedes Mitglied das Seine zur Erhaltung des Hauswesens beizutragen, der eine verrichtet dies und der andere jenes. Wir bilden eine arme Familie mit einer geistlichen Mutter und zwölf Töchtern. Die Zahl ist festgesetzt zu Ehren des göttlichen Meisters und seiner heiligen Apostel. Sie ist gross genug, um allen Verpflichtungen nachzukommen; sie ist klein genug, um ohne Lärm und Tumult das stille Grottenleben des Karmels führen zu können. Die eine hat die Haushaltung zu besorgen, die andere die Bedürfnisse der Sakristei. Die dritte ist Krankenwärterin, die vierte spielt die Orgel und leitet den Gesang. Alle stehen auf zum gemeinsamen nächtlichen Chor und beten die Horen zu den bestimmten kanonischen Stunden. Ist das nicht alles eine höchst geziemende Beschäftigung? in stiller Zurückgezogenheit, die überall den Frauen so wohl ansteht, werden die häuslichen Pflichten des geistlichen Familienlebens erfülltund erfrischend und beseelend, wie ein schöner Strom durch einförmige Fluren, schlingt und windet sich das Gebet durch all unser Tun und lässt uns nicht allzuweit aus der Gegenwart Gottes uns verlieren. So vergehen Tage, Wochen, Jahre. Können wir nicht in Wahrheit mit König David selig ausrufen: 'kommt vor Sein Angesicht mit jubel. Wir sind Sein Volk und die Schäflein Seiner Weide. Gehet ein mit Frohlocken in Seine Tore. Preiset Ihn, lobet Seinen Namen; denn lieblich ist der Herr.' Und zu einer so süssen Gegenwart gesellt sich eine noch süssere Hoffnung. Dereinst kommt ein Stündlein, ach, das gebenedeite, glückselige Sterbstündlein. Dann heisst es: Der Bräutigam kommt! Dann spricht die Seele: Tritt ein, o Herr, bei deiner Magd! längst hat mein Herz zu dir gesagt: Dein Antlitz such' ich! – Und dann spricht er, der unendlich milde und liebliche Herr: Stehe auf, meine Freundin, und komm'. Der Winter ist vorüber! – Sieh, Uriel, so lebt man und stirbt man auf dem Karmel."

Er hörte ihr zu. Sie hätte stundenlang sprechen können und er würde des Zuhörens nicht müde geworden sein. Ihm zerschmolz das Herz vor diesen Frühlingslüften aus einer übernatürlichen Welt. Sie sagte das alles mit einer Einfachheit und Geistesstille, welche deutlich zeigten, wie heimisch sie in jener war. Wie von lindem Balsam überflossen und geschmeidigt löste sich