Es ist der Weg des Todes, den wir schreiten! – Das ist von unserer Zeit gesagt. Sie stirbt an ihrer eigenen Lüge."
Levin hörte still diesen Klagen zu. Er dachte an jenen himmlischen Retter, der die hinsinkende Welt, wie der Pelikan seine erschmachtende Brut, mit seinem Herzblut errettet; allein er sagte es nicht.
"Du armer Sturmvogel!" sagte er liebevoll, "hast Du versucht, Dir ein Nest zu bauen auf den Wellen der Zeit und bist Du müde geworden von dem vergeblichen Bestreben? Dann bleibt Dir nichts übrig, als Dich loszusagen von dem treulosen Element und einen Aufflug zu versuchen. Du bist müde von den Erscheinungen der Zeit. Das war auch ein grosser teil der menschlichen Gesellschaft im vierten und fünften Jahrhundert, als die Überreste der alten heidnischen Welt, welche sich in mumienhafter Starrheit dem beseelenden Einfluss des christentum widersetzte, von dem Andrang der barbarischen Völker mehr und mehr bedroht, dann überschwemmt und endlich hinweg gefegt wurden. Damals klammerte sich auch die sieche Welt, im heimlichen Bewusstsein ihrer Ohnmacht, an den Glanz und die Überfeinerung, welche die innere Vermorschung der Verhältnisse äusserlich übertünchte. Damals suchte sie auch eine Beschirmung ihrer Unhaltbarkeit in grossen Worten und in grossem Reichtum. Die Göttin Roma stand noch im Sitzungssaal des Senates zu Rom und die Tempel der Götzen hatten noch ihre Priester und ihre Verehrer. Die Vermögen der konsularischen und senatorischen Geschlechter waren so gross, dass deren Besitzungen unseren Fürstentümern glichen. Die Sklaven der alten zivilisation zählten ebenso wie die der modernen – nach Millionen, und die Gladiatorenspiele, blutiger zwar, doch nicht entsittlichender als die Schauspiele der modernen Bildung, bestanden noch immer. Und die Macht des heidnischen Geistes mit seinem Hochmut, mit seiner Überschätzung des Ichs und der äusseren Vorzüge, mit seiner Sucht zu prahlen und zu schwelgen, war so gewaltig, dass die entwicklung des christlichen Geistes in den massen durch ihn gehemmt wurde. Er war taub und blind; er wollte die Signatur der Zeit nicht verstehen; er wollte beharren bei seinen Wollüsten, in seinen Traumbilden, bei den Ausgeburten seiner stolzen Gesinnung, gepaart mit niedrigen Begierden.
Da öffneten sich, wie Du von der Jetztwelt sagst, unsichtbare Schleusen und aus ihnen quoll und schwoll eine Sündflut auf, welche nicht bloss die abgestorbene, kraft- und marklose heidnische Kultur, sondern auch die frischen Saaten, die sprossenden Keime, die duftenden Blüten der christlichen zu vernichten drohte. Verwüstend wie Wildwasser brausten die Völker aus den Wäldern des Nordens und den Steppen des Ostens heran, überschwemmten den Süden und Westen Europa's und setzten nach Afrika über, als ob sie begierig wären, allen Spuren der alten römischen Bildung zerstörend nachzugehen. Jahrhunderte lang standen sie wogend und wallend auf dem Schutt und den Trümmern; dann sanken sie allmälig, die Wildwasser verliefen sich, und es zeigte sich, dass der Geist Gottes über dem Chaos geschwebt und seine Schöpfung, das Christentum, behütet, entwikkelt, gefestigt hatte. Der menschliche Wille, möge er zum guten oder bösen sich wenden, ist nicht der einzige Faktor in der Weltgeschichte. Der Geist Gottes, der nie aufhört zu wehen, ist ein anderer – und konnte der die Barbaren der Wildnis zu seinem Werk gebrauchen, so kann er auch die Barbaren der zivilisation zur Zerstörung des modernen Heidentums, das den christlichen Geist zu ersticken sucht, verwenden. Im vierten und fünften Jahrhundert schlich, gerade wie jetzt, ein geheimnisvolles Grauen durch alle Seelen, welche in dem Schattenspiel des öffentlichen Lebens und in den brutalen Genüssen der Sinnlichkeit keine Befriedigung fanden, sondern wie Du, von dem Atem des Todes, den die Lüge aushaucht, sich angeweht fühlten. Sie wollten diesen Göttern und diesen Kaisern so wenig dienen, als ihrem eigenen Ich; sie suchten einen grösseren Herrn. Aber nicht suchten sie ihn auf der Oberfläche des Daseins, nicht am rand des Kreises, den die blitzenden und schillernden Radien wirbelnd ausdehnen. Sie suchten im Centrum; sie suchten das, was jeder Menschengeist finden soll: Wahrheit – die eine, von der alle Wahrheiten ausgehen, wie die Planeten ihr Licht von der Sonne empfangen. Sie suchten mit Ernst, mit Beharrlichkeit. Sie fragten nicht hie und da, oberflächlich wie Pilatus; was ist Wahrheit? – Sie gingen ihr nach, sie spürten ihr nach, aufmerksam, gespannt, wie der Bergmann, der in den Felsenmassen des Schachtes unverwandt die Goldader verfolgt, die durch das Gestein läuft. Aus dem Heidentum, aus dem Judentum, aus der Häresie, aus dem lauen Christentum, aus der Barbarenwie aus der Römerwelt – kamen suchende Seelen; und unter ihnen mancher Sturmvogel, wie Du, der die halkyonischen Tage der Fabel auf den Wellen der Zeit nicht gefunden hatte; aber dafür fanden sie die Wahrheit, die eine, die ewige, die göttlich offenbarte: 'Gott ist die Liebe!' – und dann sprachen sie mit Philippus: 'Das genügt uns.' – Jene so wilden, so stürmischen, so gedrangsalten zeiten waren zugleich die der grossen Bekehrungen. Wir wollen hoffen und beten, dass es auch jetzt so sei und wollen damit anfangen, uns selbst zu bekehren."
"O sprich nicht von Dir, lieber Onkel!" rief Uriel.
"Gerade von mir, denn mich selbst kenne ich am besten. Und zu uns allen spricht der Engel der Offenbarung, den Johannes auf Patmos hörte: 'Wer gerecht ist, werde noch gerechter, und wer heilig ist