von dem sie auslaufen, hat keine Schwerkraft, um sie zu halten und zu binden, ist kein Centrum, ist Nichts, ist Null: sieh, lieber Onkel, das ist ein Bild der Zeit. Die Radien aber blitzen und schiessen und spielen in tausend Farben, wie ein Nordlicht, blendend, überraschend, fort und fort dem Umkreis zu und ziehen alle Blicke von der Leere des Mittelpunktes ab – und auf sich. Und die Blicke lassen sich fesseln durch dies Sinnenschauspiel und das, was es bietet – und die Augenlust zieht die Gier nach Genuss und die Gier nach Besitz nach sich – und d a s ist das Ende der hochgepriesenen zivilisation! da sinkt sie zusammen im Moder ihrer eigenen Zersetzung. Wenn sie etwas Höheres zu geben vermöchte, so würde ja nicht eine so kolossale Lüge, wie wir sie erleben, das öffentliche Leben beherrschen.
Alle Zustände sind hohl. Die Verhältnisse von Staat zu Staat, von Fürst zu Volk, von Volk zu Fürst – sind hohl, sind ohne gegenseitiges Vertrauen, sind ohne Wahrheit, stehen im Kreise jener Radien ohne Centrum. Alle fühlen es, jeder weiss es von sich selbst und von dem anderen, und keiner will es sich merken lassen. Daher wird denn jetzt eine Komödie aufgeführt, die in der Welt umsonst ihres Gleichen sucht – eine Komödie, an der Europa untergeht; die Komödie vom Fortschritt. Ich kann sie nicht mitspielen! ich kann und kann nicht für und durch die Lüge leben und sterben! Schau' auf das Völkerleben, ob je so grosse Worte im Schwange waren, und so wenig – ja, das Gegenteil, hinter ihnen steckte! Freilich, das grosse Wort führen die grossen Herren in den Kammern, die, in Parteien geteilt, herrliche Reden halten über alles Gute und Vortreffliche – die einen, was sie bereits tun, die anderen, was sie tun wollen. Da grünt und blüht Friede und Gerechtigkeit, Bildung und Betriebsamkeit; da geht alles am Schnürchen, von der Dorfschule bis zum Staatshaushalt. Aber schau' auf den gemeinen Mann, wie ihm die Schuldenlast des Staates, die man dessen Reichtum zu nennen beliebt, seine paar Pfennige abquält, die er im Schweiss seines Angesichtes mühselig verdient hat und gern sparen möchte für schlimme Zeit oder seine alten Tage. Wie er, während die grossen Herren in Papieren spekulieren und mit einem Bankerott so leicht fertig werden, als mit einer Flasche Champagner, und endlich denn doch den geliebten Mammon erschwindeln – wie er an diesen Eisenbahnen, an diesen Fabriken, die den Spekulanten, den Besitzer mit Gold mästen, seine Gesundheit opfern, sein Leben wagen muss für geringen Tagelohn, der für die knappsten Bedürfnisse nicht ausreicht; wie er seine Kinder in die Fabriken schikken muss, wo sie entarten an Leib und Seele, aber dafür doch einige Kreuzer heimbringen und ihre armselige Existenz fristen helfen; wie er dabei beständig zittert vor Stockung im Handel und Wandel, vor Krankheit, vor Herabdrücken des Arbeit- oder Tagelohnes, vor Erhöhung der Preise der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse. Schau' ihn an, wie er marklos wird vom unausgesetzten Kampf gegen die bitterste Not, die ihn täglich aus den hohlen Augen von Weib und Kind, aus ihren Lumpen, von ihrem Strohlager, von ihrem kalten Herde angrinst; wie er in leiblicher Schwäche und seelischer Ermattung diese stumpfe Folter nicht mehr erträgt – und zum Branntwein greift, in Ausschweifung hineintaumelt, die Arbeit hasst, Vernunft und gesundes Urteil verliert und die ungeheuere Zahl der Betörten vermehrt, welche jetzt wähnen, republikanische Verfassungen nach kommunistischen und sozialistischen Teorien eingerichtet, oder ihnen sich nähernd, brächten das Heil der Welt. Die Arbeit in der Wildnis ist schwer und rauh und mehr als einer erliegt ihr. Aber die Arbeit in unserer zivilisation ist entsetzlich, saugt das Mark aus den Knochen, das Gehirn aus dem Kopf, das Herz aus der Brust, macht zu einer besinnungslos schwirrenden Maschine. Und diese zählen nach Millionen!! Ist es denn möglich, ohne Erröten vom hohen Zustand unserer Kultur zu sprechen? Da heisst es denn freilich: Der gemeine Mann vegetiert doch nicht mehr in krasser Unwissenheit; er wird unterrichtet, er lernt, er kann sich fortbilden und jede Laufbahn steht ihm offen – allerdings zum Ersticken überfüllt von Nebenbuhlern. Ja, er lernt in den schulen mancherlei, was er bald vergisst, sei's in der Werkstatt, bei dem Feldbau, in der Fabrik oder wo er sein Brot verdient. Indessen etwas behält er doch! er kann lesen. Was liest er? welche Bücher sind ihm erreichbar? – schlechte Zeitschriften, von denen es in der Welt wimmelt, die darauf berechnet sind, den unentwickelten Menschengeist in die Dämmerung eines falschen Wissens zu versetzen, um ihn dort für Parteizwecke zu gewinnen; und Bücher der gemeinsten Art, Romane und Erzählungen auf Löschpapier gedruckt, in Winkelbiblioteken für ein Geringes leihweise zu haben – Gift und Pest für Moral und Sittlichkeit, die sich in Dachkammern und Kellerlöcher, wo Hunger und Kummer hausen, wie Schlangen einstehlen, von Hand zu Hand gehen und ebenso gierig verschlungen werden, wie die Zeitschriften in der Schenke und in der Werkstatt. Das liest er; denn das findet er gleichsam von selbst und mundrecht ihm gemacht, auf den Wegen und Stegen seines Lebens; und das soll für Bildung gelten!! Nein, die Epoche stirbt an der Lüge!"
Mit dem Ausdruck trostloser Entmutigung lehnte Uriel seine Stirn in die Hand und setzte hinzu:
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