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benimmt er sich und besonders gegen Corona. Hätte sie nicht eine übermenschliche Geduld, so wäre sie längst davongelaufen! Wer hätte je eine solche Geduld von der kleinen lebhaften Corona erwartetund je, dass Orest so ausarten könne! Leichtsinnig war er zwar immer; allein solche Leute werden oft die allerbesten Ehemänner. Früher war er doch munter, guter Laune, auch so gewiss gutmütig und gescheut. Jetztalles fort! aber alles! untergegangen in Egoismus, verschlungen von verrückter leidenschaft. Ich sag' Dir, verrückt! denn wenn Du mit ihm sprichst, wie ich es einmal getan habe, so antwortet er Dir: höchst edle Freundschaftplatonische Liebeetc. etc. Stelle Dir dies vor: Orest und platonische Liebe! – Was hab' ich von seinem Platonismus, wenn er all' seine Standespflichten versäumt, Frau und Kind verlässt, der Welt Skandal gibt! Aber die Sache ist so: die Donna ist klug! sie weiss, wie sie ihn fesseln kann. Ich weiss nur nicht, wie lange das währen soll!"

"Mein Gott," sagte Uriel niedergeschlagen, "wie schwer ist die Kunst, glücklich zu sein! für Orest sind doch wahrlich alle Elemente, alles Material dazu vorhanden und er benutzt es nicht und macht sich selbst und Corona unglücklich."

"Mein Trost ist der," sagte Graf Damian mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen inneren Erhebung, "dass Corona sich wirklich zu einer kleinen Heiligen bildet. Ich war diesen Sommer mit ihr in Ems. Sie ist ja eine ganz charmante person und einer solchen fehlt es in der Welt nie an Leuten, die ihr das sagen oder zu verstehen geben. Aber es war als ob sie von dem Mann im Mond oder zu ihm sprächen! Ich habe sie oft in der Stille bewundert wegen ihres unvergleichlich taktvollen Benehmens. Und das weiss ihr leichtfertiger Patron von Mann gar nicht zu schätzen." –

Am Tage nach Allerseelen reiste Graf Damian mit Corona und Felicitas gegen Italien.

"Du bleibst bei uns alten Leuten!" sagte die Baronin Isabelle freundlich zu Uriel. "Du magst auch recht müde von dem rastlosen Umherschweifen dieser viertalb Jahre sein! Was willst Du denn nun beginnen?"

So hatte auch Graf Damian gefragt und Onkel Levin ebenfalls. Jawusste er es denn? Was er nicht wollte, das wusste er. Aber was er wollte? –

"Lieber Onkel," sagte er einmal in einem stillen Gespräch zu Levin, "ich weiss durchaus nicht, was ich auf der Welt anfangen soll. Ich bin ausgereist, um etwas zu suchen, das ich hier nicht fand; ich habe mir in fernen Weltteilen das menschliche Treiben und Wirken betrachtet und überlegt, das mir in dem unseren so fürchterlich missfiel. Es ist dort wie hier. Ich bin nach Europa zurückgekehrtvielleicht mit der leisen Hoffnung, es werde mir jetzt einen besseren Eindruck machen. Aber im Gegenteil! ich habe dies letzte Jahr fast ausschliesslich in Petersburg, London und Paris zugebracht, und zwar nicht in dem teil der Gesellschaft, welche sich exklusiv 'die Gesellschaft' nennt. Die kenne ich aus früherer Zeit! die ist so blasiert, so entsittlicht, so verkommen im brutalsten Materialismus, dass der Duft von Essbouquet und Patchouly, in welchem sie schwimmt, ihren eigentümlichen Verwesungsgeruch nur zurückdrängt, aber nicht verscheucht. Die kenne ich mit ihrer moralisch versunkenen Männerwelt und ihrer durch Eitelkeit sinkenden Frauenwelt, und deren Losungswort, das zu allem hintreibt und alles entschuldigt, es sei noch so gemein und noch so schlecht: geniessen wollen! gefallen wollen!

Der Ekel vor ihr hat mich recht eigentlich damals aus Europa vertrieben, als ich mein Gegengewicht gegen ihren furchtbar verderblichen Einfluss mit der Hoffnung auf häusliches Glück verlor. Aber das öffentliche Leben in Europa, das Leben der Staaten und Völker, die grosse allgemeine Gesellschaft, die wollte ich in's Auge fassen, wollte beobachten, was es denn sei, das die Menschen treibt und bewegt auf der ungeheueren Flut einer rast- und ruhelosen Anstrengung, die augenscheinlich, wie aus unsichtbaren geöffneten Schleusen, den Weltteil so gewaltsam überstürzt, wie die Menschheit es noch nie erlebt hat. Ähnlich war es bei dem Untergang des alten Römerreiches vor den nordischen Barbaren. Ähnlich auch, tausend Jahre später, als Byzanz vor dem Islam fiel. Aber nur ähnlich im kleinen Massstab. Nicht zu einer solchen Ausbreitung über Weltteil und Erdball hatte sich das tausendgliederige Wesen, welches man zivilisation nennt und welches doch keine ist, zerdehnt. Nicht brauchte sie ein China und ein Kalifornien, den Hindu und die Rotaut zu ihrer Tätigkeit; nicht ein Netzwerk von Eisenschienen zu ihrer Bewegung; nicht einen Flug des Gedankens mit Blitzesschnelle über Länder und Meere zu ihrer Mitteilung, wie sie das alles jetzt hat und jetzt braucht. Aber zu welchem Zweck hat die menschliche Gesellschaft diese unerhörte Bewegung zu einem so wichtigen Faktor ihres Bestehens gemacht? welche Bildung wird durch sie errungen, welche Wahrheit durch sie verbreitet, welche Tugend durch sie gepflegt, welche sittliche Grösse durch sie erlangt? welche Würde bringt sie in die Verhältnisse des Menschen, welchen Adel in seine Gesinnung, welche Grundlage in seine Handlungen? – – Null, lieber Onkel, unter Null! Wenn man sich einen Kreis denkt, ausgeweitet bis zur äussersten Spannung, und Millionen von Radien schiessen aus der Mitte dem Umkreis zu und drängen und treiben ihn immer noch mehr und mehr auseinanderaber der Punkt,