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, werde noch heiliger.' Wir sind alle bekehrungsbedürftig."

"O ja!" rief Uriel, "es gibt auch jetzt grosse Seelen. Aber in einer Sphäre, die mir unzugänglich ist."

"Die Seelengrösse hängt von keiner Sphäre des Lebens ab und ist an keine gebunden. Ihr Wesen ist: das Opfer des natürlichen Menschenund das kann, mit Gottes Gnade, überall geübt werden."

"Nur fehlt leider überall diese Opferliebe so sehr in der Welt, dass man versucht wird anzunehmen, sie sei an eine gewisse Sphäre gebunden," sagte Uriel. "Die grossen Seelen, von denen ich spreche, steckten in der Kutte des Mönchs und in der Soutane des Priesters. Missionäre muss man sehen in anderen Weltteilen: dann bekommt man wieder achtung und Liebe für das Menschengeschlecht. Bei dem Missionär ist so recht anschaulich das Apostolat des Evangeliums. So gingen die zwölf aus, die von Christus unmittelbar ihre Weihe und Sendung empfingenund so gehen sie jetzt aus, von demselben Christus mittelbar geweiht und gesendet. In welcher Armut und Entblössung, unter welchen Entbehrungen, Gefahren und Drangsalen der Missionär sein apostolisches Werk vollführtdavor schaudert die menschliche natur zurück. Das ist eine Marter von Mühsal, die jede Fiber zerreisst und jeden Nerv aufreibt, und die er nur ertragen kann, weil Christus in ihm lebt. Mit natürlichen Kräften ist es unmöglich. Die Phantasie erlahmt, wenn sie sich die Anstrengung vorstellen will, die einen Missionär in den ungeheueren Öden von Nordund Südamerika erwartet. Hunger, Ermüdung, Krankheit, feindliches Klima, wilde Tiere, wilde Menschenalles das steht ihm bevor; alles das erträgt und überwindet er, um in tief gesunkenen, halb tierischen und halb blödsinnigen Racen das Ebenbild Gottes herzustellen und sie zum Bewusstsein über ihre Bestimmung zu bringenoder um in einer kleinen Herde von bereits gewonnenen, aber hirtenlosen Schäflein das Reich Gottes zu befestigen. Und in welcher Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit vollführt er sein Werk! wie getrennt von allem, was Trost und Stütze gibt! Vaterland, Vaterhaus, Muttersprache, Familie, Jugendfreudealles ist fern. Aber auch sein Ordenshaus, seine Brüder nach der Gnadenordnung, seine Wirksamkeit in der Heimat hat er verlassen. Mit einigen gefährten, zuweilen mit einem einzigen, zuweilen ganz allein, zieht er über Eis- und Schneegefilde, durch Savannen und Wüsten, durch Urwälder und Sümpfe, über Gebirge und Strömeallein! und wenn er in tropischen oder arktischen Nächten das Auge zum Himmel aufschlägt, ist er so einsam, dass er nicht einmal die Gestirne seiner Heimat wiederfindet. Und welch' ein Tod krönt dieses Leben? – Ist's der Martyrertod mit seinen raffinierten Qualen, unter dem Wut- und Triumphgeheul seiner Glaubensfeinde? – Oder siecht er im Kerker dahin, auf dem langsamen Folterbett der Gefangenschaft? Oder reisst ihm ein Tiger das Herz aus der Brust? Oder fällt er unter dem Skalpiermesser eines Wilden? Oder verschmachtet er langsam am Fieber, das sein Blut verbrennt, sein Mark verzehrt und ihn endlich niederwirft im Schatten eines Felsens oder eines Baumes, wo er sich ausstreckt zum Sterben, wo kein Gefährte da ist, um ihm die heilige Wegzehrung zu reichen und ihm den Todesschweiss von der Stirne zu trocknen, wo er über sich selbst das Totenoffizium betet und wo sein kaum erkalteter Leichnam eine Beute der Raubvögel oder der Tiere des Waldes wird! – Und solch ein Leben und solch ein Todweshalb werden sie gewählt? frei gewählt? so fragte ich einst einen Missionär. Um dem gekreuzigten Christus in aller Demut nachzufolgen, anwortete er freundlich und einfach. Das ist Seelengrösse! Aber die Welt geht an ihr vorüber, wie die Juden am Kalvarienberggleichgültig oder verachtend oder lästernd. Hätte jedoch einer von den ihren ein weniges von diesen Dornen und Myrrhen genossen, um die Wissenschaft zu fördern, oder aus ehrgeiziger Neugier, oder um ein Vermögen für die Seinen zu erwerbenja, dann hat sie nicht Kränze genug, nicht Lob und Bewunderung genug, um diese Verdienste zu krönen. Mögen es Verdienste sein! ich taste sie nicht an. Von übernatürlicher Seelengrösse sind sie jedoch weit entfernt. Solche Menschen dienen ihrem Ich, ihren vorherrschenden Neigungen oder Talenten und somit auch der Welt; das schmeichelt ihr. Der Missionär geht an ihr vorüber wie an sich selbst und dient einem höheren Herrn; das nimmt sie übel. Sie will nichts von Höherem wissen, als von sich selbst. Ich aber habe immer den Missionär beneidet, gerade weil er einem höheren Herrn dient."

"Nun, lieber Uriel," sagte Levin lächelnd, "ich hoffe, Du wirst ihm auch noch einmal als Missionär dienen."

"Nein, lieber Onkel," rief Uriel und stand lebhaft auf, "ich habe nicht die mindeste Anlage zu solcher Seelengrösse und keine Neigung zu solchem übernatürlichen Heldenmut."

"Die fremde Seelengrösse erkennen und bekennen, gleichviel in welcher geringen Gestalt man sie antrifft, ist der erste Schritt, um sie zu erwerben."

"Aber um sie in einem so heroischen Grade zu üben," rief Uriel, "dazu fehlt mir die Lebendigkeit des Glaubens."

"Ganz richtig," entgegnete Levin. "Du trägst Deinen Glauben in festen Goldbarren mit Dir umher, so dass er Dir manchmal beinahe eine Last ist. Zur Münze ausgeprägt, flüssig gemacht für den täglichen Gebrauch, für alle Umstände, für alle Verhältnisse, in allen Nöten,