1860_von_Hahn_Hahn_162_177.txt

in dir besitze ich ja das Paradies! – – Graf Damian besuchte sie und fand sie so leidend, so übel aussehend, dass er der Baronin Isabelle schrieb und sie bat, nach Stamberg zu kommen. Grenzenlos war Coronas Freude, als sie nicht allein kam; Onkel Levin begleitete sie. Seit vielen langen Jahren hatte er Windeck nicht verlassen. Aber er dachte: Vielleicht ist sie reif für die Ewigkeit; vielleicht ruft der gnädige Gott eine Seele, die durch reine edle Schmerzen früh geläutert ist, aus diesem Tal der Tränen. Und sie hat niemand, der ihr in schwerer Stunde mit geistlichem Trost und mit den göttlichen Gnadenmitteln der Kirche zur Seite stehe. Er erbat und erhielt die bischöfliche Erlaubnis, in einem Saal, der an die Wohnzimmer stiess und nicht benutzt wurde, eine Kapelle einrichten und die heiligsten Geheimnisse feiern zu dürfen.

"Heute ist meinem haus Heil widerfahren!" frohlockte Corona, als Onkel Levin eintraf und diese Nachricht mitbrachte. Ihrem Vater gegenüber war sie immer fröhlich, mitteilend, gesprächigund ganz ungesucht, ganz einfach. Sie litt nicht, dass er auch nur eine Silbe der Missbilligung über Orest's Benehmen äussere. Von diesem Zwang, der ihm sehr lästig war, erholte er sich bei Levin.

"Ich möchte dem Jungen, dem Orest, den Hals umdrehen!" rief er zuweilen.

"Lieber das Herz!" entgegnete Levin.

"Ja freilichdas Herz! aber hat er ein Herz, wenn er keines hat für diesen Engel von Frau? sie ist meine Tochter und es ist wider den Anstand, das eigene Kind zu loben; aber ich kann mir nicht helfen! Sehe ich ihr liebes, sanftes Gesicht an, so muss ich immer denken: O du lieber Engel!" –

Mit Levin sprach Corona anders, als mit Graf Damian. Sie sagte:

"Lieber Onkel, wie gut ist Gott! wie erbarmt er sich meiner! Ich war ein kleines, eitles, launenhaftes Mädchen, mit allen Anlagen zur Selbstsucht und zur Selbstgefälligkeitund dabei verzogen und verwöhnt wie Eine! Wäre das so fortgegangen, hätten mich die äusseren Verhältnisse immer so weich und warm gewiegt und getragenwer weiss, ob ich nicht ein recht schlimmes Weltkind geworden wäre."

"Wohl Dir, dass Du es erkennst, geliebtes Kind," erwiderte Levin. "Irdisches Glück erschlafft und erkältet uns oft gegen unsere himmlische Bestimmung. Das Herz des Menschen ist wie ein Rauchfass, in welchem allerhand Weihrauchkörner liegen und aus welchem dennoch kein Wohlgeruch aufsteigtdenn der Weihrauch brennt nicht. Da fallen Kohlen auf ihn, entzünden ihn, entwickeln seinen Arom, der sich zu lieblichem Duft und in zartem Gewölk ausbreitet und zum Tabernakel emporsteigt, in welchem unser Gott unter uns wohnt. Die zündende Kohle im Menschenherzen, Kinddas ist der Schmerz. Wer möchte ihn missen, da durch ihn unser kaltes trockenes Herz verwandelt wird in eine Schale, die vor Gott süssen Wohlgeruch aushaucht." – –

Corona war sehr krank. Zwei Ärzte waren im Schloss. Ein Telegramm ging nach Paris und benachrichtigte Orest von ihrer Gefahr. Er war aber nicht in Paris, sondern in Lyon, wo Judit ein Konzert gab. Corona sagte zu den Ärzten:

"Ich habe von Fällen gehört, in denen es möglich sein soll, Mutter und Kind am Leben zu erhalten. Es könnte ja sein, dass sich dieser Fall für uns ereignete; denn ich weiss, es steht nicht gut mit mir. Tritt er eindann vergessen Sie nicht, dass es sich handelt um eine unsterbliche Seele. Ich habe so eben die heiligen Sterbsakramente empfangen und darf hoffen, dass der liebe Gott meine Seele in Gnaden aufnehmen werde; also ich kann sterben. Aber das Kind muss lebendenn es muss die heilige Taufe empfangen."

Der eine Arzt dachte bei sich selbst: die Logik verstehe ich nicht. Der andere, Coronas Hausarzt, der trockene Mann, sah sie an mit feuchtschimmernden Augen und sagte im barschen Ton:

"Gnädige Gräfin müssen nicht so sprechen! davon wird einem ja ganz unnützer Weise das Herz weich. Man ist ja auch ein Christenmensch und hat ein Gewissen."

"Gut, Herr Doktor!" sagte Corona; "auf Ihr Gewissen lege ich die Seele des Kindes." – –

Namenloser jubel brach im Schloss aus: Corona lebte und ihr Sohn lebte auch; schwach und schwankend zwar, aber er lebte.

"Wie soll er heissen?" fragte Levin; "ich taufe ihn gleich."

"Gott war mit uns!" sagte Corona strahlend vor Wonne; "Emanuel soll er heissen."

Alles an ihr war übernatürlich: ihre Freude wie ihr Leid; ihre Gedanken wie ihre Liebe. Und abermals ging ein Telegramm mit diesen Nachrichten zu Orest und traf ihn nicht; denn er war noch in Lyon bei einem prächtigen fest, das man zu Ehren Judits gab. tages darauf ging sie nach Paris zurück. Man war in der Charwoche und sie hatte versprochen, am grünen Donnerstag in der Kapelle der Klosterfrauen von Unserer Lieben Frau von Sion zu singen; Pergoleses "Stabat mater", zum besten des Klosters. Auch ihr Konzert in Lyon war für einen Zweck der Barmherzigkeit gewesen und nie schlug sie eine solche Bitte ab. Mit Orest zugleich traf ein drittes Telegramm aus Stamberg ein, so dass er auf seinem Tisch drei telegraphische Depeschen fand. Trotz seines Leichtsinns entsetzte