Regina ihm nicht die Pforte des himmels aufschliesst, die enge Pforte, durch welche wenige gehen."
"Dann wäre es freilich eine höhere Fügung – und nach einer solchen verlangt er," sagte die Baronin. –
Uriel hatte lange mit sich selbst gekämpft, ob er Regina aufsuchen solle – oder nicht. Er fürchtete nicht die Aufregung des Schmerzes; aber sehr, den Stachel von Bitterkeit gegen Gott und Menschen, der ihm so viel zu schaffen gemacht hatte und dessen er sich noch immer nicht ganz erwehren konnte. Doch vielleicht nimmt sie mir gerade diesen Stachel aus dem Herzen, sprach er zu sich selbst; wer weiss, welche Gnaden eine solche Seele mitteilen kann.
Zur Stunde der Vesper war er in Kloster Himmelspforten und ging in die Kapelle, die geöffnet – jedoch hinter dem Altar durch Gitter und Laden abgeschlossen gegen den Chor, war, in welchem die Ordensfrauen gemeinschaftlich die kanonischen Stunden beteten. Es war ein grauer milder Nachmittag, die Luft so seltsam lau, wie sie zuweilen im Dezember auf ein paar Tage oder Stunden eintritt; man denkt dabei an erfrorene Rosen. In der Kapelle herrschte schon die Dämmerung des Abends und die Vesper hatte begonnen, als Uriel eintrat. Also hier in diesem trüben, frostigen Dunkel verblüht die leuchtende Lilie! sprach er zu sich selbst; in dieser Schattenwelt ist ihr energisches Leben untergegangen, in dieser Grotte des Karmels ihr Herz eingesargt! Ein namenloses Weh zerschnitt ihm die Seele; das Weh, welches jeder empfindet, der in der Opferflamme des Altars ein blutendes Menschenherz langsam verzehren sieht und nicht weiss, dass es darin auf der Hand Gottes liegt. Er horchte auf die betenden Stimmen; sie waren zu einem und demselben Ton eingeübt: er konnte nicht Regina herausfinden. Begraben! begraben! jammerte sein Herz. Er hoffte auf die Antiphone; es war ja unmöglich, die Singstimme ganz ihres eigentümlichen Gepräges zu entäussern. Die Antiphone des Advents "Alma redemptoris" wurde gesungen; aber ohne Regina. Er hätte ihre stimme mit dem ihr eigenen seeleninnigen Klang unter Tausenden erkannt. Begraben! begraben! jammerte sein Herz; und wie es so jammerte, fiel ihm ein, dies sei vielleicht keine figürliche Redensart und sie sei in der Tat tot oder sterbend. Er floh aus der Kapelle, eilte zur Klosterpforte und schellte hastig. Die Pförtnerin erschien am kleinen Fenster und mit stockendem Atem sagte Uriel:
"Ich wünsche die Schwester Terese vom Lamm Gottes zu sprechen." Dies war Regina's vollständiger Klostername; es konnte jetzt keine Verwechselung mit irgend einer anderen Schwester Terese vorfallen.
"Sie ist im Chor," sagte die Pförtnerin, und setzte ein paar Worte hinzu, welche bescheiden andeuteten, dass die späte Stunde ungelegen sei.
"Also komme ich morgen vormittag," erwiderte Uriel und ging ruhiger in die Kapelle zurück, die ihm plötzlich nicht mehr so finster und frostig vorkam, denn – s i e war im Chor und wo sie war, da wurde es sonnenhell und sonnenwarm. Er fühlte sich beglückt, in ihrer Nähe zu atmen, von denselben Mauern umschlossen, von demselben Dach beschirmt zu sein. Nichts trennte sie – als der Altar mit dem Tabernakel; als Gott! Und trennt denn Gott die Seelen? fragte er sich heimlich. Sind sie nicht süss und fest geheimnisvoll in ihm verbunden? .... viel sicherer, viel unzertrennlicher in dieser göttlichen Lebensgemeinschaft, als in einer irdischen? .... Und doch! und doch! das Menschenherz hat nicht sein Genügen in ihr! – Und er dachte mit einer so unerhörten Freude, dass ihm die Brust davon beklemmt wurde: morgen werde ich sie sehen, sie hören, mit ihr sprechen! und dann? .... – Ihm war zu Sinn, als ob dann sein Herz still stehen werde.
Es war ganz dunkel geworden, nur das ewige Licht verbreitete seinen ruhigen Schimmer durch die Kapelle und stimmte ihn friedlich. Er schlug das Auge zur Lampe auf und sagte leise: So zu leuchten im Heiligtum, und vor Gott und für Gott, das Los hat Regina sich gewählt und vielleicht ist es das süsseste, welches uns hienieden zu teil wird, weil es über dem Wechsel und dem Wandelbaren ist. Dies Schwanken zwischen Wonnen und Qualen, dieser Wechselgesang von Lust und von Weh, diese zitternde sehnsucht und dies trostlose Ungenügen, diese himmelstürmenden Wünsche und diese grässliche Nichtigkeit in ihrer Erfüllung: dies Alles, das draussen liegt, ausserhalb des Gottesfriedens – ist's eine Entbehrung, wenn man es nicht kennt? ist's ein Verlust, wenn man es aufgibt? – – – Da hub das Angelusgeläute an. Ihm war, als bewege die Glocke sein Herz. Er kniete nieder, barg das Gesicht in den Händen und betete: Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder! – Dann klirrten Schlüssel in seiner Nähe. Er entwich wie ein Schatten aus der Kapelle, deren tür hinter ihm geschlossen wurde, und ging nach der Stadt zurück.
Die Nacht verging wie alle Nächte. Für Uriel aber hatte sie hundert Stunden und jede Stunde hundert Minuten. Er ging wieder zum Kloster. Der helle frische Wintermorgen mit dem stillen blauen Himmel und der feinen weissen Decke, welche der nächtliche Schnee über die Erde gebreitet hatte, tat ihm wohl und kühlte den Scirocco, der ihm durch den Kopf und die Brust ging. Ist das denn Freude? fragte er sich selbst. Ich freue mich – und