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. Wer das willder denkt an ihn! und wer einmal angefangen hat, an ihn zu denken – o, der findet das nicht mehr so schwierig, wie es Dir erscheint. Aber anfangen musst Du! Du musst an ihn denken wollen, ihn lieben wollen."

"Ich will aber nicht Karmelit werden!" versicherte Uriel eifrig.

"Was soll denn eigentlich aus Dir werden?" fragte sie, als habe sie seine innere Unruhe erkannt.

"Ich weiss es nicht!" brach Uriel aus. "Ich weiss nur dies: ich kann nicht mein Herz der Welt vor die Füsse werfen; nicht lieben, wie sie liebt; nicht begehren, was sie begehrt; nicht dienen, wem sie dient! ich kann in nichts mit ihr Schritt halten."

"Gott Dank!" rief Regina; "ist das Herz gründlich von der Welt abgewendet, so kehrt es sich leicht dem Himmlischen zu. Aber, Uriel, zur Welt gehört auch die Welt Deines Ichs; und der Abschied von ihr ist nicht so leicht, als von der äusseren Welt."

"Ich meine," entgegnete Uriel, "ich hätte auch die verabschiedet."

"Suchst du kein Glück irgend einer Art zu erringen und zu geniessen?"

"Doch!" rief er lebhaft; "die Seele ringt nach Glück. Allein sie will nur ein übernatürliches geniessen."

"Sieh! das ist noch Welt, Uriel: Genuss finden wollen im übernatürlichen Leben! Begehrst Du den, so bist Du ja gleichsam ein Lohndiener. Als der göttliche Heiland am Kreuz hing, durchströmte ihn ohne Zweifel eine unbegreifliche Seligkeit, das Werk der Erlösung vollbracht zu haben; allein er empfand so gar nicht den Trost, der doch in überschwänglicher Weise daraus hervor hätte strömen müssen, dass er wehklagte: Mein Gott, warum hast du mich verlassen! So müssen auch wir unser Glück einzig und allein in der vollkommenen Hingebung an den Willen Gottesohne Beimischung von Genuss und Trost suchen."

"Ich bin aber nicht so vollkommen!" rief Uriel.

"Ich auch nicht!" entgegnete Regina. "Dass wir es werden, ist Gnadensache; dass wir uns alles Ernstes daran machen, es werden zu wollen, ist unsere Sache. übrigens bleibt Dir keine Wahl! da Du dein Herz nicht der Welt vor die Füsse werfen willst, musst Du es an's Kreuz heften. Eine Zwischenstation gibt es nicht."

"Allein es gibt ein Mass in der Kreuzigung, Regina! Du hast immer das Leben nach den evangelischen Räten mit seinen drei entsetzlichen Nägeln im Sinn."

"O," fiel sie lebhaft ein, "Du nennst sie entsetzlich; ich nenne sie unser Brautgeschmeide. Mit ihrem Schmuck sind wir des Bräutigams wert, denn sie verähnlichen uns ihm. Schlagen sie den natürlichen Menschen an's Kreuz, so heben sie dafür den übernatürlichen zum Himmel hinauf. Sie machen es ihm möglich, seinen Reichtum in Gott allein, seine Freuden in Gott allein, seinen Willen in Gott allein zu suchen und zu finden. Ja, nur sie machen ihm die vollkommene, die Christus ähnliche Hingebung an Gott möglich. Unter dem Gelübde des Gehorsams, welches die beiden anderen sicher stellt, führt der Mensch ein Abbild vom Leben des Gottessohnes, der dreissig Jahre lang in der Hütte und der Werkstatt von Nazaret sterblichen Menschen untertan war. Nein, Uriel! göttlich ist das ganze Evangelium! aber die drei Nägel sind seine Krone und seine Glorie. Die bilden büssende Seelen, jungfräuliche Seelen, Martyrerseelen. Nimm diese hinwegwas bleibt übrig im Leben des christentum? nur die Gebote, nur das Alltagsbrot, während das himmlische Manna verschwindet. Den Vater behalten wir, aber den Bräutigam verlieren wir. Die evangelischen Räte sind das eigenste Eigen des christentum. Das Jesukindchen hat sie vom Himmel herunter gebracht; um die Krippe von Betlehem sind sie aufgeblüht. Und weil sie diese wundervolle Abkunft haben, deshalb sind sie so edel, dass sie mit Geld und Gut und irgend einem Besitz von geschaffenen Dingen sich nicht vertragen! so geistig, dass sie die innerste Freiheit von jeder Kreatur, die Trennung von dem Liebsten auf Erden, die Losschälung der feinsten Bande von Fleisch und Blut begehren; so erhaben, dass sie mit den gewöhnlichen Wegen der Menschen nichts zu schaffen haben und nur den Weg gehen, den sie vom Jesukind gelernt haben 'gehorsam bis zum tod am Kreuz.' Uriel! ein einziger Mensch, der in der Vollkommenheit nach den evangelischen Räten lebtund aus ihnen drei Nägel macht, mit denen er sich an das Kreuz des Herrn heftet, überwiegt weit alle Grösse aller Menschen zusammen genommen, welche die Welt gross nennt; denn der himmlische, nach Christus gebildete Mensch ist grösser in ihm. Und davor grauet Dir? und das flösst Dir Entsetzen ein? Ach, Uriel! ich will Dir sagen, woher das kommt: Du denkst nicht an die Menschwerdung Gottes, an dieses süsse, liebeselige Geheimnis, welches die Kirche jetzt im Advent andächtig betrachtet und welches gleichsam der immerblühende Rosenstrauch ist, aus dem sich fort und fort alle anderen heiligen Glaubensgeheimnisse wie göttliche Rosen entwickeln. Dem Gottessohn, der sich liebebesiegt durch unser Elend, zum Sohn der seligsten Jungfrau macht, und als das gebenedeite Jesukindchen zu Betlehem auf unserer armen Erde erscheint: dem müssen wir zuerst, zum gerührten Dank für eine so göttliche Liebe, unser Herz schenken