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an der Erde, mein armer Uriel! Du hast die ewige Wahrheit noch nicht gefunden, denn Du hast sie noch nicht gesucht."

"Aber woaber wiesoll ich sie suchen?" fragte Uriel tief in Sinnen verloren.

"Wo? – in der Krippe von Betlehem und am Kreuz von Golgata. Wie? – durch Gebet. Bete, Uriel! wie es jetzt mit Dir steht, kann und darf es nicht bleiben. Du bist flügellahm. Es ist mehr Welt an Dir vorüber gerauscht, als Duals irgend jemand mit der blossen Beobachtung überwältigen kann. Das Übermass der Tätigkeit, deren Zuschauer Du bist, betäubt Dich und bringt Dich um die, welche Dir von Gott bestimmt ist."

"Lieber Onkel," unterbrach Uriel ihn sehr lebhaft, "Du wähnst doch wohl nicht, dass es mir je einfallen könnte, Missionär zu werden, weil ich gesagt habe, ich hätte bei ihnen Seelengrösse gefunden und ich beneidete sie, weil sie einem so grossen Herrn dienten? Missionär will ich durchaus nicht werden! und käme mir je ein solcher Gedanke, so würde mein eifrigstes Gebet g e g e n ihn sein."

"Sei unbesorgt!" erwiderte Levin lächelnd, "zu so kühnen Hoffnungen erschwingt mein altes Herz sich nicht. Das war eine grosse Gnade, wenn Du die Welt abermals durchpilgertestnicht um die Wahrheit zu suchen, sondern um sie anderen zu verkündigen; nicht zu Deiner Befriedigung, sondern aus Liebe zum gekreuzigten Christus. Aber eine solche Gnade senkt sich nur in ein ihr entsprechendes Herz. Vorderhand bin ich froh, dass Du in Kalifornien kein Goldgräber geworden bist."

Es war ein unvergleichlicher Zauber von Würde und Huld um den fünfundsiebenzigjährigen Greis. Er war so stark bei seiner heiteren Milde, so nachsichtig bei seinem heiligen Ernst, so lächelnd bei seiner tiefen Einsicht, – der Geist so offen, das Herz so warm, die Seele so licht, dass Uriel oft in seiner Nähe dachte: die Verklärung des Tabors sei schon über dies Leben ausgegossen, das mehr als ein halbes Jahrhundert in der Verschattung des Kreuzes verharrt sei. An Onkel Levins Seite, in Gesprächen und im traulichen Verkehr mit ihm fühlte sich Uriel zufriedener, als sonstwo auf Erden. Aber eine leise Unruhe, ein unausgesetztes Vibrieren des inneren Menschen mahnte ihn stets daran, dass er seinen Schwerpunkt noch nicht gefunden habe. Es tat ihm leid, an Graf Damian versprochen zu haben, dass er ihm nach Rom folgen wolle; leid, den geliebten Greis zu verlassen.

"Komm' mit mir nach Rom!" bat er ihn einst. "Die Griechen hielten es für ein Unglück, das Götterbild ihres Zeus, das Meisterwerk des Phidias, nicht gesehen zu haben. Ist es nicht ein ganz anderer Schmerz für einen Priester, den Stellvertreter des Erlösers und den Nachfolger des Petrus nicht gesehen zu haben?"

"Ja, lieber Sohn, ganz anders! er ist ein Glied in der langen Kette der Entsagungen; aber die löst sich mit dem tod. Die armen Griechen hatten schon recht, ihren Zeus zu betrachten; denn seine Marmorstatue war doch mehrals das Nichts, welches sie vorstellte. Aber für uns, Kind, ist es gerade umgekehrt: wir sehen hienieden nur Bilder, aber droben das Wesen. Deshalb hab' ich mich nie danach gesehnt, mich viel umzuschauen in der Welt. Scheide ich von ihrdann werden meine Augen ihre Wonne haben und mein Herz seine Lust. Kommst Du aber nach Rom, so grüsse mir eine traute Stätte: das Koliseum, wo die Martyrer sich verbluteten und wo St. Ignatius von Antiochien unter den Zähnen der Löwen rief: Meine Liebe ist gekreuzigt! lasst mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein! Um das Koliseum schwebt in meiner Phantasie eine Glorie von Purpurfarbe."

"O diese Martyrer," rief Uriel, "haben in Wahrheit die streitende Kirche zur triumphierenden gemacht!"

"Darum stirbt auch dies heilige Geschlecht nie in ihr aus. Sie soll triumphierentrotz Ketten und Banden, trotz Schmach und Verfolgung, über den Satan und seinen Anhang! Und das tut sie, bald auf diesem, bald auf jenem Punkt der Erde. Sieh' die Christenverfolgungen in China, in Japanüberall wiederholt sich die alte Tatsache: Christus der Gekreuzigte lebt in den kämpfenden Gliedern seiner Kirche. Sie werden mit ihm gemartert, gehöhnt und getötet; sie werden begraben und Steine vor die Gruft gewälzt und Wächter bestellt; und wenn das alles sicher besorgt ist, dann kommt der Ostertag, und mit den Hingewürgten ist die Kirche, die man erwürgt und begraben wähnte, auferstanden. Das sind ihre unvergänglichen Geschicke. So hat sie es auf Kalvaria gelernt. D a z u lebt und webt in ihr der heilige Geist. D e s h a l b umfängt und trägt sie durch die Weltzeiten den eucharistischen Christus. Solche Gottesanstalten überdauern den Anprall Luzifers und seiner Legionen."

"Ja wohl, Legionen!" rief Uriel. "Von allen Ecken und Enden der Welt strömen eben jetzt die hochgehenden Fluten des Unglaubens und des Irrglaubens mit voller Wut gegen den Felsen Petri und die revolutionären Stürme, die aus allen Gegenden der Windrose, von Tron und Kateder, aus Schenkstube und Presse, aus Kammerverhandlungen und geheimen Gesellschaften zusammen brausen, toben gegen nichts und niemand so rasend, als gegen das Schifflein des galiläischen Fischers. Ich habe in England