– und ist das geschehen, ach! wie weiss er es dann festzuhalten, und wieder zu gewinnen, und sich darum zu bewerben, und es an sich zu ziehen, und es zu berauschen mit seinen Myrrhen und seinem Blut, so dass sich das Herz endlich auch liebebesiegt ihm anschmiegt und dann sein Genügen hat – für die Ewigkeit."
"Dazu muss das Herz besonders begnadet sein, Regina!" wendete Uriel ein.
Das Herz bildet sich allmälig um nach seiner Liebe; das ist deren Gesetz, so mächtig ist sie. Liebt der Mensch irdisches Gut, so wird er irdisch. Liebt er gemeine Genüsse, so wird er gemein. Liebt er Schlechtes an Menschen und Dingen, so verschlechtert er sich und wird mehr und mehr unfähig zum Guten. Liebt er Gott, so vergöttlicht er sich, so geht aus dem trauten und beständigen Umgang mit dem unendlich Schönen und Guten auch etwas Gutes und Schönes in seine Gedanken, Gefühle, Bestrebungen und Handlungen über. Je besser das Herz wird, um so mehr liebt es Gott, und je mehr es ihn liebt, desto grössere Gnaden empfängt es. Er ist ein Herr von unendlicher Milde und Grossmut und kommt der leisesten Liebesregung zärtlich entgegen."
"Dennoch, Regina, muss das Herz besonders begnadet sein, um sich innerlich und vollständig von allen Geschöpfen – und von dem Glück und den Freuden, welche sie bringen, abzutrennen. Es gibt sündlose Freuden und Verhältnisse voll geheiligtem Glück."
"Gewiss!" entgegnete sie lebhaft. "Nicht Jeden beruft Gott zum vollkommenen Aufgeben des Irdischen; allein er verlangt von jedem, dass dasjenige, was in dem sündlosen Glück und den erlaubten Freuden irdisch ist, durch Beziehung auf Gott mehr und mehr gereinigt und verklärt werde. Willst Du also Irdisches besitzen und in Deiner Freude darüber das rechte Mass inne halten und Dich nicht besinnungslos darin verlieren; willst Du Menschen lieben und in ihnen Dein Glück finden: so darfst Du es doch nur als etwas von Gott Geliehenes besitzen, das Du allzeit bereit bist, mit Gleichmut ihm zurück zu geben. Tust Du das nicht, so wirfst Du dein Herz der Irdischkeit zu Füssen. Tust Du es aber, so lebst Du gewissermassen auch nach den evangelischen Räten, arm im geist, bereit zur Entsagung, willig zum Gehorsam – und in dieser Weise heiligen sich unzählige Seelen."
"Und warum, Regina, hast Du diesen leichteren Weg nicht gewählt?"
"Weil ich ihn für einen gefährlichen und mühseligen Umweg halte. Mein Ziel ist Gott: danach verlange ich. Mein Ende ist Gott: darüber frohlocke ich. Weshalb sollte ich bei der Kreatur mich aufhalten? Überdas setzt es ein Streben nach höherer Vollkommenheit voraus, wenn man den Entschluss nach den evangelischen Räten zu leben, durch die Klostergelübde besiegelt und sich durch sie, an Hand und Fuss himmlischer Weise gebunden, wehrlos das süsse Joch und die sanfte Bürde Jesu auflegen lässt."
"Immer der alte, hohe, energische Schwung!" rief Uriel.
Sie unterbrach ihn, wie sie jedesmal tat, wenn sie fürchtete, dass er von Lob oder von Liebe sprechen wolle, und fragte:
"Bist Du denn wirklich all diese Jahre in der Welt umher geschweift?"
"Ja!" erwiderte Uriel. "Ich wollte die eine Liebe vergessen und eine andere finden; dazu braucht man Zeit und allerhand Kenntnis."
"Im grund nur – Erkenntnis!" sagte Regina. "Nun, wohin bist Du denn mit Deinen Kenntnissen gelangt?"
"Dass ich nichts habe finden können, das grösser als mein Herz und folglich meiner Liebe würdig wäre. Die Höhen des Tschimborasso, und die Weiten der Wüste und die Tiefen des Ozeans und der Donnersturz des Niagara füllen die Abgründe meines Herzens nicht aus – und all das Lebensgewimmel voll Tätigkeit und Geschäftigkeit, voll Klügeleien und Betrügereien, voll Berechnung und Täuschung, voll Anstrengung und Nüchternheit gibt meinem Herzen auch nicht einen einzigen rascheren Schlag."
"Das begreift sich!" sagte Regina. "Das Menschenherz ist ein goldener Kelch, den Gott mit Opferwein gefüllt haben will. Soll er den schalen Wein der täglichen Mahlzeit oder der irdischen Feste aufnehmen, so entspricht er nicht seiner Bestimmung. Er wird entweiht – und das Herz, das ein lebendiger Kelch ist, wendet sich ab von der Entweihung – wenn es sie begreift – und bleibt lieber leer. Weisst Du wohl, dass dies eine grosse Gnade ist?"
"Zu der Erkenntnis hab' ich es noch nicht gebracht," antwortete Uriel mit einem Anflug von Bitterkeit.
"Der Trank aus trüben Cisternen genügt Dir nicht; aber Du verschmachtest," entgegnete Regina. "Nun wohlan, Uriel! wende Dich zu den Wassern des ewigen Lebens, wende Dich zu dem Born, aus dem sie in unergründlicher Fülle strömen. Durchschweife nicht länger den Erdball. Geh' in das erste beste Kirchlein, knie nieder vor dem Tabernakel. Sieh! dort in dem engen, dunkeln, kleinen Raum, dort wohnt der, der einzige, welcher grösser ist, als Dein Herz und folglich dessen Leere füllt. Dann hast Du, was Du brauchst, was Du ersehnst, was Dir genügt. Meinst Du, dass uns die Klostermauern und die enge Zelle süsser wären, als das liebe Vaterhaus, wenn Er n i c h t im Tabernakel unter uns wohnte? Er ist der göttliche Magnet, der uns fesselt! er ist der himmlische