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es heisse, den mystischen Leib zu bilden, einen unüberwindlichen, langatmigen Mut. Sie wissen, wem der endliche Sieg gehört, sie fürchten nicht die Legionen von gefallenen Geistern, die auf den Felsen Petri Sturm laufen."

"Fünfundsiebenzig Jahreund kampfesfreudig wie St. Michael?" rief Uriel. "O lieber Onkel, welchem grossen Herrn musst Du dienen?"

"Ach und immer als ein unnützer Knecht!" entgegnete Levin lebhaft und faltete seine hände als wolle er seinen Herrn um Verzeihung bitten.

"Wäre ich doch ein s o l c h e r unnützer Knecht!" seufzte Uriel.

"Wozu hätte ich fünfundsiebenzig Jahre und über ein halbes Jahrhundert im geistlichen stand gelebt," entgegnete Levin, "wenn ich kein mutiges Vertrauen zu dem allmächtigen Herrn gewonnen hätte, dem ich diene? Das Leben des Priesters ist ein Leben im Glauben und in der Gnade. Sie sind die himmlischen Stützen seiner gebrechlichen natur. Er verlässt sich auf sie: das ist Vertrauen. Und dies Vertrauen auf göttlichen Beistand sollte er nur in Bezug auf seine armselige person und nicht für seine vielgeliebte Mutter, die heilige Kirche, besitzen? Nein, das wäre ein Widersinn! O schwanke du nur, du Schifflein Petri! lass sie heulendie Orkane! lass sie tosendie Wellen! lass sie brüllendie Meeresungeheuer! du trägst deinen Hort: Christus schläft. Er wird erwachen und dann werden die Stürme fallen. Aber, mein Sohn, wir wollen nicht zu jenen gehören, zu denen er sagen wird: 'O ihr Kleingläubigen!'"

Himmelspforten

Es war die schöne, heiligstille Adventzeitdieser Vorfrühling im übernatürlichen Jahr, welches die Kirche durchlebt; der Vorfrühlung unserer Erlösung. Uriel hielt sich noch immer in Windeck auf. Was sollte er in Rom? was überhaupt in der Welt? Die Baronin Isabelle quälte ihn ein wenig mit ihren verschiedenen Ratschlägen, was er alles versuchen und unternehmen könne; und mit ihrem leisen Bedauern, dass er nicht Herr auf Stamberg geblieben sei. Er nahm es ruhig hin und sagte:

"Liebe Tante, dieser Entschluss war eine höhere Fügung und ich harre jetzt wieder auf eine solche."

"Aber, lieber Uriel," erwiderte sie, "man muss dem lieben Gott doch gewissermassen Vorschläge machen und Spielraum geben, damit seine Fügungen irgend einen festen Boden vorfinden."

"Ich wüsste ihm in der Tat keinen Vorschlag zu machen," entgegnete Uriel lächelnd.

"Nun, zum Beispiel!" rief sie; "lass Dich auf Jochhausen nieder, wo Deine guten Eltern gelebt haben. Das wäre so eine Art von Andeutung, welche der liebe Gott verstehen und Dir häusliches Glück schikken würde."

Uriel lachte und sagte: "Das wäre eine entsetzliche Überraschung! Hätte ich das gesucht, liebe Tante, so wär' es allerdings vernünftiger gewesen, auf Stamberg zu bleibenund dass ich dies n i c h t tat, betrachte ich eben als eine höhere Fügung."

Sie schüttelte zweifelnd den Kopf und entgegnete:

"Ich bitte Dich, Uriel, sei vorsichtig! Du stehst in einem bedenklichen Lebensalter."

"Doch weniger als vor zehn Jahren, sollt' ich meinen!" entgegnete er immer noch lachend.

"Ach, Kind!" rief sie, "lache nicht; es ist sehr ernstaft! Sieh': ist ein Mann über dreissig Jahre alt geworden und unverheiratetja sogar ohne den Wunsch und Willen zu heiraten, geblieben, da er es in seiner Lage doch könnte, so droht ihm von Tag zu Tag immer mehr die Gefahr, in Verhältnisse zu geraten, in Schlingen sich zu verwickeln, die ihn nicht glücklich und nicht gut machen, in die er aus Langeweile fällt und in denen er aus Trägheit bleibtzuweilen für immer, zuweilen lange Jahre. Es gibt Frauen genug, deren Eitelkeit es schmeichelt, einen solchen Gefangenen mit sich durch's Leben zu führen; und Männer genug, die sich so mitführen lassen, weil sie dabei gehätschelt und verzogen werdenbis sie alte Hagestolzen und vollkommen unerträglich sind."

"Eine furchtbare Perspektive, liebe Tante!" sagte Uriel scherzend, "und ich begreife," setzte er ernst und liebevoll hinzu, "dass Dein wahrhaft mütterliches Auge sie für mich nicht ertragen kann. In ein solches Verhältnis gerät man, wenn man niemand liebt und doch gern geliebt sein möchte. Bei mir ist es aber gerade umgekehrt: ich liebe jemandund will von niemand sonst geliebt sein."

"Ach!" seufzte die Baronin, "wie konfus ist das Leben mit all' seinen Erscheinungen! Hört man von der Treulosigkeit der Männer, so seufzt man. Und findet man einmal die Treueso seufzt man auch." –

Am anderen Morgen erschien Uriel nicht zum Frühstück und Levin sagte der Baronin, dass er nach Himmelspforten gefahren sei.

"Und Sie hielten ihn nicht zurück?" rief sie.

"Er hat mich nicht gefragt, sondern nur gesagt, er gehe. Warum sollte er aber auch nicht gehen?"

"Warum? mein Gott, warum will er denn durchaus in Regina's Nähe kommen, da es nur seinen Schmerz erneuert! Ich interessiere mich lebhaft für alle liebende Herzen, aber nicht für ihre Torheiten."

"Das ist doch recht schwer zu trennen," antwortete Levin heiter, "leidenschaft ist Torheit. Nun, wer weiss, ob