nichts vorzuwerfen habe; ich amüsiere mich nur mit – Freunden. Es gibt nichts Unerträglicheres, als eifersüchtige Launen."
"Gott sieht in mein Herz," antwortete Corona sanft. "Ich hoffe, er spricht mich frei von unedler Eifersucht und gibt mir das Zeugnis, dass ich keine andere Absicht habe, als Dich zufrieden – und mit Dir selbst, mit Deiner Lage und mit Gott versöhnt zu sehen."
"Und woher weisst Du denn, dass ich es nicht bin?"
"Weil Deine Pflichten Dir eine so unerträgliche Bürde sind, dass Du sie fliehst, lieber Orest," sagte sie schüchtern. "Ach, sie können uns ja schwer werden und wir dürfen ja ihre Wucht empfinden; aber wenn Gott sie tragen hilft, so harren wir aus. Versuch' es, lieber Orest, ach, versuch' es! harre aus. Ich bitte nicht für mich! um mein eitles und selbstsüchtiges Herz mehr und mehr zu verleugnen, fügt Gott es so, dass ich in Deinem Herzen nichts gelte: also bitte ich nicht meinetwegen! aber ich bitte für Dich selbst und für Deine Kinder."
Sie sank ihm zu Füssen mit strömenden Tränen, aber ohne leidenschaft, ohne Aufregung. Sie weinte mit seinem Schutzengel, um ihn, nicht um sich. Felicitas brach aber in lautes Weinen aus und schmiegte sich an die knieende Mutter. Orest rief in äusserster Ungeduld:
"Auch das noch! muss man da nicht aus dem haus getrieben werden! Weibertränen und Kindergeschrei – das ist einem Menschen zu viel zugemutet, davon werden die Nerven ganz erschüttert."
"O lieber Orest!" bat Corona immer auf den Knieen, "sage das nicht, verleumde Dich nicht! nicht Deine Nerven werden erschüttert, sondern Dein Herz. Vergib uns die Tränen! Du kannst sie ja so leicht stillen. Sprich nur: ich bleibe! – und wir weinen nicht mehr."
Sie ergriff seine Hand und küsste sie. Da trat er zurück und rief heftig:
"Steh auf! all' solche Scenen sind mir verhasst. Ich kann es nun einmal nicht jahraus jahrein hier aushalten; ich muss im Winter und im Sommer kleine Reisen zu meiner Erholung machen. Du wirst doch nicht verlangen, dass ich hier umkommen soll."
"Ich verlange gar nichts, lieber Orest, ich bitte nur."
"Da ich Dir aber meine Gründe gesagt habe, so mein' ich, Du solltest Deine Bitten einstellen."
"O vergib mir, dass ich dennoch bitte. Ach, Du sagst, Du müsstest eine Erholungsreise machen; nun wohlan, reise! aber reise nach Venedig, oder Wien, oder wohin Du willst – nur nicht nach Paris."
"Nun ist's genug!" brach Orest im heftigsten Zorn aus; "nun hab' ich's satt! nun kommt Dein Eigensinn zutage! Ja, reise! .... nach Kamtschatka reise! nach Marokko reise! .... nur nicht nach Paris. Und warum nicht nach Paris? .... eben weil ich dahin will!"
"Ganz recht, lieber Orest, eben um Dir einen Anlass zu geben, Deinen Willen zu verleugnen."
"Du bist sehr gütig, Dich zu meiner Gouvernante machen zu wollen; allein ich rate Dir, dies Amt bei Lili anzutreten und ihr das Weinen abzugewöhnen. Übermorgen gehe ich nach Paris."
Corona hatte noch immer auf den Knien gelegen; jetzt stand sie auf und sagte zu Felicitas, indem sie ihr die Tränen von den langen Wimpern trocknete:
"So, meine Lili! jetzt küsse dem Papa die Hand und bitte ihn um Verzeihung, dass wir geweint haben."
Zaghaft gehorchte das Kind, küsste Orests Hand und sagte ängstlich:
"Papa, nicht böse auf Lili."
"Geh' nur, geh'!" erwiderte er rauh.
Corona nahm die Kleine auf den Arm und verliess schweigend Orest, der mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und hielt und bei sich selbst murmelte: "Die Weiber sind ganz darauf eingerichtet, einen ehrlichen Mann um den Verstand zu bringen!"
So wirkt die leidenschaft: sie entnervt den Menschen und sie macht ihn barbarisch.
Orest ging nach Paris, Corona blieb allein; aber Gott war mit ihr. Sie war wochenlang auf ihre Gemächer beschränkt, so leidend, dass sie sich kaum mit etwas Handarbeit – und gar nicht mit Musik und Lesen beschäftigen durfte; und dass es ihr nicht einmal möglich war, Sonntags zum Gottesdienst zu fahren. Sie verlor nie die Geduld bei so herben Entbehrungen; sie klagte nie, dass sie ihr zur Last fielen. In ihrem freundlichen Turmkabinet verbrachte sie meistens ihre Tage. Zuweilen ruhte ihr blick lange auf der winterlichen Landschaft, die sie aus ihren Fenstern weit und breit übersah. Das weisse Leichentuch des Schnees lag auf Berg und Tal, auf Wald und Flur – so kalt, so schauerlich, so ertötend. O Winter meines Lebens! seufzte wohl einmal Coronas Menschenherz mit seinen zwanzig Jahren. Und der Frühling kommt doch! der ewige Frühling! setzte sie entschlossen hinzu und zog mit himmlischer Energie ihr Herz höher, über seine zwanzig Jahre und seine Erdenwünsche hinauf. Und fiel ihr Auge gar auf Felicitas, so rief sie froh: Mein Gott, wie undankbar ich bin! hab' ich nicht im Erdenwinter mein Schneeglöckchen, mein süsses Kind! O du Seele meines Kindes –