an Herz und Geist. Ein Ausruf des Kindes weckte sie aus ihrem Nachsinnen.
"Mama!" sagte Felicitas im Tone des Erstaunens und zeigte mit dem Finger nach der tür, die aus dem Kabinett in den Salon führte. Corona wendete sich nach der tür um: da stand Uriel. Sie streckte ihm beide hände entgegen, aber sie zitterte so heftig, dass sie nicht aufstehen konnte. Die Erinnerung an den Abschied damals in Windeck – und an alles, was zwischen dem Damals und Jetzt lag, überwältigte sie und sie brach in Tränen aus.
"Corona, Du weinst! .... und ich freue mich!" rief Uriel, und drückte und küsste ihre hände.
"O, ich freue mich auch," sagte sie, trocknete ihre Augen und suchte sich zu fassen; "aber Du hast mich erschreckt. Sieh', Uriel, dies ist Felicitas."
Die Kleine hatte bei dem Eintritt eines Fremden ihre Puppenwelt verlassen und sich zur Mutter geflüchtet. Uriel hob sie auf, stellte sie vor sich auf den Tisch und sagte zärtlich:
"Also Du bist Felicitas! Sei willkommen! und sei das Glück Deiner Eltern, Du liebes Kind! .... Wo ist Orest?" setzte er in einem Tone hinzu, der die Erwartung verriet, er werde die Antwort bekommen: Auf der Jagd.
"Er ist verreist – er braucht die Seebäder in Genua," entgegnete Corona beklommen.
"Orest – Seebäder des Südens!" rief Uriel in höchster Verwunderung. "Wenn Du es wärest!"
"O nein," sagte sie abbrechend, "ich bin wohl und brauche desgleichen nicht. Aber nun sprich von Dir, nun erzähle, Du Weltumsegler! Was hast Du gesehen, gehört, gedacht, getan!"
"Gesehen: wie schön Gott die Erde geschaffen – und wie hässlich die Menschen sie und sich selbst gemacht haben. Gehört: mehr Worte als Wahrheit. Gedacht: eines; nämlich – das Menschenherz ist grösser als der Erdball. Getan: nichts."
"Du bist ein lakonischer Berichterstatter," sagte Corona lächelnd.
"Ich habe Dir die Quintessenz meiner Reiseerfahrungen gegeben; ist das nicht die Hauptsache? Allerlei Bilder lassen sich wohl später ausmalen und dienen mehr zur Unterhaltung, als dass sie der Teilnahme genügten. Und deshalb ist jetzt an Dir die Reihe, mir einen Abriss Eures Lebens zu geben."
Corona legte sanft ihre Hand auf das lockige Haar ihres Kindes und sagte himmlisch freundlich:
"Felicitas."
"Du bist aber doch noch lakonischer als ich!" entgegnete Uriel gerührt.
"Ich habe auch keine Weltfahrten gemacht!" rief sie heiter.
Dann fragte er nach dem Vater, nach Onkel Levin, nach Hyazint, nach Tante Isabelle, nach ganz Windeck. Nach Regina fragte er nicht. Aber Corona erzählte von allen und allem und auch von der geliebten Schwester: dass dieselbe den Klosternamen Terese trage – und dass sie alle einmal im Jahre von Windeck aus sie in Himmelspforten besuchten und im Sprachzimmer sie sehen und sprechen dürften. "Das heisst, wir sehen sie hinter dem Gitter und sie schlägt nie ihren Schleier auf. Auf Wiedersehen im Himmel! sagte sie am Tage ihrer feierlichen Einkleidung, und als der Vater sie vor der Ceremonie noch einmal zu sehen und zu sprechen verlangte. Sie war, wie es üblich ist, noch in dem glänzenden weltlichen Anzug, den sie gleich darauf mit dem groben braunen Habit der Karmelitessen vertauschen sollte. Wie eine Königin stand sie da, in dem weissen Seidenkleide und mit den herrlichen Perlenschnüren von der seligen Mutter um den Hals – wie die Königin einer höheren Welt, in welcher Diamanten als Staubeskörner gelten. So stand sie da und das Gitter im Sprachzimmer war weit geöffnet. Der Vater hatte durchaus verlangt, sie im letzten Augenblick zu sprechen und wir waren alle dabei. Alle Verwandten waren gekommen zu der heiligen Feierlichkeit, die der Bischof vollzog. Papa sagte ihr vieles und Onkel Levin auch ein paar Worte; aber sie erwiderte nur: Der Bräutigam ruft, ich muss ihm folgen! und ähnliches mehr, ganz sanft, ganz bestimmt – wie sie immer war. Endlich kniete sie am Gitter nieder und bat Papa und Onkel Levin um ihren Segen – und als sie dann aufgestanden war und uns alle und jeden einzelnen ansah mit ihrem tiefen unvergesslichen blick, da sagte sie: Auf Wiedersehen im Himmel! und wie eine wandelnde Lilie verliess sie das Zimmer. Jetzt, wenn wir kommen, ist sie immer von einer ganz herzzerschmelzenden Liebe, als ob sie ihr Leben aushauchen möchte, um Seelen zu Gott hinzuziehen. Diesen Sommer fragte ich sie: Kommst Du vom Kalvarienberg, um so zu lieben? Da antwortete sie so recht nach alter Art, damit nur niemand sie für etwas Besonderes halten möge: Ach nein! aus meiner Zelle! Wir gehen dann immer in die Klosterkapelle, um sie singen zu hören; am Abend nach der Vesper ein 'Salve Regina' oder 'Regina coeli, laetare'. Die Karmelitessen singen wunderschön, mit gedämpfter stimme, nach der Tradition der heiligen Terese, welche gesagt hat, die laute stimme, der weitin tönende Gesang schicke sich nicht für Klosterfrauen, bei denen alles das Gepräge der Abtötung, nicht der natürlichen Gabe, tragen müsse. Und so singt denn auch Regina wie vom Himmel herab. Die Leute kommen aus der Stadt, um sie zu hören. Ihre stimme schwebt