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er sich und öffnete die letzte zuerst. Sie meldete ihm den Tod seines Sohnes. Das schwache Lebensflämmchen war nicht zu erhalten gewesen und nach vierundzwanzig Stunden still erloschen. Orest war vernichtet. Er hatte einen Sohn gehabt und verlorenund ihn nie gesehen! Er sauste mit dem Schnellzuge durch die Nacht und war am andern Vormittag auf Stamberg, ausser sich, verzweifelnd, mit Gott und Menschen hadernd, denn einen Sohn hatte er gewünscht, einen Träger des Namens, einen Erben des Vermögens, einen Vertreter des Hauses Windeck; und nun fand er ihnaber als Leiche. Auf Frühlingsblumen gebettet und in Spitzen eingehüllt lag die kleine Leiche in dem Saal, der zur Kapelle umgeschaffen war, und Felicitas sass, mit Blumen spielend, so ruhig und ahnungslos neben dem kleinen Sarge, als ob es die Wiege ihres entschlafenen Brüderchens sei. Dies Bild eines Friedens, der Zeit und Ewigkeit umschloss, trat so überwältigend in die wilde Gewitternacht seines inneren, dass Orest ohnmächtig neben den beiden Kindern zusammensank. Dies entwaffnete etwas den Graf Damian, der einen beträchtlichen Vorrat von Groll gegen seinen Schwiegersohn in sich aufgespeichert hatte, und der Hausarzt sagte zu Levin:

"Ja, ja! so sind die Leute! Nichts wollte der Herr Graf davon hören, seine Reise abzukürzen, obgleich es ja auf der Hand liegt, dass bei einer so zarten Gesundheit, wie die Frau Gräfin hat, die Dinge leicht eine schlimme Wendung nehmen. Und nun ist er desperat, das Bübchen nicht mehr am Leben zu treffen, und hat nicht übel Lust, uns alle dafür verantwortlich zu machen."

Corona hatte ihr Kind in die Hand Gottes zurück gegeben, aus der sie es empfangen hatte. Bei solcher Gesinnung verliert der Schmerz seine Herbe und seinen Stachel; aber weh tut er doch! Das Herz blutet sich leise nach innen aus. Sie suchte Orest zu trösten und zu beruhigen und bat ihn, dass das Kind in der Familiengruft zu Kloster Engelberg beigesetzt werde.

"Dort sind wir im Sarge zu haus," sagte sie, "und viele heilige Messopfer und Gebete erheben sich über unsere Gruft und schlingen die Toten in den Verband des ewigen Lebens hinein."

Was sie wünschte, geschah. Es war, als habe sie einen blick in ihre Zukunft getan. allmählich senkten sich wieder die Wellen in den aufgeregten Gemütern, und das Alltagsleben kehrte in das gewöhnliche Geleise zurück. Graf Damian, Levin und die Baronin Isabelle verliessen Stamberg. Corona erholte sich; doch so langsam, dass sie im Laufe des Sommers eine Kur in Ems brauchen musste und dass die Ärzte erklärten, sie müsse den nächsten Winter in Italien zubringen, in Rom oder Pisa; ihre Brust scheine angegriffen.

"Also nach Rom!" rief Orest.

"Ja, nach Rom!" sagte Graf Damian. "Ich gehe mit. Das habe ich mir schon lange gewünscht."

Er war auch in Ems mit Corona; er konnte sich kaum mehr von ihr trennen, so sehr fühlte er die Verpflichtung, in ihrer Verlassenheit ihr beizustehen. Hyazint war bereits im Frühling nach Rom gegangen, um dort ein Jahr teologische Studien zu machen. Der Grund, weshalb Orest sich für Rom entschied, war kein anderer, als weil Judit dahin ging. Diese hatte erklärt, ihr Ruhm sei jetzt begründet; sie brauche London und Paris nicht mehr; sie wolle fortan nur in Italien singenund diesen Winter in Rom. Als Orest's Schmerz um sein Kind sich gelegt hatte, schlief auch sein Gewissen wieder ein und der Schmerz ging schnell vorüber, denn er hatte doch eigentlich nur einen künftigen Orest in seinem Sohn ersehnt, geliebt, betrauert. Ein solcher Schmerz ist nicht die glühende Kohle, die das Innere entzündet; ist nur ein dürftiger Funke, der in der kalten inneren Finsternis schnell erlischt. Mit brennender Ungeduld harrte er auf den Augenblick, wo Judit am Genfersee sich ausruhen werde; dann wollte er zu ihr, sein Verschwinden aus Paris und ohne Abschied von ihrgleichviel wie erklären und dann nach Stamberg zurückgehen, um mit Corona die italienische Reise anzutreten. Die Ärzte hatten freilich geraten, Corona möge nicht den Oktober diesseits der Alpen abwarten; aber Judit war ja im Oktober in der Villa Diodati! da musste Corona schon Geduld haben! Endlich kam statt seiner jener Brief, der ihr anzeigte, dass sie die Reise allein mit Graf Damian zu machen habe.

Die Heimkehr

In Sinnen verloren sass Corona am Schreibtisch, den Brief in der einen Hand und in die andere den Kopf gestütztso lieblich in ihrer Erscheinung, ihrem Ausdruck, ihrer Haltung, dass die volle ehemännische Gleichgültigkeit dazu gehörte, um eine andere Frau ihr vorzuziehen. Ihr lichtbraunes Haar war à la Valois in weichen Wellen zurückgeschlagen und liess die Stirn ganz frei, die weiss wie Alabaster, an den Schläfen ein feines bläuliches Geäder, zart wie auf Blumenblätter getuscht, durchschimmern liess. Vom zartesten Schnitt waren ihre Züge, vom zartesten Rosenhauch ihr Kolorit und mit einer ihr eigentümlichen Grazie hoben und senkten sich ihre langen, gebogenen Wimpern über ihr mildes, aber melancholisches Auge. Sie trug ein Kleid, wie es sich für die Jahreszeit passte, von schwerem Seidenstoff, perlgrau mit korallenfarbenen Ramagen, und Broche und Ohrringe von geschnittenen Korallen und eine Fülle von Spitzen fiel von ihren schmalen weissen Händen zurück. Sie sah aus, wie eine wunderschöne Blume aus einem fremden Himmelsstrichfein und zart organisiert an Leib und Seele,