wider alle Prüfungen – besitzest Du ihn nicht. Er ist Dir noch ein toter Schatz."
"So ist's!" sagte Uriel trübe. "Er leuchtet mir vor, aber er leuchtet nicht in mir. Meine Vernunft folgt allen Lehren der Offenbarung, die so fein und so logisch ausgezweigt sind, dass es ein Genuss für meinen Verstand und eine willkommene Übung für meinen Scharfsinn ist, ihnen nachzugehen. Und dennoch ist mein Herz nicht ergriffen; dennoch ist eine geheimnisvolle Scheidewand zwischen mir und Gott."
"Das kann auch gar nicht anders sein," entgegnete Levin. "Du hast die Weltteile durchpilgert und die Ozeane durchmessen und draussen das Etwas gesucht, mit menschlichen Kräften und menschlichen Mitteln gesucht, was grösser sei, als Dein Herz – wie Du damals bei Deiner Abreise sagtest – das Etwas, welches Dir eine dauernde Befriedigung geben könnte; und hast es nicht gefunden und konntest es nicht finden. Denn die Schöpfung, dies wundervolle Werk Gottes, steht u n t e r dem Gotteswerk der Erlösung. Dieser gehört die christliche Seele an, hier soll sie zu haus sein. Sucht sie ihre Heimat in der Schöpfung, so ist sie abgeirrt von ihrer Bestimmung, mein armer Uriel, und dann sind die Lehren der Offenbarung dem Geist ein feines, tiefsinniges System, dessen Logik ihn überwältigt; aber sie sind kein Trost für das Verlangen seines Herzens. Nur in Gedanken lösen sie ihn ab von der Erde; das Herz bleibt an ihr haften, hört nicht auf himmlische Einsprechungen und erkennt nicht himmlische Fügungen, die alle, alle mahnende Boten Gottes sind, durch die er zu uns spricht: 'Kind, gib mir dein Herz.' Aber was willst Du denn anfangen, Uriel, mit dieser Last Deines an der Erde haftenden Herzens?"
"Haftet es denn an ihr, lieber Onkel?" fragte Uriel ernst und sinnend. "Hab' ich nicht den Ballast des Mammon über Bord meines Schiffleins geworfen, um nicht in die Schlingen dieses Götzen zu fallen, dessen Kultus mehr als irgend einer – den Materialismus fördert? hab' ich mich je verloren in die brutale Genusssucht der Zeit? oder an den Ehrgeiz? oder an die Sucht der Eitelkeit, etwas gelten zu wollen, ein Mann der Partei zu sein? Und meine Reisen – hab' ich denn Gemeines, Niedriges, Alltägliches von ihnen begehrt? sollten sie vorwitzige Schaulust und einen unbestimmten Drang nach Bewegung befriedigen? Mir scheint, ich dürfe all' diese fragen mit Nein beantworten. O wie oft habe ich gerade auf diesen Reisen, gerade diesen wunderbar schönen Naturbildern gegenüber die ganze Nichtigkeit des Erdendaseins empfunden! O, in stillen Nächten unter dem leuchtenden Sternenhimmel und auf den leuchtenden Meeren des Südens – o, in der rosigen Morgenfrühe der paradiesischen Überfülle tropischer Länder, mit ihrem unvergleichlichen Zauber von Farbe und Form, von Licht und Luft – o, bei dem feierlichen Sonnenuntergang in der Savanne und der Wüste mit ihrer grenzenlosen, bis zum Entsetzen majestätischen Einsamkeit – hat dies göttliche Schweigen, diese göttliche stimme mich je anders berührt, als dass ich empfunden hätte, es gebe noch etwas Höheres – und das sei so hoch und so gross und so wundermächtig, dass alle Erdenschönheit sich dazu verhalte, wie ein Sandkorn gegen das Himalajagebirg. Und dann hätte ich die Erde mit einem Fussstoss von mir schleudern mögen, um mich aufzuschwingen zu jener nur geahnten Herrlichkeit. Nennst Du das an der Erde haften, teurer Onkel?"
"Der heil. Augustinus schreibt in seinen Bekenntnissen: 'In mehr als einer Weise schliesst man sich den gefallenen Engeln an;'" entgegnete Levin. "So gibt es auch mehr als eine Weise, in welcher das Herz an der Erde haften kann. Es kann begraben sein in ihrem Moder, verstrickt in ihren Dornen. Es kann aber auch so fein mit ihr zusammenhängen, wie manchmal Blumenblätter an fliegenden Sommerfädchen schweben. Eines ist gewiss: Du hast Gott nicht gefunden. Mit Deiner Intelligenz hast Du das Dasein Gottes ausserhalb seiner Schöpfung begriffen; mit Deinem Gefühl hast Du ihn über der Schöpfung geahnt. Aber Dein eigen, Dein Centrum – ist er nicht geworden, weder der menschgewordene Gott, noch der gekreuzigte Gott, noch der eucharistische Gott! und deshalb bist Du auch keinen Augenblick Deiner selbst sicher und der nächste kann Dein Herz begraben in den Aschengrüften der Erde. Dass es bis jetzt nicht geschah, hast Du, nächst der Gnade Gottes – Deiner Liebe für Regina zu danken. Du betrachtest sie als Dein Leid – aber sie ist Dein Heil gewesen! Die Liebe ist etwas so Himmlisches, so Gottverwandtes, dass sogar die natürliche im stand ist, dem Menschen eine Zeitlang einen edlen Impuls zu geben und in edler Richtung ihn zu halten. Aber in dem wechselvollen Dasein hienieden, zwischen tausend neuen Eindrücken und abertausend neuen Erfahrungen, verliert diese Liebe allmählich ihre Triebkraft, vermag nicht mehr Schwung und Ausdauer zu geben, und lässt das Herz nach und nach so öde zurück, so leer, so traurig, so arm, dass ihm die Bilder und Erscheinungen der Erde wünschenswerter vorkommen, als seine Erstorbenheit. Das ist die allgemeine geschichte jeder Liebe, die nur aus dem natürlichen Gefühl hervorgegangen ist: sie keimt, sie wächst, sie blüht, sie verblüht – wenn man sie nicht in das Erdreich der Gnade verpflanzt und in das übernatürliche selige Liebesleben hineinschlingt, welches die mystische Braut Christi mit ihrem göttlichen Geliebten fühlt. Dein Herz haftet