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und Deutschland Leute gekannt, von denen es heissen konnte, wie in Schillers Wallensteins Lager: 'Es sind Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher' – so behaglich schmausten sie ihr Beefsteak mit obligatem Porter; so friedlich kannegiesserten sie bei der Tabakspfeife und dem Schoppen; Damen hab' ich gekannt, gebildete, kunstsinnige, schöngeistige, romanesk poetische: nun! diese ganze Gesellschaftso philisterhaft der eine teil und so hypergebildet der andereverfiel in eine Art von Berserkerwut, wenn die Rede auf den Papst und die katolische Kirche kam. Rom, als Mittelpunkt der antiken Welt und der modernen Kunst, liessen sie gelten. Über Rom, als Hauptstadt der Christenheit, waren sie rabbiat. In den Kreisen der Freiheitsmänner, der Licht- und Volksfreunde versteht sich so etwas von selbst, weil Rom das unüberwindliche Bollwerk der Wahrheitalso der wahren Freiheit, des wahren Lichtes, des wahren Rechtes ist: aber bei meinen Tiefenbachern und bei meinen Geistreichen hab' ich mich immer verwundern müssen, dass sie nicht einsahen, wie Beefsteak und Bildung nicht zu retten sind, wenn es möglich wäre, dass das Schifflein Petri unterginge. Ein gesellschaftliches Chaos würde beginnen. Es gehört mit zu den greulichen Lügen der Zeit, die geschichtlichen Ereignisse und Charaktere zu Parteizwecken zu verfälschen und schon dem kind in der Schule Zerrbilder statt Vorbilder in die junge Seele zu prägen."

"Und damit zieht sie, wie das von der Lüge auch nicht anders zu erwarten ist, einen so traurigen und furchtbaren Hass gross, dass, wenn jetzt heftige Katastrophen ausbrächen, der giftigste Gram sich gegen die Vertreter und Diener der Kirche entladen würde. Lies die vertilgungswütigen Verfolgungen, welche der treue und standhafte französische Klerus in der Revolution des vorigen Jahrhunderts zu erdulden hatte. So würde es jetzt überall sein, wo Revolutionsmänner an die Spitze kämen. Der Priesterhass wächst, je mehr Luzifers Scharen wachsen."

"Das wäre ein Grund, um Priester zu werden! Was Satan hasst, muss Gott lieben!" rief Uriel.

"Und doch sind die Bestrebungen des Hasses dem Priester vielleicht nicht so quälend, als die der sogenannten Humanität," sagte Levin. "Ich habe in meinem langen Leben schon manche Phase der Geschicke der Kirche durchgemacht. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts ging man mit der Guillotine und Deportation auf sie los; das hat ihr nichts geschadet; im offenen und entschiedenen Martertum liegt eine Art von übernatürlicher Lockspeise, die ihr gut bekommt. Aber nach den napoleonischen Kriegen brach in Deutschland eine entsetzliche Zeit, eine nüchtern-schwärmerische Epoche aus, die mit Deutschtümelei und allerhand Bruderliebe seltsam herausgeputzt war. Da sollte die Kirche deutsch sein und human und jedermanns Freund; den Quell ihres Lebens sollte sie verstopfen und von Rom sich lossagen; und dafür die Vorteile geniessen, die der Zeitgeist ihr aufzuzwängen suchte: Lockerung heiliger und heilsamer Disziplin, Verblasenheit ihres Dogma's, Fraternität mit allerhand unkirchlichen und widerkirchlichen religiösen und philosophischen Systemen. Statt der katolischen Kirche sollte eine Allerweltskirche organisiert werden, ohne Offenbarung Gottes, ohne festbestehendes Dogma, ohne positiven Glauben, folglich ohne wahres Christentum und zwei Mittel schienen vorzugsweise geeignet, dies zu bewerkstelligen: die Aufhebung des Cölibates und die Sanktionierung der gemischten Ehen. Das verehelichte Individuum, welches den katolischen Priester ersetzen sollte, lehrt, was der Staat oder ein beliebiges Oberhaupt seiner sekte von ihm begehrt: das beweist die Erfahrung aller zeiten; und in einer Mischehe ist von einem frischen und kräftigen Familienleben im positiven Glauben keine Rede; das sieht man alle Tage. Diese Mauerbrecher sollten die Kirche zersprengen. Aber unbewegt hielt sie den Stoss ausdie heilige Kirche! die gemischten Ehen wurden nicht sanktioniertnur traurig geduldet; und der priesterliche Cölibat nicht aufgehoben. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Schwägerin Juliane, Deine Grossmutter, mich oftmals fragte, ob ich schon mein Augenmerk auf eine künftige Gattin geworfen habe; worauf ich ihr regelmässig antwortete: man dürfe sich nicht voreiliger Hoffnung hingeben. Als nun das Projekt zu wasser wurde, sagte Juliane, ich hätte sehr weise getan, nicht zu früh zu hoffen. Da lachte ich und sagte: 'I h r e Hoffnungen hab' ich voreilig genannt.' Das war ihr aber nicht genehm. Ja, es war sogar manchem Katoliken nicht genehm! Aber kurz! die Allerweltskirche kam nicht in Deutschland zu stand. Dagegen wurde die Braut Christi in Zucht und Vormundschaft genommen, musste knappe Haushaltung lernen, durfte ohne Genehmigung betreffender Behörden keine Kerze auf dem Altare anzünden, kein Messgewand des Priesters anfertigen; musste lernen, wie sie zu lehren habe, siedie Christus selbst zur Lehrerin der Völker eingesetzt hat; musste in Staatsdienst treten und sich besolden lassen, sie, die uralte Ernährerin und Haushälterin jener zahlreichen Familie der Armen Christi, welche gerade an sie gewiesen, ihrer frommen Fürsorge anvertraut sind. Das alles und viel tausendmal mehr musste sie sich gefallen lassen, und Du darfst mir glauben: manches treue Priesterherz hat darüber so viel Gram und Kummer ausgestanden, dass man wohl sagen darf: es habe freilich nicht für und mit dem Heiland den Tod gelitten, allein es habe die unblutige Passion von Getsemane mit ihm durchgemacht. Das alles gehört zum Leben der Kirche. Es hat kein Leid, keine Bitterkeit, keinen Schmerz gegeben, welche der Sohn Gottes auf Erden nicht gekostet hätte. Könnte seine heilige Braut es wohl anders haben, als er? Darum haben alle, welche in Wahrheit erkennen, was