gleichsam über den anderen Stimmen, wie ein Balsamduft über Blumen. Ach, Uriel, von Regina gilt das Wort unseres Heilandes: Sie hat den besten teil erwählt!"
"Für sich selbst – gewiss!" sagte Uriel.
"Auch für uns!" entgegnete sie. "Regina ist unsere Beterin. Es gibt in den Familien einige Glieder, die zahlreichsten, welche für irdischen Bestand und irdische Wohlfahrt der Familie sorgen. Damit sich diese nicht zu tief und zu ausschliesslich in das Irdische versenke und verliere, hat sie auch andere Glieder, welche ihr himmlische Gnaden zuwenden. Das Gebet des Gerechten vermag viel: so lehrt und beweist uns die heilige Schrift. Wir sind reich an betenden Seelen: Onkel Levin, Hyazint, Regina."
"Und was haben sie denn für Dich erbeten?" fragte er bewegt und blickte in ihr melancholisches Auge.
"Das, was mir not tut, lieber Uriel," sagte sie mild.
"Nun aber sprich von Orest!" rief er.
"Diesen Brief erhielt ich soeben von ihm; der sagt Dir alles, was ich selbst weiss," entgegnete sie ausweichend und reichte ihm das Schreiben. "Daraus wirst Du sehen, dass ich am Vorabend einer Reise nach Italien bin. Morgen werden die Koffer gepackt, übermorgen gehe ich nach Windeck und mit dem Papa gegen Süden, nach Rom – wo ich Orest finde."
Uriel war über allemassen durch den Inhalt dieses Schreibens betroffen. Orest brauchte enorm viel Geld – Corona sollte nichts brauchen! Er reiste mit Reitpferden – sie sollte ohne Diener reisen! Zuerst nannte er sein Pferd – dann sein Kind! Er fing an, ihre melancholischen Augen zu verstehen. Sie sprachen den ganzen Abend traulich und offenherzig wie Geschwister mit einander; aber Coronas eheliche Verhältnisse berührten sie nicht. Corona schwieg darüber und Uriel fühlte alles, was in diesem Schweigen lag. Als er ihr seine Verwunderung aussprach, dass sie ihr Söhnchen nicht in ihrer Nähe habe beerdigen lassen, sagte Corona:
"Sieh', ich bin hier nicht recht heimisch!" Aber gleich setzte sie erklärend hinzu: "Ringsumher alles protestantisch – das macht mir den Eindruck von unüberwindlicher Fremdheit."
"Und die Kapelle?" fragte er.
Corona kramte tief in ihrem grossen chinesischen Arbeitskorb, um ihr Erröten zu verbergen und wo möglich die Frage im Eifer der Geschäftigkeit zu überhören. Als Uriel sie aber wiederholte, schlug Corona ihm zierlich mit einer Häkelnadel von Elfenbein auf die Finger und erwiderte:
"Warum hast Du sie nicht ausgebaut? Wir haben kein Geld dazu."
Ihn überfiel ein unsägliches Mitleid mit dieser Frau, die in der Blüte der Jugend und Schönheit, und umringt von Reichtum und Wohlbehagen dennoch ein verzichtendes Leben zu führen hatte, dessen Entbehrungen grell abstachen gegen den äusseren Glanz. Sie rührte ihn umso mehr, als sie sehr heiter war. Ihre Kindheit und ihre erste Jugend wachten in tausend Bildern und Erinnerungen in ihr auf, als sie Uriel wiedersah; die zehn Jahre, die er vor ihr voraus hatte, trugen dazu bei, jene aufzufrischen und zu vervollständigen; und dass er darauf einging, dass er es nicht langweilig fand, wie Orest, von der Vergangenheit zu sprechen; dass er nicht vergessen hatte diese Kinderei und jenen Scherz und dass er gar noch mehr wusste als sie – das stimmte sie so froh, wie sie lange nicht gewesen war, die arme Corona. Diese Freude traulicher Mitteilung war ein seltener Gast bei ihr; denn derjenige, auf den sie von Gott und durch die natürlichen Verhältnisse gewiesen war, stiess sie rauh zurück, und bei allen anderen fürchtete sie, bald wehe zu tun, bald schmerzlich berührt zu werden. Bei Uriel fühlte sie eine gewisse wohltuende Sicherheit. Aber so zart hatte ihr demütiges Gebets- und Leidensleben ihr Gewissen gemacht, dass sie, als sie später allein war und vor Gott Rechenschaft über ihren Tag ablegte, mit heiliger Wachsamkeit – mit diesem Gnadenlicht, das um so heller brennt, je reiner die Luft des inneren Lebens ist – ihr Herz durchleuchtete. Und sie dachte daran, dass früher ein leiser, ihr selbst unbewusster Zug von Neigung für Uriel wie ein warmer Hauch ihr Herz berührt habe. Sie verschloss nicht ihr Auge gegen die kleinste Gefahr. Sie verliess sich nicht auf ihr schwesterliches Verhältnis zu ihm; nicht auf ihren reinen Willen. Sie betete um himmlischen Schutz und fasste ihren Vorsatz. "Heilige Mutter Gottes, beschirme Du mein Herz! ich will mich nicht so sehr über Uriel freuen!" – So heiligt man sich. –
Auf Windeck war sie zwiefach willkommen, da sie Uriel mitbrachte. Graf Damian rief vergnügt:
"Geh' nur gleich mit uns nach Rom!"
"Ich bleibe erst noch etwas bei Onkel Levin," sagte Uriel; "aber ich komme. Es ist recht seltsam, dass ich trotz meiner Weltfahrten noch nie in Rom war." –
Graf Damian betrieb rasch die notwendigen Reiseanstalten, umsomehr, als Corona täglich nach Kloster Engelberg hinüberfuhr. Er brach gegen Uriel in heftige Klagen über Orest aus.
"Was sagst Du zu einem solchen Benehmen? Ist's nicht empörend? Die Hälfte des Jahres sitzt er bei dieser Sängerin, dieser Judit Miranes – Du weisst ja deren geschichte! und wenn er auf Stamberg ist, würde man wünschen, dass er nur lieber fortginge – so missmutig, so verstimmt, so gelangweilt, so lebenssatt, so durch und durch unerträglich